Stand: 27.06.2019 23:18 Uhr

"Sea-Watch 3"-Kapitänin: Lösung zeichnet sich ab

Bild vergrößern
Kapitänin Rackete (l.) wartet auf die Entscheidung der italienischen Behörden.

Seit mehr als zwei Wochen warten rund 40 Geflüchtete an Bord des deutschen Seenot-Rettungsschiffs "Sea-Watch 3" auf dem Mittelmeer darauf, das Schiff verlassen zu können. Nachdem die Kieler Kapitänin Carola Rackete am Donnerstagnachmittag den Hafen der italienischen Insel Lampedusa angesteuert hat, könnte es nun bald so weit sein. Zunächst hatten die Behörden Rackete nach deren Angaben allerdings mitgeteilt, dass es keinen Liegeplatz für das Schiff im Hafen geben würde. Daraufhin wollte die Crew die Menschen zunächst auf eigene Faust mit kleineren Schnellbooten an Land bringen, wie zwei NDR Reporter berichten, die für eine Dokumentation an Bord des Schiffs sind.

Dann seien allerdings Beamte der Küstenwache und der Guardia di Finanza - einer Spezialeinheit der Polizei, die die italienische Zollgrenze sichert - auf das Schiff gekommen. "Die haben uns gebeten, ein bisschen Geduld zu haben, da sich eine Lösung abzeichnen werde. Und ich hoffe natürlich, dass sie damit Recht haben", sagte Rackete in einem auf Twitter veröffentlichten Video. Am Abend beriet die Kapitänin mit italienischen Parlamentariern, die ebenfalls an Bord gekommen sind, wie es weitergehen soll. Möglicherweise könnte in der Nacht eine Lösung gefunden werden.

Deutsche Regierung führt Gespräche mit allen Akteuren

Die Hauptstadtkorrespondentin Kerstin Dausend sagte am Abend bei NDR//Aktuell, die deutsche Regierung signalisiere Hilfsbereitschaft, habe aber noch nichts Konkretes zugesagt. Das zuständige Bundesinnenministerium sei mit allen Akteuren - wie in vergleichbaren Fällen - im Kontakt. Man sei auch bereit, sich an einer Lösung zu beteiligen, die Gespräche seien allerdings vertraulich. Italiens Innenminister Matteo Salvini hatte angekündigt, die Migranten nur an Land zu lassen, wenn andere EU-Staaten sie aufnehmen würden - explizit nannte er Deutschland und die Niederlande.

Am späten Donnerstagabend durfte ein weiterer Migrant wegen eines medizinischen Notfalls das Schiff verlassen und in ein Krankenhaus gebracht werden. Auch sein zwölfjähriger Bruder ging von Bord, wie NDR Reporterin Nadia Kailouli berichtete.

Seit Mittwochabend hatte die "Sea-Watch 3" in Sichtweite des Hafens von Lampedusa gelegen. Zusammen mit den Migranten und ihrer Crew wartete Rackete auf eine positive Entscheidung der italienischen Behörden, dass die geretteten Menschen an Land gehen dürfen. Am Donnerstagmorgen kündigte sie an: "Wenn sie das nicht machen, werden wir heute Abend die Einfahrt in den Hafen erzwingen." Nun ist sie auf dem Weg. Dabei beruft sie sich auf das Seerecht: "Eine Rettung ist abgeschlossen, wenn Menschen im Hafen sind. Und es gibt eine Pflicht zur Hilfeleistung."

Im eigenen Hoheitsgewässer haben die Italiener das Sagen

Dagegen steht allerdings ein ausdrückliches Verbot der italienischen Regierung, in Italiens Hoheitsgewässer einzufahren. Nach dem Seerechtsübereinkommen, das auf dem Meer klare Grenzen zieht, gehört die sogenannte Zwölf-Meilen-Zone zum Staatsgebiet. Die friedliche Durchfahrt ziviler Schiffe muss geduldet werden. Ein Aufenthaltsrecht für ausländische Schiffe innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone gibt es allerdings nicht. Und das Seerechtsübereinkommen erlaubt einem Staat, Zwangsmaßnahmen gegen Schiffe unter fremder Flagge in seinen Küstengewässern anzuwenden - wenn "legitime Eigeninteressen" vorliegen. Schiffe privater Seenotretter dürfen seit Juni 2018 nicht mehr in Italien einlaufen.

EU-Kommissar bittet um Aufnahme der Flüchtlinge

EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos appellierte am Donnerstag in Brüssel an alle EU-Länder, Solidarität zu zeigen. Voraussetzung für die Verteilung sei, dass die Menschen zunächst an Land gelassen würden. "Deshalb hoffe ich, dass Italien in diesem speziellen Fall zu einer schnellen Lösung für die Personen an Bord beitragen wird", so Avramopoulos.

Sea-Watch-Crew droht strafrechtliche Verfolung

Trotz des Verbots hatte Rackete am Mittwochnachmittag entschieden, die "Sea-Watch 3" in italienische Gewässer zu steuern und den Hafen der Insel Lampedusa anzufahren. Damit riskieren die Kapitänin und ihre Crew, dass ihr Schiff festgesetzt wird und sie selbst strafrechtlich verfolgt werden. Seit Mitte des Monats gilt ein härteres Gesetz: Wer Menschen unerlaubt nach Italien bringt, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro rechnen.

Außerdem befürchtet Sea-Watch, dass Italien die "Sea-Watch 3" beschlagnahmen könnte. Dessen sei sie sich bewusst, sagte die Kieler Kapitänin. "Ich bin für die auf dem Meer Geretteten verantwortlich und die halten es nicht mehr aus. Ihr Leben kommt vor jedem politischen Spiel." Eine Seemeile vor der Insel war das Rettungsschiff von der italienischen Küstenwache gestoppt worden.

Innenminister bezeichnet Kapitänin als "Schlaumeierin"

Salvini reagierte am Mittwochabend mit einer Wutrede auf Facebook und bezeichnete die Kieler Kapitänin als "Schlaumeierin". Außerdem drohte er den EU-Partnern, Immigranten in Italien künftig nicht mehr zu registrieren. Laut Rackete hatte sich die Situation auf dem Schiff innerhalb eines halben Tages stark verschlechtert.

"Die Menschen sind traumatisiert, einige haben Folterwunden. Die Ärzte schreiben täglich Berichte, dass die Leute hier an Bord nicht weiter medizinisch und humanitär versorgt werden können", sagte Nadia Kailouli vom NDR Fernsehen schon am Mittwoch.

Finale einer zweiwöchigen Odyssee

Am 12. Juni hatte die "Sea-Watch 3" in internationalen Gewässern 53 Menschen gerettet, unter ihnen neun Frauen, 39 Männer, zwei Kleinkinder und drei unbegleitete Minderjährige. Das seeuntaugliche Schlauchboot befand sich etwa 47 Seemeilen von der Küste Libyens entfernt. Die "Sea-Watch 3" habe danach Kurs auf Lampedusa genommen, weil dies der einzige sichere Hafen in der Nähe sei, so Kapitänin Rackete. Seitdem steht sie in Verhandlungen mit den italienischen Behörden, die inzwischen 13 Geflüchtete als medizinische Notfälle an Land gebracht haben.

Weitere Informationen
4 Bilder

"Sea-Watch 3" fährt Richtung Lampedusa

Trotz des Verbots steuerte die "Sea-Watch 3" Lampedusa an. Die Situation auf dem Schiff habe sich stark verschlechtert und die Geretteten seien erschöpft, so Kapitänin Rackete. Bildergalerie

Wie geht es weiter für die "Sea-Watch 3"?

Eine Kieler Kapitänin hat das Seenot-Rettungsschiff "Sea-Watch 3" trotz Verbots in italienische Gewässer gesteuert. Das Schiff liegt vor Lampedusa. Italiens Innenminister giftete via Facebook. mehr

Bündnis "Sichere Häfen": Bund trägt die Kosten

21.06.2019 14:00 Uhr

Kämen durch das Bündnis "Sichere Häfen" mehr Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein, müssten die Kommunen nur mit geringen Kosten rechnen. Das teilte der Bund mit. mehr

"Die 'Sea-Watch 3' ist unsere Antwort"

25.07.2017 03:00 Uhr

Seenotretter sind zum Spielball der Politik geworden. Auch die Helfer von "Sea-Watch" sehen sich Vorwürfen ausgesetzt. Wie sie darauf reagieren, erzählen sie im Interview mit NDR.de. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.06.2019 | 14:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:38
Schleswig-Holstein Magazin
02:30
Schleswig-Holstein Magazin
02:20
Schleswig-Holstein Magazin