Stand: 16.10.2019 16:18 Uhr

Belt-Querung: Deutschland hat den Mut verloren

von Stefan Böhnke

Der geplante deutsch-dänische Fehmarnbelt-Tunnel ist das zweitgrößte europäische Infrastrukturprojekt. Aber es droht für Deutschland finanziell zu einem Fass ohne Boden zu werden: Auf 38 Seiten beschreibt der Bundesrechnungshof, der die Ausgaben der Regierung kontrollieren soll, eine Kostenexplosion für den Steuerzahler. Statt ursprünglich 817 Millionen Euro für die Anbindung sollen die neuen Schienen und Straßen auf deutscher Seite nun 3,5 Milliarden Euro kosten.

Ein Kommentar von Stefan Böhnke, NDR 1 Welle Nord

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Mit dauernder Kritik und einer ständigen Blockadehaltung sind wir dabei, unseren Wohlstand zu verspielen, meint Stefan Böhnke.

Da sind sie wieder: die Belt-Gegner. Wieder gibt es eine neue Quelle, die Wasser spendet auf die Mühlen derjenigen, die schon immer gegen dieses Mammutprojekt waren. Diesmal gespeist vom Bundesrechnungshof, der prognostiziert, das Projekt werde ja viel teurer, könne sich also niemals tragen. 

Die selbst ernannten Belt-Retter wittern Morgenluft; die Grünen im Norden sehen ein zweites Stuttgart 21 entstehen. Doch die Zahlen der Rechnungsprüfer werden auch bereits angezweifelt - so unter anderem von der Deutschen Bahn. Und während wir hier in Deutschland zum gefühlt Hunderttausendsten Mal die Diskussion Für und Wider Fehmarnbeltquerung erleben - ohne ein wirklich neues Argument -, werden in Dänemark Fakten geschaffen. Der Bau hat dort bereits begonnen.

Neues wagen? Visionen entwickeln? - Fehlanzeige!

Der Umgang mit diesem Projekt in Deutschland dagegen ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die den Mut verloren hat, Neues zu wagen, Visionen zu entwickeln. Wir wollen keine Beltquerung, wir kaufen keine Diesel mehr, wir sollen nicht mehr fliegen, wir wollen keine neue Stromleitung, keine Windräder, aber auch keine Kohlekraft und erst recht kein AKW - deren Müll beim unweigerlichen Abriss will aber auch keiner. Es soll sich alles ändern, aber irgendwie auch nicht.

Hey Deutschland, was ist nur los mit Dir? Wo ist Dein Mut geblieben? Der Mut, in Problemen Herausforderungen und Chancen zu sehen. Wir hatten ihn einst - in einer Zeit, als Deutschland nach 1949 politisch, wirtschaftlich, moralisch am Boden lag und wir allen Grund zur Mutlosigkeit hatten.

Immer nur Kritik, immer nur Klagen

Der Innovations- und Gründergeist von damals machte "Made in Germany" zu einem weltweiten Markenzeichen. Er bescherte uns den Wohlstand, der uns den Sozialstaat und später auch den Umweltschutz erst finanzieren ließ. Wir sind aber dabei, eben diesen Wohlstand zu verspielen. Im Internet geben längst andere Länder die Regeln vor. Beim Mobilfunk konkurrieren wir mit den Schlusslichtern in Europa. Unsere Automobilindustrie ist - auch durch eigene Fehler - in einer Existenzkrise. Und kaum ein Infrastruktur-Projekt gelingt in dem Zeit- und Kostenrahmen, der einst versprochen wurde.

So ist es auch bei der Fehmarnbelt-Querung. Statt die Chancen zu sehen, die die neue Verbindung nach Skandinavien bietet, und die ökologischen und ökonomischen Bedenken als Herausforderung anzunehmen: kritisieren, klagen und verhindern, so lange es geht, weil alles doch irgendwie so bleiben soll, wie es ist. Doch wenn wir so weitermachen, gelingt uns das am Ende eben nicht.

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Das dänische Unternehmen Femern A/S, das die Fehmarnbelt-Querung bauen will, ist davon überzeugt, dass der Tunnel weniger Umweltschäden anrichtet, als Naturschützer befürchten. Video (03:24 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 16.10.2019 | 17:08 Uhr

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