Stand: 09.04.2013 11:00 Uhr  | Archiv

Keks-Affäre: Warum ein Kita-Konflikt eskaliert

von Linda Luft & Kolja Robra
Butterkekse (Screenshot)
Waren Butterkekse wirklich Stein des Anstoßes?

Delingsdorf ist ein beschaulicher Ort in Schleswig-Holstein mit 2.200 Einwohnern. Oder besser: Er war es. Bis er Ende März bundesweit in die Schlagzeilen geriet: "Kita wirft Vierjährigen nach Streit um Kekse raus" oder gar "Kita-Krieg" titelten überregionale Zeitungen. Was war geschehen?

Eigentlich nichts wirklich Dramatisches: Zwischen der Kita der Gemeinde und den Eltern des vierjährigen Thore hatte es in der Vergangenheit immer wieder Meinungsverschiedenheiten gegeben, bisweilen wohl auch heftigen Streit. Zuletzt ging es um ein paar Kekse, die die Eltern Thore als Butterbrotersatz mit in den Kindergarten gegeben hatten. Die Kita hatte dem Sohn die Kekse wieder mit nach Hause gegeben - versehen mit dem Zettel: "Bitte denken Sie daran, dass wir ein zuckerarmer Kindergarten sind." Wieder beschweren sich die Eltern, wieder gibt es Streit, wieder kann man sich nicht einigen. Die Gemeinde entscheidet sich, aufgrund eines gestörten Vertrauensverhältnisses den Vertrag mit den Eltern zu lösen - soweit die Fakten.

 

VIDEO: Keks-Affäre: Warum ein Kita-Konflikt eskaliert (6 Min)

Die Eltern wenden sich an die Lokalpresse

Doch dann wenden sich die Eltern an das "Stormarner Tageblatt". Die Zeitung berichtet sachlich vom Kita-Konflikt. Der Keks - ein Randaspekt. Doch genug für findige Journalisten, die eine große Story wittern. Ein paar Tage später ist in zwei Zeitungen des Axel-Springer-Verlags plötzlich von der "Keks-Affäre" die Rede.

Der Bürgermeister beruft eiligst eine Pressekonferenz ein, berichtet vom Konflikt, will aufklären, betont: "Es geht nicht um Butterkekse! Das ist kein Grund für uns, ein Kind des Kindergartens zu verweisen." Zwei Jahre sei man vielmehr mit den Eltern des kleinen Thore im Gespräch gewesen, habe sie aber dem Kindergarten-Angebot nicht zufrieden stellen können. Deswegen habe man sich nach reiflicher Überlegung zu diesem Schritt entschlossen.

Drohungen und Anfeindungen

Das Schreiben der Kita.
Die Keksaffaire sorgt für medialen Wirbel - dabei geht es gar nicht um die Butterkekse.

Doch mehrere der anwesenden Journalisten scheinen nicht richtig zuzuhören. Und schreiben weiter von Keksen und Kündigung: "Öko-Kita feuert kleinen Thore!" oder "Keks in der Butterdose. Da flog Thore aus der Kita". Die Geschichte verfängt. Sie ist ja auch zu gut: Die halbe Republik diskutiert über den arme Thore, der wegen ein paar Keksen aus der Kita geflogen ist. Kita, Bürgermeister und Gemeinde erreichen fortan hunderte Mails empörter Leser. Es folgen Drohungen gegen die Kita-Leitung, die Erzieherinnen trauen sich nicht mehr aus dem Haus, aus Angst vor Angriffen und Anfeindungen. Elternvertreter, Bürgermeister, Delingsdorfer Bürger - ihre Stimmung schwankt zwischen Wut, Angst und Fassungslosigkeit.

"Bild" verschärft den Tonfall weiter

Währenddessen wird bei "Bild" online gefragt: "Ist das ein Kindergarten oder eine Sekte?". Jeder hat eine Meinung zum vermeintlichen Öko-Terror in Kindergärten und den fragwürdigen Zusammenhang von Butterkeksen und Kindeswohl. Inzwischen ist das Gästebuch der Gemeinde geschlossen, Delingsdorf ist offline und hofft, dass sich in den letzten Ferientagen der Aufruhr wieder legt - und der Ort wieder wird, was er war: Eine kleine beschauliche Gemeinde in Schleswig-Holstein.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.04.2013 | 21:15 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Prof. Dr. Helmut Fickenscher, Leiter Institut für Infektionsmedizin an der Uni Kiel blickt in die Kamera. © NDR Foto: Pavel Stoyan

Virologe Fickenscher: "Inzidenz nach wie vor wichtiger Wert"

Einige Mediziner in Deutschland hatten gefordert, dass die Inzidenz nicht mehr alleiniger Richtwert für Beschränkungen sein könne. mehr

Videos