Gelebte Integration im Ferienpark Weissenhäuser Strand

Stand: 17.01.2023 08:25 Uhr

An der Hohwachter Bucht in Ostholstein liegt einer der größten Ferien- und Freizeitparks Deutschlands. 900.000 Gäste übernachten dort in Weissenhäuser Strand pro Jahr. Viele der Angestellten kommen aus dem Ausland.

von Isabelle Breitbach

Mehr als 2.500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Rihab Bonfella und ihrer Heimat Tunesien. Eine Heimat, die Bonfella vor gut zwei Jahren verlassen hat, um sich als Köchin ausbilden zu lassen. Für sie eine Chance auf ein Leben, auf das sie in ihrer Heimat nicht zu hoffen gewagt hätte. Und anfangs ein Kulturschock, der größer kaum hätte sein können. Ein Neuanfang, weit weg von der Familie, in einer ungewohnten Umgebung, in der sie viel lernen muss.

Kochen? Das fällt ihr nicht schwer. "Ich lerne schnell", sagt sie, "ich kann fast alles kochen". Aber die Ausbildung und die Berufsschule fordern mehr von ihr als nur das Handwerk. Die Arbeit in der Küche hat viel mit Kommunikation zu tun, in einer Sprache, die mit Rihab Bonfellas Muttersprache Arabisch nichts gemein hat. "Es war zuerst ein bisschen schwierig mit den Leuten", erklärt sie. Dass sie oft noch einmal nachfragen musste, habe sie gestört. Aber jetzt, in ihrem zweiten Lehrjahr: kein Problem.

Suche im Ausland nach Personal für Gastronomie unumgänglich

In der Küche der Osteria und auch in den anderen Restaurants auf der Anlage des Ferienparks Weissenhäuser Strand ist ein Sprachmix zwischen Englisch und Deutsch seit zehn Jahren normal. Damals musste David Depenau, der Geschäftsführer des Ferien- und Freizeitparks, sich zum ersten Mal überlegen, wie er ein Problem lösen kann, das von Jahr zu Jahr gravierender wird: den Fachkräftemangel in Ostholstein. Eine ländliche Region, spärlich besiedelt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen, aber bei Touristen hoch im Kurs. Hätte er nicht angefangen, sich im Ausland nach Personal umzuschauen, wäre sein Betrieb heute nur noch halb so groß, schätzt Depenau.

Sein Erfolgsrezept: selbst ins Ausland gehen, selbst vor Ort vorsprechen, Vertrauen schaffen über persönliche Anwesenheit. Damit habe er in den meisten Ländern gute Erfahrungen gemacht. Angefangen hat er mit der Suche nach Köchen und Küchenhilfen über Kontakte in Rumänien. "Das hat gut funktioniert und mittlerweile haben wir 36 Nationen unter unserem Dach," erklärt Depenau.

Viele Fachkräfte aus dem Ausland: Englischkenntnisse müssen sein

Nicht nur Küchenpersonal, Servicekräfte oder Hotelfachleute, auch für die Tierpflege oder die Badeaufsicht hat der Ferienpark mittlerweile Personal aus dem Ausland. Von rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen 40 Prozent nicht aus Deutschland. Nicht alle von ihnen sprechen Deutsch. Grundbedingung, um hier anfangen zu können, sind Englischkenntnisse. Ohne die wäre schon die Integration in bunt gemischte, internationale Teams schwierig.

Saisonarbeiter finden neue Heimat in Schleswig-Holstein

In so einem Team arbeitet auch Vasile Budica. Als Saisonarbeiter kam er vor fünf Jahren aus Rumänien und hatte anfangs keineswegs die Absicht, lange als Gärtner im Ferienpark zu arbeiten.

"Die Grenze ist die Sprache. Aber wenn du willst, dass alles gut klappt, geht alles. Auch zwischen diesen ganzen Nationalitäten - und das sind echt viele." Vasile Budica, Gärtner in Weissenhäuser Strand

Neben Deutsch hat er hier auch ein bisschen Spanisch und Italienisch gelernt. Dass er doch länger bleiben will, war ihm schon nach drei Monaten klar. Nicht nur, weil er sich gerne um die Pflanzen auf der Anlage kümmert und hier besser verdient als in seiner Heimat. Im Ferienpark fühlte Vasile sich von Anfang an gut aufgehoben, "In Deutschland haben wir eine gute Integration mit unserem Arbeitsplatz", erklärt er. Deshalb hat er auch seine Frau überzeugt, zum Arbeiten nach Ostholstein zu kommen. Mit ihren beiden Kindern leben sie in der Nähe des Ferienparks. Weil sich hier Arbeit und Familie gut unter einen Hut bringen lassen, denken sie erstmal nicht über eine Rückkehr in ihre Heimat nach.

Geschäftsführer: Aufwand für Fachkräfte aus dem Ausland lohnt sich

Tatsächlich bleiben mehr als die Hälfte der Angestellten, die der Ferienpark in den vergangenen zehn Jahren im Ausland angeworben hat. Für David Depenau ist das immer wieder ein Zeichen, dass sein Lösungsweg, der anfangs ein Wagnis war, sich lohnt. Menschen zu finden, die hier lernen und arbeiten wollen, Aufenthaltsgenehmigungen und Wohnungen zu organisieren, das sei an sich schon ein aufwendiger Prozess. Um die Menschen zu halten, müsse man sich um sie kümmern und "da muss man sich auch auf andere Gewohnheiten und Grunderfahrungen im Leben einlassen," sagt er.

Gäste in Weissenhäuser Strand akzeptieren das internationale Team

Bisher gelingt das meistens, nicht nur unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. "Wir sind hier eine große, internationale Familie", sagt Vasile Budica. Das Wichtigste für ihn: Miteinander reden. Die Sprache ist für ihn kein Hindernis mehr. Er fühlt sich akzeptiert, auch im Kontakt mit Gästen, die sich manchmal nach seinen Pflanzen erkundigen. Darüber freut er sich jedes Mal. Auch sein Chef ist überzeugt: Fachkräfte aus aller Welt, Menschen, die kein perfektes Deutsch oder auch nur Englisch sprechen, stören die Gäste nicht. "Sie sind froh, dass sie an vielen Orten in Deutschland heute überhaupt noch eine Dienstleistung bekommen." Beschwert habe sich bisher jedenfalls keiner.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 17.01.2023 | 19:30 Uhr

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