Fehmarnbelt: Unterwegs auf der größten Baustelle Europas

Stand: 11.08.2022 12:29 Uhr

Seit einem Jahr wird auf Fehmarn an der Fehmarnbeltquerung gebaut, bald soll es mit den Betonarbeiten losgehen. Fragen gibt es immer noch bei der Eisenbahn-Hinterlandanbindung.

von Phillip Kamke

Eine Baustelle auf drei Kilometern Länge: In großen Teilen hätten die Bagger und anderen Baufahrzeuge, die hier jetzt arbeiten, vor wenigen Monaten noch im Wasser der Ostsee gestanden. Doch diese Areale sind jetzt für den Bau des Tunnelportals trockengelegt. Das Portal ist schon deutlich zu erkennen. Die Spundwände ragen aus dem Boden heraus und zeigen das Ausmaß der späteren Ein- und Ausfahrt.

Betonarbeiten sollen bald starten

Rund 40 Meter breit ist die Grube, bis zu 13 Meter tief wird gebuddelt. Der Aushub landet auf einem schon riesigen, künstlich aufgeschütteten Berg hinter dem Portal. Hier liegen etwa 630.000 Kubikmeter Meeresaushub. Für den Tunnelgraben werden insgesamt 15 Millionen Kubikmeter ausgehoben. "Das Material wurde zum Großteil bereits wiederverwertet - für Landgewinnung auf Lolland in Dänemark oder für den Bau von Brücken oder Rampen in Deutschland", sagt Martin Staffel, Bauleiter auf deutscher Seite. Die Arbeiten seien soweit im Zeitplan, meint er. "In wenigen Wochen wird das Tunnelportal auf Fehmarn soweit ausgebaggert sein, dass hier die Betonarbeiten beginnen können."

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Fabrik für Tunnelelemente in Dänemark fast fertig

12 Meter langes Testelement, das zur Probe gegossen wurde. © NDR Foto: NDR
Zwölf Meter langes Testelement, das zur Probe gegossen wurde.

18 Kilometer weiter nordöstlich, auf der anderen Seite des Fehmarnbelts, befindet sich eine Baustelle in noch viel größerer Dimension. In der Nähe von Rødby auf der dänischen Insel Lolland entsteht eine ganze Fabrik. Bei gutem Wetter sind die Gebäude von Deutschland aus zu sehen. Drei große Hallen stehen schon, in der die 217 Meter langen Elemente für die Tunnel hergestellt werden. Für den gesamten Tunnel werden etwa 3,2 Millionen Kubikmeter Beton verbaut.

Tunnelelemente aus einem Guss

"Jedes der insgesamt 89 Elemente besteht nochmal aus neun Segmenten, die wir hier vorher zusammenbauen. Wir sind zur Zeit in der Erprobung, haben ein etwa zwölf Meter langes Testelement in Beton gegossen, um die Abläufe zur Herstellung später in der Fabrik zu trainieren", erzählt Gerhard Cordes, Projektdirektor von Fehmern A/S und ergänzt: "Das Besondere ist, dass wir ein Element in einem Stück gießen. Deshalb müssen wir thermische Spannungen reduzieren und Risse möglichst vermeiden."

Im Vorwege haben die Verantwortlichen immer wieder den Beton getestet, denn dieser hat eine ganz besondere Rezeptur. Immerhin soll der Tunnel laut Bauleiter Cordes mindestens 120 Jahre halten. Ende dieses Jahres soll die Fabrik soweit fertig sein, dass das erste Segment produziert werden kann.

Verhaltene Stimmung in Ostholstein

Ein Acker mit landwirtschaftlicher Maschine in einer Luftaufnahme. © NDR Foto: NDR
Landwirt Karsten Kühl aus Ruppersdorf auf dem Acker, der durch die Trasse zerschnitten werden könnte.

Während auf Fehmarn und in Dänemark die Bagger rollen, herrscht in Teilen Ostholsteins nach wie vor Ungewissheit über die Trassenführung der Hinterlandanbindung - vor allem in Ruppersdorf bei Ratekau. Hier hat die Bahn zwei Varianten geplant, wie die Trasse geführt werden könnte. Doch egal welche es werden sollte: Es droht Ärger. Karsten Kühl ist Landwirt in Ruppersdorf, bewirtschaftet 390 Hektar Land. Zurzeit steht die Weizenernte an. Sollte die Trasse um den Ort herum führen, wäre Kühl stark betroffen. "Die Bahnstrecke durchschneidet dann mehrere Flächen von etwa 150 Hektar", sagte er. Teilweise könne er sie gar nicht mehr bewirtschaften.

Landwirt erwägt Klage

Anwohner und Dorfvorsteher Hans Schacht. © NDR Foto: NDR
Hans Schacht versteht nicht, warum die bestehende Trasse nicht ausgebaut wird.

Sollte diese Variante am Ende bevorzugt werden, hat Kühl angekündigt zu klagen. "Ich bin Landwirt mit Herzblut. Die finanzielle Entschädigung würde mir nichts bringen. Ich brauche Flächen, um Erträge zu erzielen", sagt Kühl. Deshalb bevorzugt der Bauer die andere Variante, die durch den Ort Ruppersdorf führen würde. Die wiederum ist für seinen Nachbarn nicht akzeptabel, denn sie ginge direkt an seinem Haus vorbei. Hans Schacht ist Dorfvorsteher und kämpft schon seit vielen Jahren für eine passable Lösung. "Ich verstehe nicht, warum nicht die Bestandstrasse genutzt und ausgebaut wird. Wir hängen leider von den Planern ab, die machen die Zeichnungen auf Vorgabe der Politik. Am Ende legen sie uns dann die Pläne vor. Ob das, was wir sagen, am Ende Einfluss hat oder nicht, das weiß ich nicht", sagt Schacht.

Eisenbahnbundesamt legt Trasse fest

Die Untersuchungen und Planungen der Deutschen Bahn für eine mögliche Umfahrung von Ruppersdorf dauern noch bis in den Herbst an. Die Entscheidung für eine der beiden Varianten fällt im Zuge der Planfeststellung durch das Eisenbahnbundesamt - hier findet eine Abwägung aller Kriterien wie Mensch, Umwelt, Kosten und Ähnlichem statt. Wann die Entscheidung fällt, ist noch nicht absehbar.

Vorfreude auf Lolland

In Dänemark blickt man dem Tunnelbau erwartungsvoll entgegen. In Lolland erhofft sich der Bürgermeister Holger Schou Rasmussen einen Aufschwung für den Tourismus. Dafür werden schon jetzt Hotels gebaut. Eines davon ist Hage`s Badehotel in Rødby, bei dem 144 Zimmer entstehen sollen. Das Hotel liegt nahe der Küste und einem Naturgebiet. Die Wohneinheiten werden auf Stelzen errichtet, die sich über dem Boden erheben. Durch erhöhte Gehwege werden die Gebäude verbunden. 2029 soll der Tunnel fertig sein, dann rechnen die Verantwortlichen mit deutlich steigenden Touristenzahlen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.08.2022 | 19:30 Uhr

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