Stand: 11.10.2016 17:30 Uhr  | Archiv

Das Phantom von Oersdorf

von Linda Luft & Anne Ruprecht

Joachim Kebschull lässt sich nicht unterkriegen. Er will ehrenamtlicher Bürgermeister von Oersdorf bleiben, obwohl er vor knapp zwei Wochen brutal auf dem Parkplatz hinter dem Dorfgemeindehaus von einem Unbekannten niedergeschlagen wurde. "Da ist mir erst klar geworden, das jetzt eine Eskalationsstufe erreicht ist, mit der wir alle nicht gerechnet haben", sagt Kebschull. Hintergrund der Tat ist offenbar seine Überlegung in dem Ort im schleswig-holsteinischen Kreis Segeberg Flüchtlinge unterzubringen.

VIDEO: Das Phantom von Oersdorf (9 Min)

Die Serie von Hassbotschaften begann im Sommer

Mit dem angekündigten Engagement für die Flüchtlinge beginnt im Sommer eine ganze Serie von Drohschreiben. Das Ziel der Hassbotschaften: Menschen, die sich in der Gemeinde engagieren. "Oersdorf den Oersdorfern" und "wer nicht hören will, muss fühlen" schrieb der mutmaßliche Täter noch am Morgen vor dem Angriff auf den Bürgermeister.

Das Ortseingangsschild von Oersdorf (Kreis Segeberg) in Schleswig-Holstein. © dpa-Bildfunk Foto: Georg Wendt
Nach dem Angriff auf den Bürgermeister ist Unruhe in dem kleinen Örtchen entstanden.

Auch Karin Liermann, die Pächterin des Gemeindehauses, hat einen Drohbrief erhalten. Das war schon Anfang Juli. Darin droht ein Unbekannter ihr und ihrer Familie. Der anonyme Schreiber warnt, ihr passiere etwas, wenn sie an diesem Abend das Dorfgemeinschaftshaus für die geplante Bauausschusssitzung aufschließen sollte. "Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Und wie ich mich weiterhin auch hier verhalten soll. Und was passiert als Nächstes?", fragt sich Liermann. In der Sitzung sollte es um die Sanierung des Hauses gehen, in das eventuell Flüchtlinge einziehen könnten. Die Sitzung wurde abgesagt, die folgende auch, da war es eine Bombendrohung.

Kommt der Täter aus dem Ort?

Im Ort vermutet man: Es ist einer aus ihrer Mitte, der da droht und prügelt. Der mutmaßliche Täter verfügt offenbar über detaillierte Ortskenntnisse. Das Misstrauen ist deshalb groß. Viele Oersdorfer reagieren geschockt und ratlos. Wie konnte das passieren? Im Ort gibt es keine aufgeheizte Stimmung gegen Flüchtlinge. Niemand hat sich offen gegen die Unterbringung von Schutzsuchenden ausgesprochen.

Doch die Drohungen gingen auch nach dem Angriff auf den Bürgermeister weiter. Am Morgen nach Tat erreichte die Gemeinde eine E-Mail. "Aus Knüppel wird Hammer, aus Hammer wird Axt", heißt es darin. Die Polizei ermittelt. Solange der Täter nicht gefasst ist, werden Angst und Misstrauen im Dorf bleiben.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 11.10.2016 | 21:15 Uhr

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Flüchtlinge

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