Stand: 01.01.2018 22:00 Uhr  | Archiv

Warum Bauernhöfe Demenzkranke einladen

von Claudio Campagna

Das Projekt "Bauernhöfe als Ort für Menschen mit Demenz" in Schleswig-Holstein versucht, gleich zwei Probleme auf einmal zu lösen. Auf der einen Seite sollen Familien mit pflegebedürftigen Demenz-Kranken entlastet werden. Auf der anderen Seite bietet das gemeinsame Projekt des "Kompetenzzentrums Demenz in Schleswig-Holstein" und der Landwirtschaftskammer Bauern eine Möglichkeit, sich ein zweites Standbein aufzubauen.

Eine alte Frau geht mit einem Rollator durch einen Kuhstall.  Foto: Claudio Campagna
Beim Rundgang durch den Kuhstall erinnert sich diese Frau an ihre Kindheit auf einem Bauernhof.

Anke Wohlert-Thomsen bekommt Besuch - und zwar von sechs Bewohnern eines nahe gelegenen Seniorenheims. Sie steigen gerade aus zwei Autos aus. "Schön, dass ihr mich besuchen kommt", sagt Wohlert-Thomsen zur Begrüßung. Die Landwirtin im schleswig-holsteinischen Behrendorf schnackt Platt, wenn sie mit ihren Gästen spricht. Die meisten kommen aus der Region. Kurzzeit-Gedächtnis und Orientierungsvermögen sind nicht mehr so gut. Doch der norddeutsche Sprachklang ist ihnen vertraut - ebenso wie die landwirtschaftliche Umgebung.

"Ich komme vom Lande"

Eine alte Frau geht mit einem Rollator durch einen Kuhstall.  Foto: Claudio Campagna

AUDIO: Perspektive: Demenzhöfe in Schleswig-Holstein (4 Min)

Auch einer 91 Jahre alten Dame, die lange in Hamburg gelebt hat, geht es so. "Ich komm vom Lande", erzählt die Seniorin. "Wir hatten auch einen Bauernhof. Also, als Kind - später nicht mehr. Da haben wir dann in der Stadt gewohnt. Und ich war Sekretärin bei der Post-Direktion." Das wird sie im Laufe des Tages noch öfter erzählen. Auf ihren Rollator gestützt unternimmt die 91-Jährige eine Erkundungstour durch einen Stall auf dem Hof.

Erinnerungen an früher

Träge schauen die Milchkühe hinter ihrem Gitter auf die Besucher. Die Betreuer führen die Senioren zu ein paar Stühlen. Denn langes Stehen fällt den meisten schwer. Bei einigen werden nun Erinnerungen wach an die Zeit, als sie in solchen Ställen von Hand gemolken haben. "Das kann ich gut", erzählt eine Seniorin. "Ich habe schon mit 17 Jahre angefangen beim Bauern in Stellung. Da musste ich alleine melken. Am Anfang waren da bloß fünf, sechs Kühe. Da haben wir uns immer hingestellt. Einmal zwischen die Beine - dann geht’s los."

Weitere Informationen
Screenshot der Startseite vom "Kompetenzzentrum - Demenz in Schleswig-Holstein"

Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz

Einige Höfe in Schleswig-Holstein bieten für Menschen mit Demenz ein Tagesprogramm. Im internet können Sie sich über die Angebote informieren. extern

Angehörige haben Zeit für Termine und Besuche

Den Menschen tut es gut, wenn sie Erinnerungen und Sinne aktivieren, sagt Anneke Wilken vom "Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein". Und auch die Angehörigen profitieren von so einem Hofbesuch. "Pflegende Angehörige, gerade von Menschen mit Demenz, sind sehr belastet und auch zeitlich sehr eingebunden", weiß Wilken. "Wenn sie dann für drei oder vier Stunden einmal oder zweimal die Woche entlastet werden, um eigene Termine wahrzunehmen oder sich mal mit Freunden zu treffen, Klönschnack, Einkaufen irgendwas, dann können Sie das in dieser Zeit tun. Und diese Sache wird auch von den Pflegekassen bezahlt."

Fortbildung für die Landwirte

Älter Menschen sitzen an einem Tisch beim Kaffetrinken.  Foto: Claudio Campagna
Mitunter gehört auch ein Kaffeetrinken und gemeinsames Singen zu dem Ausflug auf einen Bauernhof.

Vier Höfe in Schleswig-Holstein beteiligen sich derzeit an dem Projekt "Der Bauernhof als Ort für Menschen mit Demenz". Die Landwirte erhalten Fortbildungen und Unterstützung beim Entwickeln eines Konzepts. Anke Wohlert-Thomsen hat eine 240 Stunden umfassende Ausbildung zur Demenzbegleiterin gemacht. Ihr Hof ist mit 50 Kühen ein eher kleinerer Betrieb. Anteile an einer Biogas-Anlage bringen noch etwas Geld. Wenn das Pflege-Angebot mal richtig läuft, soll es für sie und ihren Mann ein weiteres Standbein sein. "Es ist ein schönes, zusätzliches Einkommen", meint Wohlert-Thomsen. "Aber letztendlich finde ich das Projekt an sich so toll. Wie so ein Nachmittag abläuft, finde ich sehr schön."

Eine leckere Torte zum Schluss

Die sechs Gäste haben inzwischen im Wohnhaus Platz genommen. Bei Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee hängen sie ihren Eindrücken nach. "Wir haben die Tiere hier beobachtet - und nun die Torte zum Abschluss. Mehr kann man nicht verlangen", freut sich ein älterer Herr.

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