Stand: 25.06.2018 00:00 Uhr  | Archiv

Armut im Alltag: Die Jungs vom TuS Mettenhof

von Linnéa Kviske und Malin Girolami

Im Profi-Bereich ist Fußball ein milliardenschweres Geschäft. Aber der Vereinsfußball ist anders: Er bietet vielen Menschen eine Gemeinschaft und manchmal noch viel mehr, so auch in Kiel. Mettenhof gilt als einer der schwierigsten Stadtteile und ist zugleich der kinderreichste. Viele Familien wachsen mit Hartz IV auf, Frust und Perspektivlosigkeit gehören zum Alltag. Sportvereine und Menschen, die sich für die Kinder einsetzen, können da helfen. Tanja Brügmann, Trainerin der E-Jugend beim TuS Mettenhof, ist eine von ihnen. Ein Reporterinnen-Team hat die Mannschaft mit acht- bis zehnjährigen Jungen über mehrere Monate begleitet.

Ein Fußball beim Training der E-Jugend-Mannschaft TuS Mettenhof in Kiel. © NDR
Beim Training können die Kinder sich auspowern und bekommen gleichzeitig wichtige Werte vermittelt.

Die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung verraten: Arm bleibt in Deutschland immer noch arm. In Kiel-Mettenhof stehen viele Hochhäuser, die in den 1960er-Jahren gebaut wurden. Damals waren sie für den Mittelstand gedacht, doch das Konzept ist gescheitert und der Stadtteil wurde zum sozialen Brennpunkt. Gewalt war hier lange ein Thema. Durch eine gute Sozialarbeit vor Ort habe sich das deutlich gebessert, berichtet die Polizei.

Positive Entwicklungen bei vielen Kindern

Beim ersten Besuch des NDR Teams Anfang Januar ist es bitterkalt. Trotzdem warten einige Kinder schon eine Stunde vor dem Training an der Halle, damit sie auf keinen Fall zu spät kommen. In der Mannschaft sind mehr als 20 Kinder. Dass alle eingetroffen sind, merkt man deutlich am Lautstärke-Pegel. Trainerin Tanja ist seit zwölf Jahren dabei und ursprünglich durch die eigenen Söhne zu ihrem Job gekommen. "Wenn ein Kind fünf Spiele braucht, um seine Drehung hinzubekommen und am Ende Erfolg hat, ist das schon sehr erfreulich", erzählt sie. "Das ist es auch, was mich dabei hält. Jedes dieser Kinder entwickelt sich in irgendeiner Art und Weise. Manche werden ruhiger und aufmerksamer und können besser zuhören, selbst wenn sie sich hin und wieder ablenken lassen."

In Mettenhof gibt es viele Kinder, die Schwierigkeiten haben, weil sie sich nicht gut konzentrieren können oder weil sie nicht gelernt haben, Konflikte zu bewältigen. Dahinter stehen häufig überforderte Familien. Zwei von drei Kindern wachsen hier mit Hartz IV auf. Das spürt und sieht man auch im Training. Der Trainerin ist es wichtig, genau diesen Kindern Halt zu geben.

"Manche Eltern können sich den Trainingsanzug nicht leisten, weil sie vier oder fünf Kinder zu versorgen haben. Die Schuhe werden auch häufig von den Geschwistern weitergetragen und im schlechtesten Fall geht dann kurz vor dem Spiel die Schuhsohle ab. Beim Training und während der Spiele sieht man wirklich, wo es mangelt," berichtet Tanja Brügmann.

Dank Kiel-Karte im Fußballverein

Kinder der Fußball-Mannschaft TuS Mettenhof in Kiel. © NDR
AUDIO: Der TuS Mettenhof engagiert sich vorbildlich (4 Min)

Viele Kinder können nur dank der sogenannten Kiel-Karte in den Verein. Sie unterstützt Familien, die Sozialleistungen bekommen, etwa bei Ausflügen oder dem Vereinsbeitrag. Ohne diese Kinder könnte der Verein vielleicht zwei Mannschaften stellen, schätzt die Trainerin, aktuell sind es sechs. Für die Kinder sei die Karte eine Möglichkeit teilzunehmen. Sie wüssten, dass sie Unterstützung haben, sagt Tanja Brügmann, und dass sie davon das Essen in der Schule bezahlen könnten. Dass das ein Zeichen für einen Mangel ist, registrieren die Kinder ihrer Meinung nach nur im Unterbewusstsein. Armut definieren sie ganz individuell.
"Wenn man kein Geld und kein Essen mehr hat und wenn man obdachlos auf der Straße ist, das bedeutet für mich arm sein. Wenn man keinen Job hat", erklärt eines der Kinder.

Das Geld den anderen geben

Kinder der Fußball-Mannschaft TuS Mettenhof in Kiel. © NDR
Im Gespräch erzählen die Jungen, was sie machen würden, wenn sie reich wären.

Natürlich wollen fast alle hier mal Fußballprofi werden. Messi und Ronaldo sind ihre großen Idole und sie haben sehr genaue Vorstellungen davon, was sie machen würden, wenn sie so viel verdienen würden wie ihre Vorbilder. "Ich würde eine Familie gründen, eine Villa für mich und Waisenhäuser für die anderen bauen", sagt einer der Jungen ganz klar. Einer anderer würde das Geld in Gold umtauschen und es "einfach jedem geben". Und noch ein anderer sagt: "Mir ist es egal, ob ich reich bin oder nicht. Wenn ich reich bin, dann kann ich anderen Geld geben. Und wenn ich nicht reich bin, dann muss ich mich selber versorgen. Jeder denkt nur an Geld. Ich mag Leute nicht, die nur an Geld denken."

Die Kinder hier heißen Darian, Laian, Taylor, Hamsa, Eike, Ali und Steven. Sie kommen aus acht Nationen. Deutsch ist auf dem Fußballplatz Pflichtsprache - damit Religion, Konflikte und Streitigkeiten draußen bleiben. So ganz ohne Rangeleien und Schimpfworte vergeht dennoch kein Training. Tanja Brügmann setzt bei der Konfliktlösung auf Geduld, Struktur und persönliche Ansprache und merkt, dass das den Kindern gut tut.

Endstand: 9:1 für Mettenhof

Kinder der Fußball-Mannschaft TuS Mettenhof in Kiel beim Punktspiel. © NDR
Gegen den TSV Russee (hier in Rot) kämpfen die Mettenhofer hart - und gewinnen haushoch.

Auch die Eltern engagieren sich ganz unterschiedlich. Einige sind bei jedem Training dabei, andere nie anzutreffen. Claudia Balzer, die Mutter von Taylor, weiß sehr zu schätzen, was der Verein hier leistet. Vielen Kindern tue es vor allem gut, zu verstehen, was Zusammenhalt bedeutet, erklärt sie. "Beim Fußball lernen sie wieder aufzustehen oder anderen zu helfen - manchmal sogar einem Spieler aus der gegnerischen Mannschaft. Dabei lernt man schon sehr viel."

Zum Ende der Saison hat die Mannschaft ein Punktspiel gegen den TSV Russee, in der Tabelle einen Platz über Mettenhof. Der Endstand 9:1 spricht Bände über den Ablauf des Spiels. "Es war toll zu sehen, wie die Kinder über sich hinauswachsen - und mit jedem Tor an Selbstbewusstsein gewonnen haben", schwärmt Trainerin Brügmann. Und genau aus diesem Grund ist sie nach ihrem Job fast jeden Nachmittag auf dem Fußballplatz. "Es gibt zu viele Situationen im Leben, auch als Erwachsene, in denen andere uns aufgegeben haben und das fühlt sich nicht gut an", beschreibt sie weiter. Sie möchte den Kindern ein anderes Gefühl geben. Nicht zuletzt deswegen spielen Fußball, der Verein und die Mannschaft eine ganz wichtige Rolle im Leben der Kinder.

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Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 25.06.2018 | 08:20 Uhr

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