Stand: 27.10.2019 15:08 Uhr

Abfischen in Reinfeld: Tausende Karpfen müssen raus

von Anne Passow

Wasser und Schlamm muss man abkönnen, wenn man beim Abfischen am Reinfelder Herrenteich (Kreis Stormarn) dabei ist. Jörn Wegner merkt die Matschspritzer gar nicht, die sich auf seinem Ölzeug, auf Haaren und Gesicht verteilen. Seit Jahren hilft er beim Abfischen mit. Jetzt kämpft er mit einem großen Netz, das Hunderte Karpfen aus dem Fließkanal unter ihm an die Oberfläche befördert. Er öffnet es - und riesige Fische plumpsen zappelnd auf die Rutsche und den Sortiertisch.

Männer bearbeiten Karpfen auf einem Fliessband

Traditionelles Karpfen-Abfischen in Reinfeld

Schleswig-Holstein Magazin -

Das Karpfen-Abfischen am Reinfelder Herrenteich ist in jedem Jahr ein Highlight. Mehr als 1.000 Zuschauer kamen in diesem Jahr, um das Spektakel mitzuerleben.

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Auch mal sechs Kilo schwere Karpfen

Hier beginnt ein Kräftemessen zwischen den Fischen und den freiwilligen Helfern. Denn die Karpfen sind stark. Sie können über einen halben Meter lang und sechs Kilo schwer werden. Fangen lassen will sich keines der Tiere. Sie wehren sich. Die etwa 15 Helfer an den Seiten des Sortiertisches sind aber alles alte Hasen in Sachen Abfischen. "Man muss schnell sein und gut zupacken können", erklärt Helfer Stefan Wenskus, während er einen riesigen Karpfen vom Sortiertisch in einen riesigen Wasserbottich befördert. "Die Fische müssen etwa eine Woche lang im klaren Wasser schwimmen. Sie sind verdreckt, voller Schlamm. Die Kiemen müssen wieder sauber werden, sonst schmecken sie modrig", erklärt Tim Schubert. Er koordiniert als neuer Teichpächter erstmals die Aktion. "Es läuft gut", so der 27-Jährige. Wochenlang hat er den Tag heute vorbereitet. "Am 1. Oktober haben wir damit angefangen das Wasser des Herrenteiches abzulassen", sagt er. Tausende Karpfen und auch Hechte, Zander und andere Fische, lebten seitdem in einer Art großen Pfütze.

Alter Teichpächter als Helfer dabei

Dort, wo die "Pfütze" in den Fließkanal mündet, steht Alfred Wenskus. An einer Art Schleuse kontrolliert er, wie viel Wasser und damit auch Karpfen in den Kanal kommen. "Das ist sehr entspannt für mich heute", freut sich Wenskus. Bis in das vergangene Jahr hinein hatte er das Abfischen als Teichpächter organisiert, zwölf Jahre lang. Aus Altersgründen gab er das auf - und ist jetzt das erste Mal als Helfer dabei. "Es ist schön, einfach mal nur zu machen, was andere einem sagen - und sich sonst keine Sorgen machen zu müssen", sagt er. Als er vor 27 Jahren nach Reinfeld zog, machte er als Hobbyfischwirt natürlich auch schon beim Abfischen mit. "Das war und ist hier immer ein großes Fest", sagt er - und zeigt auf die Besucher, die an diesem Tag auf den Karpfenplatz strömen, um dabei zu sein. Knapp 1.000 dürften es werden.

Stundenlange Umzüge in 1950er-Jahren

In den 1950er-Jahren müssen es laut Alfrad Wenskus wohl an die 10.000 Menschen oder mehr gewesen sein. In Sonderzügen kamen Schaulustige aus Hamburg, Lübeck und anderen Orten, um dabei zu sein. In der Nachkriegszeit, wo die Menschen eher wenig Geld und meist kein Fernsehen hatten, lechzten die Massen geradezu nach bunter Unterhaltung. In dem Provinzörtchen Reinfeld fanden sie diese einmal im Jahr: Die Umzüge rund um das Abfischen waren damals aufwendig und prunkvoll. Blaskapellen spielten, kreativ gestaltete Wagen mit meterhohen Pappmaschee-Fischen und anderen Motiven zogen stundenlang durch das Städtchen. Sogar die Miss Germany 1959, Carmella Künzel, kam damals extra aus Berlin, um bei einem Umzug mitzufahren.

Der Herrenteich wird abgefischt

Erstmal ein Bad im Frischwasser

Der Ursprung von allem liegt aber lange, lange vor dem jährlichen Abfischspektakel. "Die Voraussetzungen zur Fischzucht haben die Mönche im 12. Jahrhundert geschaffen", erzählt Wenskus. Bis zu 60 Gewässer legten Mönche in und um Reinfeld an. Der Karpfen entwickelte sich zu einer wichtigen Ernährungs- und Geschäftsgrundlage des Ortes.

Und auch an diesem Tag gibt es für die Besucher jede Menge Karpfen zu essen. "Das ist aber Karpfen, den wir schon letzte Woche aus einem unserer kleineren Teiche geholt haben", erklärt Teichpächter Schubert. Die Karpfen, die beim großen Abfischen aus dem Wasser gezogen wurden, die kann man dann in etwa einer Woche kaufen - wenn sie lange genug im Frischwasser geschwommen sind und nicht mehr modrig schmecken.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 27.10.2019 | 15:40 Uhr

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