Emsland: Anlage in Werlte produziert CO2-neutrales Kerosin

Stand: 04.10.2021 14:38 Uhr

Wie kann Fliegen klimafreundlicher werden? In Werlte ist am Montag eine Anlage vorgestellt worden, die künftig CO2-neutrales Kerosin herstellen soll. Auch die Wirtschaft könnte profitieren.

"Damit Deutschland bis 2045 Klimaneutralität erreicht, muss auch der Luftverkehr seinen Beitrag leisten", sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zur Eröffnung. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) schickten Grußworte. Der Betreiber der Anlage ist die Atmosfair gGmbH, eine gemeinnützige Klimaschutzorganisation aus Berlin. Ihr zufolge ist die Anlage im Emsland die weltweit erste industrielle dieser Art. Sie steht auf dem Gelände des Energieversorgers EWE.

Wasser, Windkraft, Biogas

Der Kraftstoff, der die Fliegerei grüner machen soll, wird synthetisch aus Wasser und aus erneuerbarem Strom von Windrädern aus dem Umland gewonnen. Außerdem ist Kohlenstoffdioxid notwendig: Zum einen wird dieser durch eine Biogasanlage geliefert. Sie wird dabei nicht mit eigens dafür angebautem Mais betrieben, sondern mit Abfällen aus der Lebensmittelindustrie aus der Region, erklärte Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen.

Alle Komponenten sollen klimaneutral sein

Zum anderem wird Kohlenstoffdioxid für den Herstellungsprozess des synthetischen Treibstoffs durch eine spezielle Anlage aus der Umgebungsluft herausgezogen. Es solle nur jenes CO2 hinterher in der Atmosphäre landen, was ihr vorher entnommen wurde, sagte Brockhagen. Alle Stoffe, die zum Gewinn des Kerosins benötigt werden, sollen also klimaneutral erwirtschaftet werden. Für solches CO2-neutral und nachhaltig produziertes E-Kerosin hat die Organisation das Gütesiegel "fairfuel" ins Leben gerufen.

Lufthansa ist der erste Kunde

Der Regelbetrieb der Anlage startet im ersten Quartal 2022. Das gewonnene Rohkerosin wird in die Raffinerie Heide in Schleswig-Holstein gebracht und dort veredelt. Acht Fässer des klimaneutralen Kraftstoffs entstehen täglich in Werlte, das entspricht einer Tonne Kerosin. Dass diese Menge nur ein ganz kleiner Teil des benötigten Kraftstoffs auf dem Weg zum klimaneutralen Flugverkehr ist, liegt auf der Hand. Denn allein ein Airbus A350 verbrauche fünf Tonnen Kerosin pro Flugstunde, sagte Brockhagen. Das Projekt brauche also Nachahmer. Dennoch sei die Herstellung in Werlte ein gewaltiger Sprung nach vorn. Der erste Kunde ist die Lufthansa. Beliefert wird zunächst der Flughafen in Hamburg.

Klimaforscher: Nicht auf große Ölkonzerne warten

"Die weltweiten extremen Wetterereignisse dieses Sommers und der neue Bericht des Weltklimarats zeigen überdeutlich, wie dringend die Weltwirtschaft auf Alternativen zu fossilen Brennstoffen umstellen muss", sagte Mojib Latif, Klimaforscher und Schirmherr des Projekts. "Dies gilt auch für die Luftfahrt." Die Gesellschaft sei bereit für entschiedene Schritte, und beim Klimaschutz müsste nicht auf die großen Ölkonzerne gewartet werden.

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"Den ersten Schritt in Deutschland gehen"

Laut Atmosfair sind die Kosten bei einer Anlage solcher Größe, "die zudem nicht auf mehrere Jahrzehnte Betrieb ausgelegt sind", noch sehr hoch. Den größten Einfluss hätten die hohen Stromkosten in Deutschland. "In anderen Ländern mit hoher Sonneneinstrahlung liegen die Strompreise dank Photovoltaik erheblich niedriger." Darum sollten Anlagen zur Herstellung synthetischen Kerosins am besten in südlichen Ländern gebaut werden. Dort seien die Energiekosten entsprechend niedrig. Atmosfair unterstütze deshalb Projekte im Sinne einer Partnerschaft und des Technologietransfers. "Aber wir wollten den ersten Schritt in Deutschland gehen, um hier die Technologie zu probieren und Erfahrungen zu sammeln", so Brockhagen.

Merkel: "Produktionskapazitäten erheblich steigern"

"Deutschland ist führend im Anlagenbau, andere Länder haben viel Wind und Sonne. Wenn wir jetzt zeigen, dass diese Technologie funktioniert, schafft das auch neue Exportchancen für den Anlagenbau", erklärte Bundesumweltministerin Schulze. Diese sogenannten Power-to-Liquid-Kraftstoffe leisten ihr zufolge aber nur dann einen Beitrag zum Klimaschutz, wenn zur Produktion des für die Kerosinherstellung notwendigen Wasserstoffs erneuerbare Energien verwendet werden. "Klimaschonende Mobilität ist ein überaus wichtiges Element des Klimaschutzes insgesamt", sagte Kanzlerin Merkel in einer Videobotschaft. Bundesregierung, Länder und die Luftfahrtbranche wollen für einen Verbreitung dieser Kraftstoffe sorgen. "Um unser Ziel von 200.000 Tonnen grünem Kerosin jährlich bis 2030 zu erreichen, gilt es die Produktionskapazitäten erheblich zu steigern."

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