Stand: 10.12.2013 17:13 Uhr  | Archiv

Dumping-Löhne für Briefzusteller

von Alexandra Ringling

Der Paket- und Briefmarkt ist hart umkämpft, der Preiskampf heftig. Während die Kunden von niedrigen Gebühren profitieren, arbeiten viele Zusteller zu kaum hinnehmbaren Konditionen. Ich will wissen, was es bedeutet, als Briefzustellerin für ein privates Unternehmen zu arbeiten und bewerbe mich beim Medienvertrieb Nord. Dieser organisiert im Auftrag der Citipost die Briefverteilung in Osnabrück.

Alexandra Ringling sortiert Briefe © NDR

Dumping-Löhne für Briefzusteller

Panorama 3 -

Der Paket- und Briefmarkt ist hart umkämpft. Eine Folge: Viele Zusteller arbeiten zu kaum hinnehmbaren Konditionen. Ein Erfahrungsbericht von Alexandra Ringling.

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Im Vorstellungsgespräch erklärt mir mein zukünftiger Chef, dass ich pro Brief bezahlt werde. "Stückentlohnung" heißt das im Fachjargon. In der Lohntabelle zeigt er mir, was das für mich heißt: In dem Bezirk, in dem ich eingearbeitet werde, bekäme ich in der Regel zwei Cent pro Brief fürs Sortieren und 12 Cent für die Zustellung. Die Zusteller, so beteuert der Chef, kämen alle auf 7,50 Euro die Stunde, viele sogar auf mehr. Einen richtigen Arbeitsvertrag bekomme ich nicht, stattdessen meine erste "Sachbefristungsabrede" - für vier Kalendertage. Eine Seite Papier, auf der nichts steht, als dass mein Job auch ohne Kündigung nur vier Tage dauert. Zur Einarbeitung soll ich einen erfahrenen Zusteller zwei Tage lang bei seiner Arbeit begleiten - für 7,50 Euro die Stunde.

Stundenlohn: 2,90 Euro für zwei Personen

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Die Müllers sind schnelle Briefsortierer. Trotzdem bleiben nur 2,90 Euro pro Stunde.

Und so treffe ich mich an meinem ersten Arbeitstag mit Herrn Müller (Name von der Redaktion geändert) um 6 Uhr morgens in seiner Küche. Dort sortiert der Briefzusteller gemeinsam mit seiner Frau 290 Briefe. Seit sechs Jahren macht er das. Die beiden sind routiniert, arbeiten schnell. Um 8 Uhr sind sie fertig und trotzdem wird Herr Müller dafür nur 2,90 Euro pro Stunde bekommen. Beim Austeilen regnet es, es ist kalt. Herr Müller ist sehr schnell und braucht doch sieben Stunden, bis alle Briefe im richtigen Kasten sind. Nach der Lohntabelle des Medienvertriebs Nord kommt er damit umgerechnet auf einen Stundenlohn von 5,38 Euro. Viel weniger, als mir der Chef erzählt hatte.

Vom Geschäftsführer des Medienvertriebs Nord Klaus Kossak will ich wissen, ob in seinem Unternehmen tatsächlich derartig niedrige Löhne gezahlt werden. Immerhin, so finde ich heraus, sitzt Kossak für die SPD im Stadtrat in Bramsche. Schriftlich teilt er uns mit: "In der Regel ist eine Bezahlung von 7,50 Euro sichergestellt. Je nach Bedingungen in der Zustellung kann jedoch beispielsweise aufgrund der Witterung oder der konkreten Adressaten der Briefe eine Abweichung des Stundenlohns nach oben oder unten vorkommen." Er bestreitet also gar nicht, dass es derartige Löhne in seinem Unternehmen gibt. Dabei wirbt Kossak auf der Internetseite des Unternehmens doch mit "persönlicher und sozialer Betreuung in einem sicheren Arbeitsverhältnis."

Mit dem eigenen Wagen Post ausliefern

Meine Erfahrungen sind ganz andere. Ich bekomme eine zweite "Sachbefristungsabrede", diesmal für vier Wochen. Für die ersten Tage werden mir 7,50 Euro pro Stunde garantiert. Und mir wird ein richtiger Vertrag in Aussicht gestellt, sofern ich die nächsten Monate zufriedenstellend arbeite. Dann arbeite ich zum ersten Mal alleine. 65 Briefe werden mir nach Hause geliefert. Ziemlich sensible Post ist hier auf meinem Küchentisch gelandet: Briefe von der Finanzverwaltung, vom Arbeitsamt und von Rechtsanwälten. Ich brauche eine Stunde zum Sortieren, nach Lohntabelle sind das gerade mal 1,30 Euro. Mit dem eigenen Pkw schaffe ich die Post zum Einsatzort - Spritgeld zahle ich selbst.

Mein Einsatzgebiet: der Westen Osnabrücks, hier stehen viele Einfamilienhäuser. Der Weg zwischen den einzelnen Adressaten ist weit. Und nach dem Austragen habe ich noch lange keinen Feierabend. Stattdessen muss ich für jeden nicht zustellbaren Brief noch ein Formular ausfüllen - ohne Bezahlung. Nach sechs Stunden habe ich alles erledigt und habe nach der Lohntabelle erneut deutlich unter den zugesagten 7,50 Euro verdient.

Angst um den Arbeitsplatz - trotz Hungerlohn

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Gewerkschafterin Cathrin Radloff: "Die Leute haben Angst um den Arbeitsplatz."

Vielleicht ist die Citipost Osnabrück ja ein Einzelfall? Das muss ver.di wissen, doch die Gewerkschafterin Cathrin Radloff erklärt mir, auch in ihrem Oldenburger Bezirk werden Löhne unter sechs Euro gezahlt. Sich zu wehren traut sich kaum jemand: "Auch wenn der Arbeitsplatz noch so schlecht ist, haben die Leute Angst um ihren Arbeitsplatz, was teilweise mit ihren befristeten Verträgen zusammenhängt. Sofern sie den Mund aufmachen, sind sie raus. Das ist einfach so."

Ich mache den Mund auf und kündige. Ich erkläre meinem Chef, dass ich es für unmöglich halte, in meinem Bezirk auf 7,50 Euro pro Stunde zu kommen. Und plötzlich sieht er das ein und meint, ich hätte vielleicht einfach Pech gehabt und einen schlechten Bezirk bekommen. Das klang vor einer Woche doch noch ganz anders. Anders als ich beklagten sich aber nur die wenigsten, erzählt er. Die Citipost sei ein sehr soziales Unternehmen, sie hätten sogar einmal im Jahr einen Kaffeekranz für die Angestellten. Doch dafür kann ich mir leider nichts kaufen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 10.12.2013 | 21:15 Uhr

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