Stand: 27.02.2012 21:53 Uhr

Maskenmann: Gericht verhängt lebenslange Haft

Der wegen dreifachen Kindermordes angeklagte Martin N. verdeckt im Landgericht in Stade vor der Urteilsverkündung im Prozess gegen ihn sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. © dpa - Bildfunk Foto: David Hecker Pool
Martin N. verbarg sein Gesicht vor der Urteilsverkündung hinter einem Aktendeckel.

Nervöse Blicke und kollektives Schweigen: Die Anspannung im überfüllten Schwurgerichtssaal im Stader Landgericht ist fast greifbar, als die Richter um kurz nach 10 Uhr das Urteil im Prozess gegen den sogenannten Maskenmann verkünden. Dann die Erleichterung im Publikum: Martin N. bekommt wegen dreifachen Mordes eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Eine vorzeitige Freilassung nach 15 Jahren ist somit ausgeschlossen. Ein deutlich hörbares Aufatmen geht durch den Saal. Mehrere Angehörige haben Tränen in den Augen.

Keine Regung bei Martin N.

Martin N. dagegen nimmt das Urteil regungslos zur Kenntnis. Der Mann, der die Morde an drei Jungen gestanden hat, sitzt mit gefalteten Händen auf der Anklagebank und starrt auf die Tischplatte. Ob der 41-Jährige jemals wieder freikommt, ist äußerst ungewiss. Nur wenn ein Gutachter irgendwann feststellen sollte, dass N. nicht mehr gefährlich ist, kann er aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden.

"Schwere seelische Abartigkeit"

Die Richter stellen in ihrer Begründung eine besondere Schwere der Schuld fest. Die Taten seien "besonders verwerflich" und von "schwerer seelischer Abartigkeit", sagt der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp. Gutachter Norbert Nedopil hatte N. in einem Gutachten zudem als "rückfallgefährdet" eingeschätzt. Die Verteidiger hatten dagegen auf eine lebenslange Haftstrafe ohne Sicherungsverwahrung plädiert. Ob sie Revision gegen das Urteil einlegen werden, wollen sie zunächst nicht sagen.

"Ich kann anfangen, ein normales Leben zu führen"

Der 26-jährige Martin Wichmann im Landgericht in Stade. © dpa Foto: David Hecker Pool
Für den 26-jährigen Martin Wichmann beginnt mit dem Urteil ein neues Leben.

Die Missbrauchsopfer und die Eltern der getöteten Jungen reagierten erleichtert. Dies sei ein Abschluss, sagte der 26-jährige Martin Wichmann aus Bremen, an dem sich Martin N. vor fast 17 Jahren vergangen hatte. "Ich kann anfangen, alles zu verarbeiten, ein normales Leben zu führen." Auch die Mutter des dritten Opfers, Dennis K., will einen Schlussstrich ziehen. "Sie hofft, dass sie sich jetzt wieder ihrem Leben widmen kann", erklärte ihre Anwältin.

Gewerkschaft der Polizei begrüßt Urteil

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bezeichnet die Strafe für den Angeklagten als "gutes Urteil mit richtiger Signalwirkung". Der GdP-Vorsitzende Bernhard Witthaut sagt, damit zeige sich, dass die in Deutschland bestehende Gesetzeslage ausreiche, um die Bevölkerung vor einem "derart gefährlichen Sexualstraftäter dauerhaft zu schützen".

Morde sollten sexuelle Vorlieben vertuschen

Die Phantomskizze zeigt den gesuchten Sexualstraftäter im Mordfall Dennis K. © picture-alliance Foto: Ingo Wagner
Mit einer solchen Maskierung machte sich Martin N. jahrelang auf die Suche nach neuen Opfern. (Archivbild)

Die Taten des Mörders waren nach dem gleichen Muster abgelaufen. Maskiert mit einer schwarzen Sturmhaube drang Martin N. über Jahre immer wieder in Häuser, Zeltlager und Schullandheime ein und verging sich dort an Jungen. Drei seiner Opfer, den achtjährigen Dennis R., den 13-jährigen Stefan J. und den neunjährigen Dennis K., ermordete er zwischen 1992 und 2001. Nach Ansicht des Gerichts tötete er die Jungen, um seine sexuelle Vorliebe für Jungen nicht auffliegen zu lassen. "Insbesondere fürchtete er die Ächtung seiner Mutter", sagt Richter Appelkamp. "Diese Aufdeckung wollte er mit allen Mitteln verhindern."

Kindermörder führt Doppelleben

Jahrelang waren die Fahnder einem Mann auf der Spur, von dem sie zeitweilig glaubten, es handele sich um ein Phantom: Ermittler und Betreuer zweifelten an den Aussagen der Kinder, die vom "schwarzen Mann" erzählten. Martin N. führte in dieser Zeit ein Doppelleben. Tagsüber kümmerte er sich als Betreuer auf Ferienfreizeiten und in Heimen um seine Schützlinge. Sogar ein Pflegekind wohnte vier Jahre bei ihm. Laut Appelkamp seien diese Kinder nicht als das Objekt seiner Begierde infrage gekommen, weil er sich für sie verantwortlich fühlte.

Auf der anderen Seite pflegte N. aber auch ein heimliches Nachtleben, in dem er seine pädophilen Neigungen auslebte. Niemand schöpfte Verdacht, bis schließlich Martin Wichmann, ein früheres Opfer des Angeklagten, den Ermittlern den entscheidenden Tipp gab. "Ich kann jetzt anfangen, alles zu verarbeiten - ein normales Leben zu führen", sagt Wichmann nach der Urteilsverkündung.

"Es fehlen die Worte"

Die Aussagen der Opfer während des Prozesses hatten blankes Entsetzen im Gerichtssaal hinterlassen. "Es ist einfach so schrecklich, was hier Gegenstand der Anklageschrift ist, dass einem die Worte fehlen", sagte auch Oberstaatsanwalt Johannes Kiers. Der Angeklagte - mit Vollbart und grauen Büscheln im Haar - verfolgte die Verhandlung an allen Prozesstagen anscheinend teilnahmslos - den Blick meistens starr nach unten gerichtet. Er schwieg beharrlich und meldete sich erst am letzten Verhandlungstag zu Wort. "Ich glaube, dass meine Taten kaum entschuldbar sind", so Martin N. Dennoch äußerte er die Hoffnung, ein neues Leben in Freiheit beginnen zu können.

Martin N. will eventuell Passwörter nennen

Außerdem kündigte der Angeklagte an, nach dem Urteil möglicherweise die Passwörter für seinen Computer zu nennen. Experten ist es im Prozessverlauf bisher nicht gelungen, die Codewörter zu knacken. Die Staatsanwaltschaft erhofft sich davon neue Erkenntnisse über mögliche weitere Morde von Martin N. Der Angeklagte hat weitere Taten allerdings ausdrücklich bestritten.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.02.2012 | 19:30 Uhr

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