Eine Pflanzenkläranlage im Harz. © NDR

Werk Tanne: Pflanzen-Kläranlage filtert verseuchtes Wasser

Stand: 18.11.2020 19:39 Uhr

Auf dem Gelände der ehemaligen Sprengstoff-Fabrik Werk Tanne in Clausthal-Zellerfeld ist eine neue Pflanzen-Kläranlage in Betrieb gegangen. Sie soll Schadstoffe aus Sickerwasser herausfiltern.

von Birte Olig

Das Werk Tanne gehörte zu den fünftgrößten Rüstungsproduktionsstätten während des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 100.000 Tonnen Sprengstoffes TNT wurden hier produziert. Mehrfach kam es auf dem Gelände zu Explosionen; zahlreiche Zwangsarbeiter verloren dabei ihr Leben. Zudem gelangten die verseuchten Abwässer ins Erdreich und in die nahe gelegenen Teiche. Bis heute ist das Gebiet stark belastet. Die neuartige Pflanzenkläranlage soll das Problem jetzt lösen.

VIDEO: Pflanzenkläranlage soll Sprengstoffwerk Tanne entgiften (1 Min)

28.000 Schilfgewächse sollen das Wasser reinigen

Zunächst wird das durch die Sprengstoffrückstände verseuchte Wasser in einem großen Regenrückhaltebecken gestaut. Durch die Strahlungswirkung der Sonne werden bereits erste Schadstoffe abgebaut. Anschließend wird das Wasser in ein tiefes Becken geleitet, in dem sich die eigentliche Pflanzenkläranlage und damit das Herzstück der Anlage befindet. Im Oktober wurden dort 28.000 Schilfgewächse gepflanzt. An ihren Wurzeln und am Boden sollen sich die Schadstoffe festsetzen; das Wasser wird so Liter für Liter gereinigt. Jetzt allerdings noch nicht, weil die Schilfpflanzen noch relativ kurz seien, sagte Michael Riesen, Leiter der Unteren Bodenschutzbehörde beim Landkreis Goslar. Damit die Pflanzen ihre reinigende Wirkung erzielen, müssten sie eine Höhe von mindestens 1,50 Meter erreichen.

98 Prozent der Schadstoffe werden herausgefiltert

Eine Pflanzenkläranlage im Harz. © NDR
Die Pflanzen-Kläranlage soll bis zu 98 Prozent der Schadstoffe herausziehen.

Nach Angabe der Experten soll die Pflanzenkläranlage bis zu 98 Prozent der sprengstofftypischen Verbindungen herausfiltern können. "Wir sind überzeugt, dass wir in dieser einjährigen Probezeit die Zielwerte erreichen werden", sagte Riesen. Regelmäßig werden Wasserproben entnommen und auf Schadstoffe überprüft. Sollte das Wasser rein sein, wird es in die nahen Pfauenteiche eingeleitet. Sie gehören zum Oberharzer Wasserregal und damit auch zum Trinkwassersystem der Harzwasserwerke. Sollte das Wasser nach wie vor belastet sein, dann wird es noch einmal auf herkömmlichem Wege gereinigt - in einer Sickerwasserreinigungsanlage mit einem Aktivkohlefilter. Die aber soll über kurz oder lang überflüssig werden, weil sie wartungs- und stromintensiv und außerdem für das 117 Hektar große Gelände viel zu klein ist.

Umweltschützer loben die Anlage

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßt, dass das Problem des belasteten Wassers am Werk Tanne jetzt mit Nachdruck angegangen wird. "Das sind echte Fortschritte", sagte Friedhart Knolle. "Wir haben dieses schwierige Thema der Rüstungsaltlasten, der Nazi-Zeit, der Umweltprobleme, der Lost Places - all diese Probleme mischen sich hier. Da mussten wir als BUND jahrzehntelang dran arbeiten, dass hier was geschieht." Alle vorherigen Maßnahmen seien lediglich Not- oder Zwischenlösungen gewesen. Die Pflanzenkläranlage aber, ist auch Knolle überzeugt, hat echtes Potential.

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Zweite Anlage könnte nach Probebetrieb kommen

Nach Angaben des Landkreises ist es die größte Pflanzenkläranlage für sprengstofftypische Verbindungen in Europa. Aber: Es dürfte nicht die einzige bleiben. Sollte der Probebetrieb am Werk Tanne erfolgreich laufen, dann soll neben der jetzigen Anlage eine weitere gebaut werden. Die Kosten in Höhe von bisher 4,5 Millionen Euro würden sich dann mehr als verdoppeln. Doch trotz aller Euphorie - eines werde das Gelände des "Werk Tanne" immer bleiben, sagte Riesen von der Unteren Bodenschutzbehörde: eine Rüstungsaltlast. "Das Gelände wird nie endgültig saniert sein. Aber die große Gefahr, die davon ausgeht, dass sprengstofftypische Gefahrstoffe in Richtung Innerste gehen, die haben wir dann ausgeschlossen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.11.2020 | 12:00 Uhr

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