Stand: 17.07.2018 11:07 Uhr

Wenn Computerspielen zur Sucht wird

von Louisa Maria Giersberg

Am 18. Juni hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Computerspielsucht offiziell in ihren Katalog von Krankheiten aufgenommen. Wer mehr als zwölf Monate exzessiv spielt, gilt jetzt nach dem internationalen Krankheitenkatalog als krank. Bis zu 70 Patienten aus ganz Deutschland werden in der Nähe von Schwerin in einer Suchtklinik am Schweriner See behandelt.

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Peter (Name geändert) möchte nach seiner Therapie anderen helfen, die Computerspielsucht zu überwinden.

Ein Word-Dokument ist grün - unbedenklich. Das Internet zu Recherchezwecken ist gelb, da muss man aufpassen. YouTube oder Diskussionsforen sind rot, die darf Peter nicht aufmachen, sie könnten ihn wieder heiß machen, sagt er.

Peter heißt eigentlich anders. Er sitzt in einer Therapiegruppe in der Median Klinik Schweriner See, einer Suchtklinik. Mit den Ampelfarben legt Peter im Kopf fest, was ihm keine Probleme bereitet und was für ihn gefährlich werden könnte, weil es ihn wieder in die Computerspielsucht zieht.

Ein Mann mit Kaputzenpullover sitzt allein in einem Raum.

Computerspielsucht: Wenn Gamer Hilfe brauchen

Nordmagazin -

Die Weltgesundheitsorganisation hat Computerspielsucht kürzlich in ihren Krankheiten-Katalog aufgenommen. In der MEDIAN Klinik Schweriner See werden Abhängige behandelt.

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Ständige Belohnung wird zum Kick

"Ich habe Tage und Nächte stundenlang am Computer gespielt, habe auf Arbeit blau gemacht und meine Freunde belogen", erzählt Peter. Aus anfänglicher Daddelei wurde eine Obsession. Seine Jalousien machte er irgendwann nicht mehr auf; er aß nur noch unregelmäßig und magerte ab. Ego-Shooter, Baller- und Kriegsspiele waren sein Ding. Darin war der 31-Jährige gut - und führte im Netz sogar Armeen an. Sein Bürojob hingegen langweilte ihn und forderte ihn nicht heraus. Er wollte ja immer gewinnen. "Wenn man gut spielt, wird man immer belohnt. Das hat mich am meisten hineingezogen", sagt Peter.

Seit drei Monaten ist er im mecklenburgischen Lübstorf in Behandlung. Der Psychologe Bernd Sobottka betreut acht Männer und zwei Frauen. Sie spielen pathologisch Computer- oder Videospiele - auf dem Smartphone, auf dem Rechner, auf der Playstation. "Wir sprechen dann von einer Computerspielsucht, wenn jemand sich die meiste Zeit des Tages in einer virtuellen Welt bewegt und so andere Dinge vernachlässigt", sagt Sobottka. Zum Beispiel die Schule, den Job oder persönliche Kontakte.

Therapeuten fassen Computerspielsucht weit

Viele haben zusätzlich Depressionen oder konsumieren Drogen wie Alkohol oder Cannabis. Bislang wurden diese Menschen mit der Diagnose "Störung der Impulskontrolle" oder "Beziehungsstörung" behandelt. Die neue Diagnose "Computerspielsucht" biete Chancen - vor allem für Patienten, findet der Psychologe. "Möglicherweise wird die Scham sinken, sich an einen professionellen Behandler zu wenden, wenn man sich krank fühlt."

Einige Experten hätten sich eher den Begriff "Mediensucht" gewünscht, denn darunter würden auch Social Media oder Chats fallen, wovon vor allem Frauen abhängig sind. Damit gäbe es für mehr Menschen eine klare Diagnose. Der Begriff "Computerspielsucht" sei deswegen nur ein Anfang.

Neue Stärke in der Natur gefunden

Peter hat etwas ganz Neues für sich entdeckt: die Natur. Er verbringt seine Freizeit jetzt mit Spaziergängen am Schweriner See. Dort denkt er viel nach, will sein Leben in den Griff bekommen. Zu lange fand es nur noch virtuell statt. Aber er hat auch ein bisschen Angst davor, nach Hause, in seine alte Zockerhöhle zu gehen. "Die Zeit, die ich am Rechner verbracht habe, die ist dann mit etwas anderem zu füllen. Aber ich bin zuversichtlich", sagt Peter. Sein konkretes Ziel: Er will seinen Bürojob an den Nagel hängen und Sozialarbeiter werden, damit er andere vor der Computerspielsucht bewahren kann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 17.07.2018 | 07:50 Uhr

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