Oleg Eremenko (links) bei der Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal. © NDR Foto: NDR

Unheimliche russische Freunde: Ex-Geheimdienstler bei Weltkriegsgedenken

Stand: 06.01.2023 15:41 Uhr

Im April 2021 wurde in Greifswald an den Jahrestag der kampflosen Übergabe der Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Neben Ministerpräsidentin Schwesig nahm auch Oleg Eremenko an der Zeremonie teil. Nun kam heraus: Eremenko war früher Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Am 29. April 2021 war die Welt noch eine ganz andere. Das NDR Nordmagazin berichtete damals vom Besuch von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und dem russischen Botschafter Sergej Netschajew in Lubmin, wo beide Nord-Stream-Gasleitungen ankommen. Zweiter und nicht weniger symbolträchtiger Tagesordnungspunkt: Einweihung einer Gedenktafel im Greifswalder Rathaus, die an den Jahrestag der kampflosen Übergabe der Stadt an die Rote Armee am 29. April 1945 erinnert. Die Gedenktafel ließ die Stadt auf Anregung des Enkels des ehemaligen sowjetischen Stadtkommandanten Ljaschtschenko (1910-2000) anfertigen, der persönlich erschienen war. Im NDR Nordmagazin war Oleg Eremenko dann gemeinsam mit Schwesig bei der Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal zu sehen.

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Bauunternehmer, Putin-Propagandist und Geheimdienstmann

Ministerpräsidentin Schwesig nimmt an einer Gedenkveranstaltung in Greifswald teil. © NDR Foto: NDR
Ministerpräsidentin Schwesig nahm an der Gedenkveranstaltung in Greifswald teil. Die Staatskanzlei teilte mit, dass es keinen Hinweis auf eine frühere oder aktuelle Geheimdiensttätigkeit Eremenkos gab.

Bekannt war schon damals, dass Eremenko als russischstämmiger Bauunternehmer in Berlin arbeitet und offen als Kreml-Propagandist in der Bundesrepublik unterwegs ist. Seine frühere Beschäftigung hingegen war bislang unbekannt. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters war Eremenko früher Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Der Reuters-Artikel beleuchtet das weitverzweigte deutsche Pro-Putin-Netzwerk, von Vertretern der DKP bis hin zur AfD. In diesem Zusammenhang veröffentlichte Reuters auch ein Foto, dass Eremenko mit Oberst Igor Girkin zeigt. Girkin arbeitete ebenfalls für den GRU. Der Geheimdienstmann im Rang eines Obersts ist kürzlich in den Niederlanden verurteilt worden. Er soll für den Abschluss des Passagierflugzeuges MH 17 über der Ostukraine 2014 mitverantwortlich sein. Dabei starben alle 298 Insassen.

Greifswald lehnt Besuch Eremenkos ab

Die Schweriner Staatskanzlei versicherte, dass es im April 2021 kein verabredetes Treffen der Ministerpräsidentin mit Eremenko gegeben habe, man keinen Hinweis auf eine frühere oder aktuelle Geheimdiensttätigkeit hatte. Eremenko sei im Ablaufplan der Veranstaltung auch nur als Enkel des sowjetischen Kommandanten aufgeführt worden. Eingeladen hatte damals außerdem die Hansestadt Greifswald. Und auch die Hansestadt distanziert sich heute, schließt eine Wiederholung aus. Nach Angaben der Stadtverwaltung gab es vor einem Monat eine Anfrage von Oleg Eremenko, ob er die Gedenktafel im Greifswalder Rathaus besichtigen und eventuell eine Videoaufnahme davon machen könne. Greifswald lehnte ab.

"Tag des Sieges" in Demen

Oleg Eremenko bei der Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal. © NDR Foto: NDR
Oleg Eremenko plant im Mai an einer Gedenkveranstaltung in Demen teilzunehmen.

Eremenko wird dennoch bald erneut nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, wieder zu einem historischen Datum. Er ist Vorstandsmitglied im Desant e.V. In diesem Verein versammeln sich ehemalige Angehörige von Eliteeinheiten der sowjetischen Streitkräfte aus ganz Deutschland, viele von ihnen Spätaussiedler. Sie ehren Veteranen, besuchen Kriegsgräberstätten und üben Wehrsport aus. Den "Tag des Sieges" und des Kriegsendes wollen sie im kommenden Mai in Mecklenburg feiern, in Demen bei Schwerin. Gastgeber ist der Traditionsverband der Nationalen Volksarmee (NVA).

Auf dem Gelände war zwischen 1977 und 1990 die 5. Raketenbrigade der NVA stationiert. Ein kleines Museum zeigt unter anderem sowjetische Raketentechnik, erinnert an die Geschichte des Kalten Krieges. Gesinnungsprüfungen mache man nicht, sagt Mark Einbeck vom örtlichen militärhistorischen Verein. Man verstehe sich als neutral und überparteilich. Allerdings sei das Interesse an der Technik und der Ausstellung seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine deutlich gestiegen. Offensichtlich bewegt die Menschen das Thema, so oder so.

 

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nordmagazin | 29.04.2021 | 19:30 Uhr

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