Stand: 19.02.2020 17:58 Uhr

Totes Baby in Rostock: Prozess geht zu Ende

Blumen, Kerzen und Plüschtiere stehen an einer Stelle am Straßenrand in Rostock, wo ein toter Säugling gefunden wurde. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck
Eine Passantin hatte das leblose Baby an einer Straße im Nordwesten Rostocks gefunden.

Am Landgericht Rostock neigt sich der Prozess gegen eine 26-Jährige wegen Tötung ihres Neugeborenen dem Ende zu. Die Mutter hatte im Mai vergangenen Jahres nachts allein in Rostock-Lichtenhagen ihr Baby zur Welt gebracht und es abgelegt. Das Baby verstarb später an einer Unterkühlung. Am Mittwoch, dem fünften Verhandlungstag, hat die Sachverständige ein psychologisches Gutachten vorgestellt. Sie zeichnet darin ein differenziertes Bild einer jungen Frau, die als Einzelkind in einem materiell gesicherten, behüteten Elternhaus aufgewachsen sei. Die Angeklagte habe ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Eltern gehabt. Allerdings seien diese oft an Grenzen gestoßen, wenn es darum ging, sie an Aufgaben im Alltag heranzuführen, etwa im Haushalt zu helfen oder aufzuräumen.

Intelligenzminderung und Verhaltensstörungen

Bei der Angeklagten wurde früh ein Förderbedarf festgestellt. Sie habe aber auf einer Förderschule ihren Abschluss und anschließend eine Ausbildung als Beiköchin machen können. Die Sachverständige sprach von einer Intelligenzminderung der Angeklagten, die mit bestimmten Verhaltensstörungen einhergingen. Sie verstehe vieles nicht, vor allem, wenn es um komplexe Zusammenhänge gehe. Damit gehe eben auch die Tötung einher. Die Angeklagte habe die Schwangerschaft verdrängt, verleugnet, erst im Moment der Presswehen habe sie realisiert, dass sie ein Kind zur Welt bringt.

Panik bei der Geburt

Die Angeklagte wisse, dass es Babyklappen gibt, aber danach zu handeln, sei bei ihr in diesem emotionalen Zustand von Panik und Chaos nicht möglich gewesen. Und das machten Frauen auch nicht in diesen Situationen, sagte die Sachverständige. Die Angeklagte nahm das Gutachten mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern ziemlich reglos auf. Die vergangenen Verhandlungstage haben die Frau aufgewühlt. Vor allem, als frühere Freunde oder Bekannte aussagten, weinte sie oft, drehte sich weg und hielt minutenlang die Hand ihrer rechtlichen Betreuerin. Die Gutachterin sagte auch, dass die Angeklagte bereue das, was sie getan hat und dass sie sich schäme.

Angeklagte oft überschätzt

Trotz der geminderten Intelligenz könne sie sich verbal gut äußern, weswegen man sie oft überschätze. Die Angeklagte könne Beziehungen eingehen, sei emphatisch. Freunde vor Gericht beschrieben sie auch als hilfsbereit, großzügig, immer nett. Doch ein Mitarbeiter des Jugendamtes und ihre rechtliche Betreuerin sagten, dass sie im Alltag überfordert gewesen sei und vor allem Angst um ihr erstes Kind hatte. Der Vater habe immer wieder gedroht, ihr das Sorgerecht zu entziehen. Die Angeklagte stand offenbar unter immensem Druck. 

Totschlag durch Unterlassen?

Das Urteil soll am 4. März fallen. Die Mutter ist wegen Totschlags angeklagt. Laut Strafgesetzbuch sind dafür Strafen nicht unter fünf Jahren Haft vorgesehen. Das Gericht hat aber an einem der Verhandlungstage in einer rechtlichen Belehrung angekündigt, dass die Angeklagte sich des Totschlags durch Unterlassen strafbar gemacht haben könnte. Das, so die Staatsanwältin, könnte sich strafmildernd auswirken.

Dieses Thema im Programm:

Der Tag | 19.02.2020 | 18:20 Uhr

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