Missbrauchsstudie: Erzbischof Heße räumt Versäumnisse ein

Stand: 27.02.2023 11:52 Uhr

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat mit Blick auf eine Studie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen in Mecklenburg von 1946 bis 1989 Versäumnisse eingestanden. Weitere Missbrauchs-Untersuchungen sollen folgen.

Täter seien nicht konsequent zur Rechenschaft gezogen und Schutzbefohlene nicht ausreichend geschützt worden, sagte Heße am Montag in Hamburg. "Auch wir im Erzbistum Hamburg müssen zur Kenntnis nehmen, dass kirchliche Verantwortungsträger nach unserem heutigen Wissen nicht angemessen gehandelt haben." Man müsse jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen. "Es wäre viel zu wenig, nur um Entschuldigung zu bitten."

"Schrecklich und schockierend"

Heße sprach am Montag von einer "bedrückenden Studie," die Ergebnisse seien "schrecklich und schockierend". Die Missbrauchsstudie, in der Wissenschaftler der Uniklinik Ulm die DDR-Zeit in den Blick nahmen, war am Freitag in Schwerin vorgestellt worden. Heße kündigte nun umfassendere Untersuchungen an. Das ganze Gebiet des heutigen Erzbistums solle über einen längeren Zeitraum untersucht werden.

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Kreuz auf einem Wörterbuch mit dem Wort Missbrauch. © picture alliance / Bildagentur-online/Ohde Foto: Bildagentur-online/Ohde

Katholische Kirche: Forscher stellen Studie zu Missbrauch vor

Dreizehn Betroffene berichten über Missbrauch und Gewalt in der katholischen Kirche Mecklenburgs zwischen 1946 und 1989. mehr

40 Betroffene ermittelt, 19 Tatverdächtige

Die Ulmer Wissenschaftler hatten für ihre Untersuchung 40 Betroffene ermittelt, die in der katholischen Kirche in Mecklenburg zwischen 1946 und 1989 sexualisierte Gewalt erlitten haben. 19 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Dreizehn Betroffene habe das Team interviewt. Dabei berichteten sie sowohl über sexuellen Missbrauch mit und ohne Körperkontakt wie auch über teils brutale körperliche und psychische Gewalt. Der Bericht habe veranschaulicht, wie sehr die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR den Machtmissbrauch durch Priester erleichtert hätten, sagte Heße.

Autoren gehen von hoher Dunkelziffer aus

Die drei Frauen und zehn Männer waren zum Zeitpunkt der Missbräuche laut Studie im Durchschnitt zehn Jahre alt, der jüngste Betroffene war beim ersten Missbrauch fünf, der älteste 14 Jahre alt. Die Dauer der Missbräuche betrug im Schnitt fünfeinhalb Jahre. Ein Betroffener sei mehr als sieben Jahre sexuell missbraucht worden. Die Autoren der Studie gehen von einer hohen Dunkelziffer weiterer Betroffener aus. Die Forscher hatten rund 1.500 kirchliche und staatliche Akten eingesehen - darunter 12 Stasi-Akten - sowie Gespräche in Gemeinden geführt.

Heße: Vielfältige Folgen und Formen sexueller Gewalt

Laut der Studie kannte die katholische Kirche zu DDR-Zeiten offenbar Beschuldigte und Betroffene von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen in der katholischen Kirche in Mecklenburg. Gemeinden und Amtskirche hätten Bescheid gewusst, die Betroffenen aber keine Hilfe erfahren, lautet der Befund. Heße sagte, es sei "ein Verdienst der Studie, aus dem kriminologischen, psychologischen und psychiatrischen Blickwinkel der Forschenden deutlich gemacht zu haben, welch vielfältige Formen und Folgen sexuelle Gewalt hat, die Kinder und Jugendliche erleiden". Ihm sei deutlich geworden, "wie sehr sexualisierte Gewalt mit geistlichem Missbrauch, mit Machtmissbrauch und mit brutaler körperlicher Gewalt zusammenhängt".

Betroffenenrat fordert Namensnennungen

Der Betroffenenrat der norddeutschen Bistümer forderte vom Erzbistum, die Namen zu nennen. Unter anderem müsse die Rolle des früheren Schweriner Weihbischofs Norbert Werbs (1940-2023) klar benannt werden. Heße erklärte, die Namen der für Mecklenburg verantwortlichen Bischöfe seien hinlänglich bekannt. Auch seien die Namen von Beschuldigten bereits teilweise öffentlich. "Am Ende bringt der Fokus auf Namen nicht weiter", so der Erzbischof. Stattdessen gelte es, die systemischen Ursachen des Missbrauchs in den Blick zu nehmen. Die Opfervertreter fordern außerdem angemessene Entschädigungszahlungen und eine umfassende Anerkennung ihres Leids durch die Kirche.

Das Erzbistum Hamburg umfasst die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein sowie den Landesteil Mecklenburg des Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern. 

Das Erzbistum hat eine Hotline für Betroffene eingerichtet. Die Beraterinnen und Berater sind vom 24. Februar bis 3. März von 10 bis 19 Uhr unter der Telefonnummer 0385-4897070 zu erreichen.

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Blick auf den Eingang des Doms St. Petrus in Osnabrück. © NDR Foto: Julius Matuschik

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.02.2023 | 14:00 Uhr

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