Stand: 08.06.2020 11:54 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Kranunfall in Rostock: Bergung bei Liebherr nicht in Sicht

von Judith Greitsch und Jürgen Opel, NDR 1 Radio MV.

Bild vergrößern
Noch immer liegt die "Orion 1" im Hafenbecken B des Rostocker Überseehafens.

Eigentlich wäre das Offshore-Spezialschiff "Orion 1" bald vor Schottlands Küste für den Bau des Windparks Moray East unterwegs. Jetzt liegt es seit gut vier Wochen beschädigt im Hafenbecken B des Rostocker Überseehafens, auf ihm der kaputte Schwerlastkran HLC 295000 von Liebherr. Ausgelegt war der Kran eigentlich für 5.500 Tonnen Last. Nach etlichen Berechnungen und Checks sollte er am 2. Mai final getestet werden. Doch bei einer Last von 2.600 Tonnen geschieht das, womit keiner in diesem Moment gerechnet hat: Etwas geht kaputt und die mit Wasser gefüllte angehängte Barge rauscht ins Wasser. Die Kraft, mit der sich der Kranausleger überschlägt, ist enorm. Das belegt auch ein Zufallsvideo, das im Netz sofort die Runde macht.

Havarierter Kran in Rostock: Wer hat Schuld?

Nordmagazin -

Rund einen Monat nach dem Kranunfall auf dem Spezialschiff "Orion 1" im Rostocker Überseehafen dauert die Ursachenforschung an. Auch für die Bergung gibt es noch kein Konzept.

4,11 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Unfall weltweit bekannt

Nahezu jeder in der Branche kriegt den Vorfall mit, in Berlin auch der Ingenieur und Offshore-Markt-Experte Dr.-Ing. Walter Kuehnlein. Er ist unter anderem Vorsitzender der Gesellschaft für Maritime Technik e.V., GMT. Er hat relativ zeitnah über Linkedin die ersten Videos und Informationen bekommen. Er meint, die Info habe innerhalb von ein bis zwei Stunden weltweit alle Experten im Offshore-Bereich erreicht.

Kranhaken von externem Lieferanten

Kranhersteller Liebherr schließt nach dem Unfall laut Pressemeldung vom 5. Mai einen eigenen Konstruktions- und Produktionsfehler aus. Auf Nachfrage des NDR vom 30. Mai 2020 wird erneut darauf verwiesen, dass die Entwicklung und Herstellung des Hakens von einem externen Lieferanten zugekauft worden sei. Seit Ende Mai ist von Amts wegen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, eine Anzeige beispielsweise durch die beiden schwerer Verletzten gab es nicht. Harald Nowack, Sprecher der Staatsanwaltschaft Rostock: "Die Staatsanwaltschaft Rostock hat ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt eingeleitet und prüft, ob es eine fahrlässige Körperverletzung gegeben hat. Und wenn ja, wer die zu verursachen hatte." Dazu werde ein Gutachten eingeholt, das aber frühestens in sechs Monaten vorliegen werde.

Hinter den Kulissen

Wie geht es jetzt mit der "Orion 1" und dem Kran weiter? Ob Bergungskonzept, Reparaturen oder Untersuchungen – es dringt nichts Konkretes nach draußen. Doch klar ist, hinter den Kulissen herrscht alles andere als Ruhe. Denn es geht um viele Millionen Euro und mehrere Unternehmen sind an dem Prestige-Offshore-Projekt beteiligt:

Werft in China baute für belgische Gruppe

Gebaut wurde die mit Flüssigerdgas betriebene "Orion 1" von der Werft COSCO im chinesischen Quidong. Übernehmen will das Schiff die belgische DEME-Gruppe – das Unternehmen ist international unter anderem mit küstennahen Dienstleistungen und im Offshore-Markt unterwegs. Was ein Schiff wie die "Orion 1" vor allem können muss: Auf hoher See große Lasten sicher heben und positionieren. Der Auftrag für den Schwerlastkran an Bord ging an LIEBHERR MCCtec in Rostock. Doch nicht jedes Teil der Konstruktion wird in Rostock gefertigt. In der Stellungnahme nach dem Unfall sieht Liebherr wie erwähnt die Schuld daher nicht bei der Konstruktion und Produktion ihres Krans.

Weitere Informationen

Erste Schiff-zu-Schiff-Betankung mit LNG in Rostock

Im Rostocker Überseehafen ist erstmals ein Schiff seeseitig mit Flüssiggas betankt worden. Das weltgrößte LNG-Bunkerschiff "Kairos" legte dazu erstmals in der Hansestadt an. mehr

Niederländer lieferten Kranhaken

Zuständig für die Kranhaken-Komponenten ist die niederländische Firma ROPEBLOCK. In einer Mitteilung nach dem Test heißt es, den Kranhaken habe ein zertifizierter Zulieferer produziert. Auf die Frage des NDR Nordmagazins, wer dieser sei und ob der Haken geschmiedet worden sei, gibt es keine konkrete Antwort. Wir mögen Verständnis haben - die Untersuchung laufe und die Interessen und Verpflichtungen seien vielfältig.

Zertifizierungsprozess lief zum Zeitpunkt des Unfalls

Und noch wichtiger Player ist beteiligt: DNV GL, quasi ein maritimer TÜV, mit Sitz in Hamburg. Diese Klassifikationsgesellschaft hat die "Orion 1" klassifiziert. Ein Sprecher bestätigt, der Liebherr-Offshore-Kran inklusive Kranhaken habe sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im sogenannten Zertifizierungsprozess befunden. An der Technischen Universität Hamburg-Harburg beschäftigt sich das Institute for Ship Structural Design and Analysis unter anderem mit Offshore-Konstruktionen. Für Professor Sören Ehlers liegen erste Fragen auf der Hand: "Gab es an irgendeiner Stelle tatsächliche Konstruktionsdetails, die nicht so ausgeführt wurden, wie sie hätten ausgeführt werden sollen? Kam es zu einer Spannungserhöhung? Wurde eine Kraft in einer Weise eingeleitet, die so nicht eingeleitet werden soll und hat damit zu einer Schädigung geführt?"

Sicherheit und Reputation

Gerade für Unternehmen aus der Offshore-Branche sei jede Panne eine zu viel, Sicherheit das A und O. Das bestätigt Dr. Walter Kuehnlein, GMT, weil es immer um Menschenleben gehe, um Arbeitsstunden, um riesige Investitionen und - was spätestens nach dem Unfall von Deepwater Horizon klar geworden sei - auch um die Reputation. Für die sei ein Unfall wie dieser erstmal ein Dämpfer. Momentan gebe es weltweit nur ganz wenige Firmen wie Huisman und Technip, die die ganz großen Krane bauen. Dahinter käme die zweite Gruppe in der auch Liebherr spiele, mit Kranen in der Größenordnung bis um die 5.000 Tonnen.

Ermittlungen zu Unfall im Januar laufen

In den Schlagzeilen war Liebherr Rostock dieses Jahr schon einmal: Ende Januar kippten zwei mobile Krane beim Verladen ins Hafenbecken. Ein Mensch wird verletzt. Noch ermittelt die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung. Die Krane sind mittlerweile geborgen. Die Unfälle haben laut Unternehmenssprecher nichts miteinander zu tun. Beide hätten auch keine Auswirkungen auf den laufenden Betrieb der Liebherr MCCtec Rostock GmbH. Wegen des aktuellen Vorfalls seien verschiedene Gutachter vor Ort. Zur Zeit werde mit einem Spezialunternehmen ein Bergungskonzept für den Rückbau des havarierten Krans erarbeitet. Die Bergung sei komplex. Die belgische DEME-Gruppe ist momentan für den Windpark Moray East vor Schottland in ihrer eigenen Flotte, aber auch bei Dritten, auf der Suche nach einem Ersatzschiff für die "Orion 1".

Weitere Informationen

Kranunfall: Liebherr sieht Schuld bei Hakenhersteller

06.05.2020 12:00 Uhr

Nach dem Kranunfall im Rostocker Überseehafen gehen Behörden und Experten derzeit von einem gebrochenen Haken als Ursache aus. Dieser stammte von einem externen Lieferanten. mehr

02:36
Nordmagazin

Rostocker Hafen: Millionenschaden nach Kranunfall

04.05.2020 19:30 Uhr
Nordmagazin

Nach dem missglückten Belastungstest eines Schwerlastkrans im Rostocker Überseehafen am Samstag schätzt die Polizei den entstandenen Schaden auf 50 bis 100 Millionen Euro. Video (02:36 min)

Hoher Schaden nach Kranunfall, aber keine Umweltbelastung

04.05.2020 14:00 Uhr

Nach dem Kranunfall im Rostocker Überseehafen schätzt die Polizei den Schaden auf bis zu 100 Millionen Euro. Ein Materialfehler könnte den Unfall mit mehreren Verletzten ausgelöst haben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 05.06.2020 | 16:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

04:09
Nordmagazin
02:03
Nordmagazin
02:23
Nordmagazin