Stand: 01.09.2020 17:54 Uhr

Güstrow: Verlieren tote SED-Mitglieder Ehrenbürgerschaft?

Bernhard Quandt bei der Landaufteilung in Brendentin. © Walberg, Ernst-Jürgen: Erinnerungen für die Zukunft: Geschichten und Geschichte aus dem Norden der DDR / Ernst-Jürgen Walberg; Thomas Balzer, Hrsg. vom Norddeutschen Rundfunk. Bonn: Dietz 1999, ISBN 3-8012-0261-5, S. 104-113.
Einer der drei Ehrenbürger ist Bernhard Quandt, der bei der Bodenreform eine maßgebliche Rolle spielte. (Archivbild)

Die Stadt Güstrow (Landkreis Rostock) hat ihre Einwohner aufgerufen, sich an der Entscheidung über die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften dreier verstorbener SED-Mitglieder zu beteiligen. Die drei Männer hatten zu DDR-Zeiten in der damaligen Einheitspartei hohe Parteiämter, wie die Stadtverwaltung am Dienstag mitteilte. Dabei seien sie in viele staatliche Unrechtsmaßnahmen eingebunden gewesen oder hätten dafür Verantwortung getragen. Der zuständige Hauptausschuss hatte deshalb im März vorgeschlagen, ihnen die Ehrenbürgerschaft posthum zu entziehen.

An Enteignungen, Wahlfälschungen und Gewalttaten beteiligt

Bei dem Trio handelt es sich um die hochrangigen Partei-Funktionäre Johannes Warnke, Bernhard Quandt und Klaus Sorgenicht. Sie sollen an Betriebsenteignungen, Wahlfälschungen und Tötungen von sogenannten Volksverrätern im Zuge der Bodenreform sowie der "Aktion Rose" beteiligt gewesen sein. Einer von ihnen war auch Anfang der 1990er-Jahre wegen Totschlags angeklagt, konnte wegen Krankheit aber nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Ernst Barlach und Helmut Schmidt sind auch Ehrenbürger

Es ist erst das zweite Mal seit 1990, dass in Güstrow Ehrenbürgerschaften zur Disposition stehen. Derzeit hat die 30.000-Einwohner-Stadt 18 Ehrenbürger - darunter so prominente wie den Bildhauer Ernst Barlach und den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. Zuletzt hatte es im Jahr 2006 Diskussion um eine Ehrenbürgerschaft gegeben. Seinerzeit ging es um den ehemaligen NS-Funktionär Friedrich Hildebrandt, Gauleiter von Mecklenburg. Von den Einwohnern hatte sich damals niemand zu dem Fall geäußert, trotzdem wurde die Ehrenbürgerschaft letztendlich aberkannt.

Einwohner können sich bis Ende Oktober äußern

Im aktuellen Fall sieht das weitere Vorgehen so aus, dass die Bürger bis Ende Oktober ihre Meinung sagen können. Anschließend wird das Stimmungsbild ausgewertet und der Stadtvertretung vorgelegt. Das Gremium entscheidet dann in nicht-öffentlicher Sitzung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.09.2020 | 18:00 Uhr

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