Stand: 09.05.2019 13:31 Uhr

Fischer Baumann leidet unter den EU-Vorgaben

von Charlotte Horn, NDR Info
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Dirk Baumann ist seit 30 Jahren als Heringsfischer auf dem Wasser. Doch wie lange noch?

Auch die Heringsfischer an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern sind direkt von den EU-Fangquoten betroffen. Für dieses Jahr haben die EU-Fischereiminister eine Kürzung um fast die Hälfte der erlaubten Fangmenge vom Hering beschlossen. Dabei gilt der Hering als Existenzgrundlage gerade für die kleinen Küstenfischer.

Einer von ihnen ist Dirk Baumann aus dem kleinen Hafenort Freest in der Nähe der Insel Usedom. Seit mehr als 30 Jahren ist er Fischer. Inzwischen ist Baumann nur noch einer von etwa 230 Küstenfischern in Mecklenburg-Vorpommern. Zur Wendezeit waren es zehn Mal so viele.

Auch Robben machen Jagd auf Heringe

Am Hafenbecken von Freest lässt Fischer Dirk Baumann das grobmaschige Netz routiniert durch seine Arbeitshandschuhe gleiten. An einer Stelle klafft ein großes Loch. Baumann schaut verärgert: "So sieht das aus, wenn eine Robbe durchgeschwommen ist. Das ist doof!" - denn auch Robben machen Jagd auf Heringe.

Baumanns Kutter "Seewolf" liegt ein paar Meter entfernt an der Kaimauer. Das schwere, orangefarbene Ölzeug hat Baumann noch an. Früh morgens um vier Uhr ist er mit seinen Mitarbeitern für drei Stunden rausgefahren auf den Greifswalder Bodden. An diesem Tag, schätzt der Fischer, hat er in den Stellnetzen etwa zwei Tonnen Heringe gefangen.

Eine Winde zieht die vollen Netze vom Kutter direkt auf ein Fließband und so in die kleine Fischerhütte. Baumanns Mitarbeiter befreien die silbern schimmernden Heringe aus den Netzmaschen. Alles Handarbeit. Den größten Teil seines Fangs verkauft Baumann an eine  Fischverarbeitungsfirma auf Rügen und nach Dänemark.

"Es gibt Heringe ohne Ende"

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50 Tonnen Hering darf Dirk Baumann laut EU-Vorgabe in diesem Jahr fangen. Früher waren es pro Jahr 200 Tonnen.

Außen an die Holzhütte hat Baumann Plakate genagelt mit der Aufschrift: "Rettet die Fischerei" und "EU-Fischereipolitik erteilt Berufsverbot". Die meisten der Fischer hätten längst resigniert, sagt Baumann: "Ich sage immer: Fisch hat eine Lobby, Fischer nicht." Damit spielt er auf die von der EU verhängte Fangquote an. Seiner Ansicht nach fischen die großen Schleppnetzkutter einen Großteil der Quote ab - und kleine Küstenfischer wie er hätten das Nachsehen. Denn jedem Schiff wird eine individuelle Quote zugeteilt.

In guten Zeiten durfte Baumann mehr als 200 Tonnen Heringe fangen, in diesem Jahr nur noch 50 Tonnen. "Eine Quote muss es geben, damit nicht rigoros überfischt wird. Aber die Quoten in dem Maße zu senken, wie das jetzt seit mehreren Jahren gemacht wird ... Wir fahren raus und sehen jeden Tag, dass es Heringe ohne Ende gibt."

Zweitjob, um die Fischerei abzusichern

Nur weil schon einige Kollegen aufgegeben hätten und er ihren Teil der Quote übernommen habe, könne er noch weitermachen. Seine fest angestellten Mitarbeiter hätten sich mittlerweile eine sichere Stelle an Land gesucht: "Jeder versucht, das ein bisschen hinzuziehen. Manch einer versucht zu überbrücken, indem er sich einen zweiten Job sucht. So habe ich das auch gemacht. Ich mache 14 Tage das, und gehe 14 Tage woanders arbeiten." Nur so gelinge es ihm, dass er die Fischerei nicht ganz aufgeben müsse.

"Wir wollen froh sein, dass wir die Jungs noch haben"

Ein paar Fischkutter weiter ordnet ein Kollege von Baumann ebenfalls seine Netze. Es sei seine letzte Herings-Saison, sagt er. Er hatte seinen Kutter extra noch mit viel Geld umgebaut, doch es lohne sich einfach nicht mehr, rauszufahren. Angesprochen auf die EU reagiert er wütend, will sich nicht vor dem NDR Info Mikrofon äußern.

Vor der Fischerhütte von Fischer-Kollege Baumann halten derweil immer wieder Autos. Stammkunden holen sich den frisch gefangenen Hering. Einer von ihnen kommt von der Insel Usedom, er räuchert Heringe für die Urlauber dort: "Diese ganze Fischerei hier rund um die Insel ist doch gut für den Tourismus. Wir wollen froh sein, dass wir die Jungs noch haben. Dann haben wir zwischendurch noch einen Ostseelachs oder einen Hering", sagt er.

EU-Ausgleichszahlungen versöhnen die Fischer nicht

Ein EU-Projekt fördert lokale Fischmärkte an der Ostseeküste - auch in Freest. Und vor mehr als zehn Jahren wurde der Hafen mit EU-Mitteln saniert. Doch die Freester Fischer wie Baumann fühlen sich von Brüssel vergessen. Die EU zahlt zwar  Ausgleichszahlungen für die reduzierte Fangquote, das sogenannte Stilllegegeld, aber auch wenn die zum Überleben hilft, versöhnt das die Fischer nicht. "Wir wollen lieber unsere Quoten haben, wollen uns auch selbst ernähren. Aber da uns ja jegliche Grundlage genommen wird, unsere Betriebe zu unterhalten, haben wir gesagt: Dann können wir auch mal Subventionen in Anspruch nehmen", erklärt Baumann. Trotz dieser Unterstützung: Von den Politikern aus Brüssel erwartet der Heringsfischer nichts mehr.

Inzwischen ist der große Sack mit den gesäuberten Netzen bis oben hin voll. Baumann zieht ihn Richtung Kutter. Am nächsten Tag wird er wieder raus auf die Ostsee fahren. Ob er im kommenden Jahr noch dabei ist, weiß der Fischer nicht. Dann sollen die Fangquoten noch einmal gekürzt werden. Bis zur Rente halte er vermutlich nicht mehr durch: Ich bin jetzt 53. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Hier wird das nichts mehr."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 08.05.2019 | 08:50 Uhr

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