Stand: 30.10.2018 06:00 Uhr

"Der Kraftakt": Folgen des DDR-Leistungssportsystems

22 kaputte Knochen und Gelenke sowie unzählige Operationen - das sind die offensichtlichen Schäden, die Susann Scheller, Manuela Renk, Esther Nicklas und Dörte Thümmler davongetragen haben. Alle vier waren Gymnastinnen und Turnerinnen auf Weltniveau - schon als junge Mädchen. Bis heute haben sie mit den Folgen ihrer Karriere zu kämpfen. André Keil und Benjamin Unger haben mit den Frauen für ihren neuen Dokumentarfilm gesprochen, die Redaktion hatten Birgit Müller und Christoph Mestmacher.

Der einstündige Film "Der Kraftakt", den das NDR Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern mit Unterstützung des Hamburger Programmbereichs Dokumentationen und Reportage produziert hat, setzt sich dokumentarisch mit Blick auf einzelne Schicksale mit dem DDR-Leistungssportsystem auseinander. Der Film wurde am Montag im Schweriner Kino Mega Movies in einer gemeinsamen Veranstaltung der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, und dem Landesfunkhaus M-V uraufgeführt.

Esther Nicklas war Leistungssportlerin in der DDR.

Der Kraftakt - Leistungssport in der DDR

Unsere Geschichte -

Übermäßiges Training, Doping, Gewalt: Den sportlichen Erfolg haben viele DDR-Leistungssportler teuer bezahlt. Noch heute haben sie mit den Folgen zu kämpfen.

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Geipel: "Ein unwahrscheinlicher Kraftakt"

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Anne Drescher, Moderatorin Siv Stippekohl, André Keil und Ines Geipel sprachen in einer Talkrunde im Anschluss des Films über die spezielle Doping-Problematik im DDR-Leistungssport.

Die vier Frauen im Film stehen stellvertretend für viele Sportgeschädigte. Bei der Doping-Opferhilfe melden sich nach Angaben ihrer Vorsitzenden Ines Geipel immer mehr Sportlerinnen, die Jahrzehnte gebraucht haben, um über das sprechen zu können, was ihnen widerfahren ist: "Junge Frauen, die dieser unsäglichen Gewalt, Sadismus und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren", so Geipel. "Es ist klar, dass es diesen Frauen unwahrscheinlich schwer fällt, diese Geschichte für sich zu sortieren, für sich überhaupt eine Sprache zu finden, was ihnen widerfahren ist, das ist ein unwahrscheinlicher Kraftakt."

Schäden an Leib und Seele

Viele von ihnen haben auch irreparable Schäden an ihrer Seele genommen, wie etwa Esther Nicklas: "Dieses Nicht-in-Beziehungen-gehen-können. Nicht ins Vertrauen gehen können. Der größte Beziehungspartner für mich war immer der Trainer, dem ich ja nicht vertrauen konnte. Ich musste Leistung bringen, eine Rolle spielen."

Ex-Nationaltrainerin: "Fühle mich verantwortlich dafür"

Auf der anderen Seite standen die Übungsleiter. Mit Nationaltrainerin Elke Stange-Schrempf lassen die Autoren des Films auch sie zu Wort kommen: "Ich habe seit 17 Jahren verstärkte Depressionen, habe eine generalisierte Angststörung und Panikattacken. Und seitdem ich weiß, dass es vielen Mädchen genauso geht, fühle ich mich einfach verantwortlich dafür."

"Eine emotionale Herausforderung"

Filmautor Andre Keil bezeichnete im NDR Nordmagazin die Arbeiten an dem Film als "emotionale Herausforderung" - für die Filmemacher wie auch für die Sportlerinnen. "Wir mussten auch Pausen machen und einen Weg finden, sich zu öffnen. Tatsächlich auch Vertrauen zu uns zu fassen, fiel den Frauen schwer."

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Rund 160 Gäste, darunter zahlreiche Pressevertreter, kamen zur Vorpremiere der Dokumentation "Der Kraftakt" in ein Schweriner Kino.
Podiumsgespräch mit Geipel, Drescher und Keil

Die rund 160 Gäste bei der Film-Uraufführung wurden von Justizministerin Katy Hoffmeister (CDU) und NDR Landesfunkhausdirektorin Elke Haferburg begrüßt. Im Anschluss an den bewegenden Film führten Ines Geipel, Autor André Keil und die Landesbeauftrage für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, ein Podiumsgespräch. Ein Thema war dabei auch die verlängerte Antragsfrist nach dem Dopingopfer-Hilfegesetz. Am 30. Oktober läuft "Der Kraftakt" im NDR Fernsehen.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 24.09.2018 | 16:15 Uhr

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