Stand: 03.11.2015 17:29 Uhr Archiv

Massives Problem für Volkswagen

Die Kanzlerin gab sich beim Tag der deutschen Industrie sicher: Der Abgasskandal bei Volkswagen stellt das gute Image der deutschen Industrie in der Welt nicht in Frage. Vielleicht war sich aber schon der eine oder andere im Saal nicht mehr ganz sicher, ob die Tricksereien bei Automotoren wirklich nur Kratzer im Lack oder doch ganze Beulen im Image hinterlassen. Die Vorwürfe aus den USA gegen VW haben sich jedenfalls noch einmal ausgeweitet. Jetzt geht es auch um Motoren der Oberklasse, für die deutsche Autobauer weltweit fast konkurrenzlos geschätzt werden.

Ein Kommentar von Ann-Katrin Johannsmann, NDR Info

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Ann-Katrin Johannsmann meint, dass die Unfähigkeit von VW, die geforderten Informationen zu liefern, ein skandalöses Ausmaß erreicht habe.

"Im Zweifel für den Angeklagten", ist ein Leitsatz, den Jura-Studenten schon im Studium lernen. In einer besseren Welt würde er nicht nur vor Gericht, sondern auch an der Börse gelten. In der leben wir aber nicht, das hat nicht zuletzt der VW-Skandal noch einmal eindrücklich bewiesen. Seit den neuen Vorwürfen der amerikanischen Umweltbehörde EPA, VW habe auch bei Drei-Liter-Diesel-Motoren eine Manipulationssoftware eingesetzt, hat die VW-Aktie noch einmal deutlich an Wert verloren. Eine klare Vorverurteilung der Anleger, denn Volkswagen bestreitet die Vorwürfe der Umweltbehörde bisher.

Der Konzern sagt, dass keine Software installiert worden sei, um Abgaswerte in "unzulässiger Weise zu verändern". Bei diesem dürren Satz bleibt es allerdings in der Stellungnahme von Volkswagen. Die amerikanische Umweltbehörde ist da deutlich auskunftsfreudiger. Ihren Angaben zufolge hat die EPA seit Bekanntwerden des VW-Skandals Ende September Tests an weiteren Dieselfahrzeugen, die in den USA verkauft werden, angeordnet und - jetzt kommt ein entscheidender Satz - die Hersteller darüber auch informiert.

Bei diesen Tests hat sich nach Angaben der Umweltbehörde gezeigt, dass im Touareg, im Porsche Cayenne und in diversen Audi-Modellen offenbar Systeme installiert sind, die erkennen, dass sich das Auto im Testbetrieb befindet. Während des Tests stellen die Fahrzeuge nach Angaben der Umweltbehörde auf Niedrigbetrieb mit niedrigem Stickoxid-Ausstoß um. Ziemlich genau eine Sekunde nach Ende der ersten Testphase des Standard-Tests stellt die Software laut EPA auf Normalmodus um.

In diesem Normalmodus stoßen die genannten Fahrzeuge laut der Umweltbehörde bis zu neunmal so viel Stickoxid aus, wie erlaubt. Auch für VW gilt die Unschuldsvermutung. Aber anders als bei einer Einzelperson kann man von einem Konzern wie VW erwarten, dass er umgehend in der Lage ist, die vorgebrachten Behauptungen umfangreich zu entkräften. Dazu, Sachverhalte rücksichtslos und schonungslos aufzuklären, wie VW auch in der aktuellen Stellungnahme zum x-ten Mal betont, hatte Volkswagen jetzt gute sechs Wochen Zeit - freundlich gerechnet. Denn in Wahrheit wurde Volkswagen schon 2014 über unerklärliche Abweichungen zwischen Labor- und Straßentests vom Forschungsinstitut ICCT informiert.

Die Unfähigkeit von Volkswagen, seit Bekanntwerden des Diesel-Skandals die von der Öffentlichkeit geforderten Informationen zu liefern, hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das an sich skandalös ist. In Leitartikeln zur VW-Affäre wird gern die zentralistische und hierarchische Führungskultur kritisiert. Aber die scheint es gar nicht zu geben, wenn man nach den schleppenden Ergebnissen der internen Untersuchungen urteilt.

Wenn die Vorwürfe der Umweltbehörde zutreffen, hat VW ein massives Problem. Nicht, weil ein weiterer Motorentyp dazugekommen ist. Sondern, weil die Vorwürfe auch Porsche betreffen, die wichtige Gewinnlokomotive des VW-Konzerns, deren Chef ab 2010 Matthias Müller hieß. Der heutige Vorstandschef und Mann für den Neuanfang. Der hat bei seinem Amtsantritt sogar eine Erklärung unterschrieben, dass er vom Dieselskandal nichts gewusst hat. Die Vorwürfe der EPA sind ein schwerer Angriff auf Müllers Glaubwürdigkeit und mit jeder Stunde, in der es Volkswagen nicht gelingt, sie zu entkräften, beschädigt der Konzern seinen eigenen Chef.

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NDR Info | Kommentar | 03.11.2015 | 17:08 Uhr