Illustration des neuen Coronavirus © Panther Media Foto: Kiyoshi Takahase Segundo

Kommentar: Mit Solidarität gegen die Delta-Variante

Stand: 18.06.2021 17:08 Uhr

Laut RKI-Chef Lothar Wieler wird die Delta-Mutante des Coronavirus spätestens im Herbst die dominierende Variante in Deutschland sein. Deshalb gilt es trotz aller Erfolge bei der Pandemiebekämpfung weiter vorsichtig zu bleiben.

Ein Kommentar von Korinna Hennig, Wissenschaftsredakteurin bei NDR Info

Ja, wir alle wollen das nicht mehr. Wir wollen jetzt endlich den Sommer genießen, ohne Maske, ohne logistische Verrenkungen per App-Buchung und Besuch im Testzentrum, wenn man doch einfach nur essen oder schwimmen gehen will. Trotzdem: Ganz vorbei ist es nun mal noch nicht. Und wie schnell es endgültig vorbei ist, liegt auch in unserer Hand.

"Es hilft nichts, nicht hinzugucken"

NDR Info Moderatorin Korinna Hennig im Studio. © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Korinna Hennig betreut bei NDR Info unter anderem den Podcast Coronavirus-Update.

Das Problem an Risiken generell ist, dass sie oft nicht sichtbar sind und sich im schönsten Sonnenschein ereignen. Und das Coronavirus ist ein besonders fieser unsichtbarer Zeitgenosse. Es hilft also nichts, einfach nicht hinzugucken. Erinnert sich noch jemand an den letzten Sommer? Als alle fast so lebten, als gäbe es gar keine Pandemie? Und so mancher Hohn und Spott ausgoss über die Wissenschaftler, die sagten: Wartet mal, seid lieber vorsichtig, das dicke Ende kommt noch? Es kam dann, und zwar schneller, als man gucken konnte. Und dann kam zum Jahreswechsel auch noch die Mutante, die sich wie eine Flutwelle ausbreitete.

Zwei Drittel der Deutschen sind noch nicht vollständig geimpft

Sie kam aus England. Und genau dort können wir jetzt sehr gut beobachten, mit welcher Dynamik die nächste Variante das Ruder übernimmt, trotz Impfungen. Das Problem ist: Auch wenn schon ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland den vollen Impfschutz hat - zwei Drittel haben ihn noch nicht, und das Virus sucht sich seine Wirte, solange es sie findet. Wer schon einmal geimpft ist, fühlt sich verständlicherweise schon einigermaßen geschützt. Doch für die Delta-Variante gilt so ein Teilschutz leider nicht, da braucht es beide Dosen, auch um Bevölkerungseffekte zu erzielen.

Deshalb müssen wir wachsam sein, wenn das Robert Koch-Institut jetzt einen Delta-Anteil von sechs Prozent unter den Neuinfektionen ausmacht. Denn das Entscheidende ist die Geschwindigkeit der Ausbreitung. Sechs Prozent als solches sind wenig. Doch sie bedeuten auch eine Verdopplung gegenüber der Vorwoche - und nur noch mal zur Erinnerung: Exponentielles Wachstum kann man intuitiv nicht gut erfassen.

"Wir haben eine bessere Startposition"

Nun kommt aber die gute Nachricht: So schlimm wie im letzten Herbst wird es nicht kommen. Wir haben eine viel bessere Startposition. Wir alle wissen so viel mehr über das Virus. Wir haben die Impfstoffe. Und: Die Gesundheitsämter können jetzt wieder Kontakte nachverfolgen, Ausbrüche lokal eindämmen, das Virus in Schach halten.

Delta wird sich weiter ausbreiten - aber wie schnell?

Doch damit das so bleibt, sollte die Inzidenz vorerst niedrig bleiben. Darum gilt es jetzt, pragmatisch abzuwägen, zuversichtlich, ohne Alarmismus, aber auch ohne populistische Schönfärberei. Mal ehrlich: Tut es denn wirklich so weh, im Supermarkt und in der Schule weiter die Maske aufzusetzen, zweimal pro Woche Schnelltests zu machen, die großen Familienfeste und Kongresse einfach noch ein letztes Mal zu verschieben? Den Urlaub vielleicht doch ohne Flugreise zu planen, nach der Rückkehr nicht sofort alle Freunde zu treffen, selbst Verantwortung zu übernehmen? Denn dass Delta sich auch hier weiter ausbreiten wird, das ist sicher. Die Frage ist nur, wie schnell – und wie weit wir dann mit den Impfungen sind. Es geht schlicht um Zeitgewinn.

Damit bietet sich allerdings auch eine neue Chance in der Krisenkommunikation. Diesmal können wir es wirklich schaffen! Und es geht um Solidarität. Wer jetzt nicht nur an sich denkt, sondern dafür sorgt, dass Ungeimpfte mitgeschützt werden, sichert damit nicht nur die gerade erst zurückgewonnenen Alltagsfreiheiten ab. Er sorgt auch dafür, dass das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft steht, hält. Trotz der vielen Risse, die die Pandemie hineingesprengt hat.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | 18.06.2021 | 17:08 Uhr