Ein Mann zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca auf. © picture alliance / SvenSimon Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON

Kommentar: Kann eine Pandemie beendet sein?

Stand: 31.07.2021 12:26 Uhr

Die Debatte darüber, wie mit Reiserückkehrern umzugehen ist, ob sie getestet sein müssen - und welche Vorteile Geimpfte und Genesene genießen dürfen, hat die vergangene Woche bestimmt. Im Kern geht es darum, wie wir lernen, mit Corona und der Pandemie zu leben.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

Kann eine Pandemie beendet sein, bevor sie vorbei ist? Die Frage mag seltsam klingen, sie wird in den kommenden Monaten aber die wichtigste sein. Denn die Corona-Krise kann im Wesentlichen auf zwei Arten zu Ende gehen: entweder, indem die Infektionszahlen stark sinken - was im Moment angesichts der Delta-Variante leider nicht zu erwarten ist -, oder indem Corona aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwindet. Soll heißen: Das Virus ist zwar noch da, aber die Gesellschaft entscheidet sich, bewusst oder unbewusst, ihm nicht mehr so viel Beachtung zu schenken. Wie das aussieht, können wir gerade in Großbritannien verfolgen.

Haben die Briten recht?

Dort begegnet man der Pandemie auf sehr unterschiedliche Weise: Man bekämpft sie mithilfe der Impfstoffe - und man verdrängt sie. Kann das gut gehen? Kann es richtig sein, jetzt genau das zu tun, was in den vergangenen anderthalb Jahren grundfalsch war? Darf man die Inzidenz-Werte explodieren lassen und damit schwere Krankheitsverläufe und Long-Covid-Fälle riskieren? Oder ist dieses Risiko für jeden Einzelnen inzwischen so kalkulierbar, dass man ihm zutrauen kann und muss, für sich selbst eine Entscheidung zu treffen? Mit anderen Worten: Muss der Staat den Einzelnen nicht mehr vor dem Virus schützen, weil er oder sie das allein kann, mit einer der Impfungen, von denen es auf einmal mehr als genug gibt? Haben die Briten recht, wenn sie sagen: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblattes"
Lars Haider: Wer die Impfquote zumindest in die Nähe von 70 oder 80 Prozent bringen will, muss irgendwann die Umleitung über die Tests beenden.

Es ist ein großes Experiment, das auf der Insel gewagt wird, es ist das Finale zwischen staatlicher Fürsorge und gesellschaftlicher Freiheit, und niemand kann heute sagen, wer gewinnen wird: die Länder, die vorsichtig sind und bei den Corona-Maßnahmen bleiben, oder die, die ihren Bürgerinnen und Bürgern das Leben und damit die Verantwortung dafür zurückgeben. Fakt ist: Die Pandemie ist nicht vorbei, das Coronavirus wird voraussichtlich niemals verschwinden. Insofern werden wir lernen müssen, damit umzugehen, die Frage ist nur: wann? Schon jetzt? Oder lieber erst nach dem Herbst, in dem die Zahlen der Infektionen und der Krankenhauspatienten mit Sicherheit wieder hochgehen werden? Oder sicherheitshalber erst im Sommer 2022?

Jeder wird sich dem Virus stellen müssen - indirekt oder direkt

Es gibt viele Argumente, die gegen das Vorgehen der Briten sprechen: Noch sind nicht ausreichend Menschen in den Risikogruppen vollständig geimpft, noch stehen Teile der Bevölkerung (alle unter zwölf Jahren) Corona gänzlich schutzlos gegenüber, noch ist die Gefahr groß, dass ein schnell um sich greifendes Virus weiter mutiert - und irgendwann gegen die Impfungen resistent wird.

Rein psychologisch kann der britische Weg - um nicht zu sagen: die britische Variante der Pandemiebekämpfung - aber auch Vorteile haben. Die Monate der Lockdowns und Corona-Beschränkungen waren eine immense Belastung für Körper und Geist, die fällt jetzt weg. Allein, dass das Virus den Alltag nicht mehr bestimmt, kann schon eine enorme Erleichterung sein, mindestens mental. Vielleicht noch wichtiger: Mit jedem Tag, in dem es keine staatlich verordneten Regeln mehr gibt, wird den Menschen klar werden, dass sie sich nur noch selbst vor einer Erkrankung schützen können. Und sie könnten begreifen, dass die Wahrscheinlichkeit, Covid-19 zu bekommen, ohne Impfung und angesichts der viel ansteckenderen Delta-Variante viel, viel höher als zu Beginn der Pandemie. Das ist zumindest eine Chance, wieder mehr Leute dazu zu bewegen, sich nun endlich doch noch impfen zu lassen. Denn eins muss allen klar sein: Jeder von uns wird sich kurz oder mittelfristig dem Virus stellen müssen. Entweder indirekt, also bei einer Impfung, oder direkt, also bei einer Infektion. Um diese Entscheidung für sich selbst und gegebenenfalls für seine Kinder kommt niemand herum.

Soll Impfquote steigen, muss Umleitung über Tests enden

Womit wir bei der für Deutschland aktuell relevanten Frage sind, ob in naher Zukunft tatsächlich Geimpfte und Getestete noch die gleichen Rechte haben dürfen. Hier ist die Antwort klar, sie lautet: nein. Denn nach alldem, was wir über Tests, gerade über die so praktischen Selbsttests wissen, sind sie bei Weitem nicht so sicher wie eine vollständige Impfung. Und: Wer die Impfquote zumindest in die Nähe von 70 oder 80 Prozent bringen will, muss irgendwann die Umleitung über die Tests beenden. Das wäre zwar, anders als in Großbritannien, immer noch staatlicher Druck, aber deutlich sanfter als alles, was wir seit Beginn der Pandemie erlebt haben. Und aus dem Weg aus der Corona-Krise wäre es ein guter, nächster Schritt. Wenn man so will, die deutsche Variante.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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