Stand: 30.12.2020 14:11 Uhr

Kommentar: Das Jahr 2021 lässt hoffen

Hinter Deutschland, hinter der Welt liegt ein schwieriges, für viele auch ein schlimmes Jahr 2020. Mit der Folge, dass es eigentlich nur besser werden kann. Einiges spricht dafür, dass sich die Wirtschaft im neuen Jahr sehr, sehr positiv entwickelt.

Ein Kommentar von Stephan Richter, Freier Autor

Stephan Richter, freier Autor, ehemals Chefredaktion Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag sh:z. © sh:z Foto: Marcus Dewanger
Stephan Richter, früher sh:z-Chefredakteur, meint, die Zeichen für 2021 stehen besser als gedacht.

Die zweite Welle kommt. Nein, die Rede ist nicht von der Corona-Pandemie. Mit der zweiten Welle ist die wirtschaftliche Erholung nach der kalten Jahreszeit gemeint. Es gibt begründete Hoffnung, dass 2021 ein Jahr des Aufschwungs wird.

Wenn es in dieser Krise etwas Positives gibt, dann ist es die Reaktion auf die tödliche Herausforderung. Die Pandemie hat verschüttet geglaubte Kräfte freigesetzt. In der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. Solidarisches Handeln ist wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Klar wurde auch, wie wichtig ein gutes, nicht nur der Gewinnmaximierung dienendes Gesundheitssystem ist. Zugleich erlebte die internationale Zusammenarbeit zumindest Ansätze einer Renaissance. Und sogar manchem Anhänger populistischer Parolen gingen die Augen auf. Millionen Tote und Corona-Infizierte weltweit lassen sich nicht leugnen.

Schockstarre blieb aus

Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr 2020 passierte etwas, das Mut macht. Als die Infektionszahlen mit steigenden Temperaturen sanken, nahm die Konjunktur sofort wieder Fahrt auf. Keine Schockstarre, wie zu befürchten war. Dabei hatte das Herunterfahren der Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen - vor allem in der Gastronomie, im Tourismus und im Einzelhandel.

Fast unglaublich, aber wahr: Das Statistische Bundesamt wies für das dritte Quartal 2020 ein Wachstumsplus von 8,5 Prozent aus. Und bei einer Umfrage der Sparkassen erklärten 42 Prozent der Bundesbürger ihre Finanzlage trotz der Pandemie, trotz Kurzarbeit und wachsender Jobängste für gut bis sehr gut". Die Schweizer Bank Credit Suisse schließlich meldete, dass die Zahl der deutschen Millionäre 2020 um 58.000 auf nunmehr 2,2 Millionen gestiegen sei.

Macht die Corona-Krise die Menschen bescheidener?

Solche Zahlen dürfen nicht die vielen Opfer der Corona-Krise und die sogenannten "Verlierer" des staatlich angeordneten Stillstands in Vergessenheit geraten lassen. Auch die wieder steigende Zahl Hungernder in der Welt schreit nach Hilfe. Diese aber ist auch von der weltwirtschaftlichen Erholung abhängig. Dabei geht es nicht um das Herbeisehnen alter Boomzeiten, auch wenn sich die Börse schon wieder in Champagner-Laune befindet. Die Annahme, dass die Corona-Krise die Menschen in den reichen Nationen zumindest ein wenig bescheidener gemacht hat, muss erst noch bewiesen werden.  

Trotzdem muss es Ziel bleiben, im Frühsommer erneut schnell aus dem Konjunkturtal herauszukommen. Der Verlust von Arbeitsplätzen ist zu verhindern, der Anstieg von Insolvenzen so gering wie möglich zu halten. Der Staat kann nicht ewig mit Hilfsprogrammen einspringen. Die erste Erholungswelle im vergangenen Jahr hat indes gezeigt, wie stark in den Unternehmen, bei Arbeitnehmern und Verbrauchern und in der ganzen Gesellschaft der Wille ist, die Krise zu meistern und nicht in ein Loch zu fallen.

Das gilt vor allem auch für viele "kleine" Selbstständige. Viel Kreativität ist zu beobachten, kaum Resignation. Auch aus der Industrie kommen positive Signale. Dass es keinen harten Brexit gibt und in den USA mit Joe Biden ein Präsident ins Weiße Haus einzieht, der auf internationale Zusammenarbeit setzt statt auf Abschottung, hebt die Stimmung zusätzlich.

Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu alter Lebensfreude

Vor allem aber ist da die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu alter Lebensfreude. Das Geld zum Reisen, zum Restaurantbesuch, zu kleinen und großen Anschaffungen ist vorhanden. Viele mussten die Konsumausgaben im vergangenen Jahr schon wegen der Lockdowns einschränken. Entsprechend hat die Sparquote der Deutschen ein neues Rekordhoch erreicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnete aus, dass durch das staatlich erzwungene Herunterfahren der Wirtschaft unfreiwillige Ersparnisse von rund 20 Milliarden Euro auf der hohen Kante liegen. Hinzu kommen mit Beginn dieses Jahres Steuerentlastungen - zum Beispiel durch Wegfall der Solidaritätsabgabe.

Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte steigt dagegen dramatisch und sorgt für Inflationsgefahren. Viele Probleme, so jüngst ein Börsen-Experte auf diesem Sender, würden derzeit durch die Geldflut zugedeckt. Doch wenn die staatlichen Ausgaben sinnvoll in Zukunftsinvestitionen fließen, wird aus der Krise eine Chance. Der digitale Schub, der durch Corona ausgelöst wurde, verändert die Welt rascher denn je. Wenn endlich auch im Klimaschutz die Einsicht in schnelles Umsteuern reift, stehen die Zeichen für 2021 besser, als bei Ausbruch der Pandemie gedacht.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 01.01.2021 | 09:25 Uhr