Stand: 13.11.2018 20:45 Uhr  | Archiv

Wenn Plastik im Biomüll zum Problem wird

von Nils Naber
Ein Haufen Biomüll mit Plastiktüten dazwischen. © NDR
Ein Problem: Plastik im Biomüll.

Im Biogas- und Kompostierwerk Bützberg der Stadtreinigung Hamburg landet jeden Tag der Inhalt aus allen Haushalten, die ihre Küchen- und Gartenabfälle über die Hamburger Biotonne entsorgen. 120.000 solcher Tonnen stehen in der Hansestadt. Hier werden aus dem Bioabfall einerseits Biogas gewonnen und andererseits jährlich 35.000 Tonnen Kompost produziert.

Leiterin Anke Boisch ist stolz auf ihre Anlage, die im Norden ihresgleichen sucht. Aber die Biologin macht sich auch Sorgen, denn ständig landen Plastikteile, Tüten, Flaschen, Büchsen, Kaffeepads und vieles mehr im Bioabfall. Um diesen Dreck auszusortieren wird sämtlicher Biomüll über Förderbänder geschickt und abgesiebt.

Bioplastik-Tüten verursachen Probleme

Anke Boisch, Biologin und Abteilungsleiterin der Stadtreinigung Hamburg. © NDR
Anke Boisch glaubt, dass die Verbraucher es gut meinen. Doch auch Bioplastik-Tüten verursachen Probleme.

Doch besonders die Plastiktüten machen ihr Probleme. "Das Problem ist, dass das Plastik durch die mechanische Belastung auch in kleine Stücke gerissen wird und dass diese kleinen Stücke im Kompost landen. Dann ist dieser Kompost kein Qualitätskompost mehr. Das gilt es für uns zu verhindern." Denn dieser Kompost ist Dünger, der später in der Landwirtschaft oder auch im Garten zum Einsatz kommt. Und die Anforderungen an den Kompost steigen ständig. Doch Anke Boisch kann nicht ausschließen, dass kleinste Plastikschnipsel am Ende im Kompost landen. Bisher werden aber alle Grenzwerte deutlich unterschritten.

Doch je mehr sogenannte "Störstoffe" im Biomüll landen, desto schwieriger ist es, diesen Dreck wieder zu entfernen. Das ständige Aussortieren kostet außerdem eine Menge Geld, das am Ende der Gebührenzahler berappen muss. "Wenn wir den ganzen Kram hier mit dem Plastik nicht hätten, dann können wir den Behandlungspreis natürlich deutlich günstiger ansetzen und das würde sich dann irgendwann in der Müllgebühr auch zeigen", meint Anke Boisch.

Ärger auch anderswo in Norddeutschland

Volker Schneider-Kühn, Leiter der Abfallwirtschaft Oldenburg. © NDR
Ärgert sich über die Kosten: Volker Schneider-Kühn.

In Oldenburg ärgert sich Volker Schneider-Kühn, Leiter der örtlichen Abfallwirtschaft, ebenfalls über diesen Reinigungsaufwand: "70.000 Euro bis 100.000 Euro Zusatzkosten müssen wir pro Jahr aufbringen, damit der Oldenburger Kompost den Qualitätsanforderungen entspricht."

Viele Kreise und kreisfreie Städte, die für die Entsorgung des Biomülls zuständig sind, dürften allerdings gar nicht so genau wissen, wie hoch die Anteile der "Störstoffe" in den Biotonnen insgesamt sind. Dies zu erfassen ist aufwendig. Das Ergebnis einer Biomüll-Analyse, die in Oldenburg Anfang des Jahres durchgeführt wurde, hat Volker Schneider-Kühn überrascht. Auf das Volumen bezogen besteht "ungefähr 33 Prozent in der Oldenburger Biotonne aus Nicht -Bioanteilen und ein Großteil dessen, besteht aus Kunststoffen."

Gelbe und Rote Karten für die Tonne

Diesen Zustand nehmen die Oldenburger zum Anlass, eine große Aufklärungskampagen zu starten. Anfang 2019 sollen "gelbe Karten" an die Mülltonnen gehängt werden, um die Bürger zum besseren Sortieren zu ermahnen. Sollte das nichts bringen, werden ab März "rote Karten" verteilt, die Tonne bleibt dann stehen.

Eine Gelbe Karte für Biotonnen mit Plastikmüll. © NDR
Zeichen setzen: Gelbe Karte für die Tonne.

Immer wieder treffen sowohl Anke Boisch als auch Volker Schneider-Kühn in den Bioabfallbergen auf kompostierbare Plastikbeutel aus Kunststoff, die biologisch abbaubar sind. "Ich glaube, dass viele Bürgerinnen und Bürger relativ viel richtig machen. Sie setzen sich positiv mit Umwelt auseinander und kaufen diese Beutel in dem Glauben etwas Gutes zu tun. Das Problem, ist in unserem Kompostwerk verroten diese Beutel halt nicht", sagt Volker Schneider-Kühn.

Ähnlich liegt der Fall in Hamburg. Auch der Großteil der Kreise und kreisfreien Städte im Norden melden nach einer Recherche von Panorama 3, dass sie von der Verwendung biologisch abbaubarer Plastikbeutel im Biomüll abraten. Die Deutsche Umwelthilfe hatte bezogen auf die Jahre 2015/16 eine derartige Umfrage durchgeführt. Damals kam man zu deutlichen Ergebnissen. "Für 80 Prozent der befragten Kompostierer stellen biologisch abbaubare Kunststoffe Störstoffe dar" sagt der Jürgen Resch, Geschäftsführer der DUH.

Downloads

Bioplastik-Akzeptanz in Norddeutschland

Wo werden biologisch abbaubare Müllüten in der Biotonne akzeptiert - und wo nicht? Die Übersicht als PDF-Dokument zum Download. Download (65 KB)

Zu kurze Verweildauer in den Anlagen

Das Problem ist, dass die biologisch abbaubaren Plastiktüten nach einer DIN hergestellt werden, die unter anderem innerhalb von zwölf Wochen eine Zersetzung der Tüten um 90 Prozent in Bestandteile kleiner zwei Millimeter verlangt. Doch in vielen Kompostwerken ist die Verweildauer des Komposts in der Anlage, die sogenannte "Rottephase", deutlich kürzer. "Wir tragen unseren Kompost in der Regel nach vier Wochen aus", sagt Volker Schneider-Kühn aus Oldenburg. "Es beginnt zwar eine Rottephase, aber die Tüten verrotten nicht final, sondern werden nach vier Wochen wieder mit ausgetragen und im schlimmsten Falle in zerkleinerter Form, weil viele Kompostwerke im Eingangsbereich mit einem Zerkleinerer arbeiten."

Großer Schaufelradbagger in einer Biomüll-Kompostieranlage der Abfallwirtschaft. © NDR
Zu kurze Verweildauer? Die Anlagen zerkleinern am Ende auch Plastik.

Das wiederum erschwere die Abscheidung der kleinen Kunststoffteile. Auch die Bundesgütegemeinschaft Kompost, die für die freiwillige Qualitätssicherung des Komposts in vielen Kompostieranlagen zuständig ist, erklärt bereits 2014: "Die Entsorgung von Biokunststoffen über die Kompostierung ist für die Kompostprodukte mit Risiken verbunden." Diese Aussage gelte nach wie vor.

Zertifizierte Tüten "vollständig kompostierbar"?

Michael von Ketteler, Geschäftsführer des Verbunds kompostierbarer Produkte, hinter dem namhafte Hersteller von Bioplastikprodukten stecken, weist darauf hin, dass die Bioplastikbeutel eine "positive Wirkung" auf die "Sammelquote" beim Biomüll hätten. Außerdem hätten wissenschaftliche Studien ergeben, dass "Tüten aus zertifiziert abbaubaren Biopolymeren völlig abbauen, wenn sie das vorgegebene Umfeld (Bedingungen) erhalten."

Diese "vollständige Kompostierbarkeit" sei nach Angaben des Verbundes erfolgreich in "einer Reihe von repräsentativen Kompostanlagen in der Praxis" untersucht worden. Selbstverständlich könne jede Kommune "frei entscheiden, welche Materialien für die Sammlung von biologischen Küchenabfällen verwendet werden dürfen".

Papiertüten als Alternative

Dem Bürger bleibt in diesen Fällen nichts anders übrig, als beim lokalen Biomüllentsorger nachzufragen, ob die Bioplastiktüten akzeptiert sind. Für Anke Boisch ist die Sache allerdings klar: "Sie nützen uns eigentlich überhaupt nichts." Um eine bessere Aufklärung der Bevölkerung zu erreichen, ist die Stadtreinigung Hamburg der Kampagne #wirfuerbio beigetreten, die explizit weniger Plastik und keine Bioplastiktüten in den Biotonnen fordert. Als Alternative zum Plastik werden Papiertüten empfohlen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.11.2018 | 21:15 Uhr

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