Stand: 12.10.2015 06:00 Uhr  | Archiv

Mangelnde Sicherheit auf Speedbooten

von Alexandra Ringling & Nino Seidel

Sie brettern mit bis zu 1.000 PS und mehr als 100 Km/h über das Wasser: Speedboote erobern Norddeutschlands Küsten und Binnengewässer. Den Trend mit dem Ritt über die Wellen haben diverse Anbieter erkannt. Seit Jahren schon bieten sie Mitfahrten in ihren hochmotorisierten Schlauchbooten auch gewerblich an. Ihr Versprechen: "Im Tiefflug über die Wellen rasen - Action und Adrenalin pur".

VIDEO: Mangelnde Sicherheit auf Speedbooten (8 Min)

Sommerfest endet im Desaster

Auf dieses Erlebnis hätte Klaus Peter Rapp gerne verzichtet. Es begann mit einem idyllischen Segelturn auf der Elbe bei Hamburg. Der Arbeitgeber von Rapp hatte im Mai vergangenen Jahres ein Sommerfest auf einem Segelschiff organisiert. Highlight war eine rasante Fahrt auf einem hochmotorisierten Schlauchboot. "Vorher hab ich gedacht, das ist ja ein richtiges kleines Schiff, mit vielen Haltegriffen, mit Schwimmwesten drin und mit einer kompletten Navigationsausstattung. Heute denke ich: Das ist ein übermotorisiertes Surfbrett, was schnell fährt und keinen Halt bietet, wenn es dumm läuft."

Das kleine Schlauchboot mit 250 PS beschleunigte auf fast 70 km/h, als es ein Containerschiff auf der Hamburger Unterelbe passierte. Dann hob es ab: "Das war wie so eine Sprungschanze", erinnert sich Rapp. "Der Vorderteil des Bootes stieg aus dem Wasser und knallte in das nächste Wellental. Meine Freunde und Kollegen vor mir flogen von ihren Sitzen über das ganze Boot. Der Aufprall war hart wie Beton."

Bilanz des Bootsausflugs: Sieben der acht Passagiere werden verletzt, fünf von ihnen werden mit Wirbelbrüchen ins Krankenhaus gebracht. Nur Klaus Peter Rapp hatte Glück: Er saß neben dem Bootsführer. Diese beiden Sitze hatten als einzige eine spezielle Federung. Alle anderen Mitfahrer saßen auf einfach gepolsterten so genannten Jockeysitzen. "Die sind wie ein Gartenstuhl, wo man sich ein Kissen drunter schiebt", meint Rapp.

War der Bootsführer Schuld? 

Der Veranstalter "Nordevent" meint den Schuldigen gefunden zu haben: den Bootsführer. "Ich kann es mir nur so erklären, dass man an die Welle herangefahren ist, um den Gästen noch mal das Gefühl mit leichtem Seegang zu geben, und der Kapitän hat die Welle und das abfallende Wellental einfach komplett falsch eingeschätzt", sagt Nordevent-Geschäftsführer Hans Christoph Klaiber nach dem Unfall gegenüber dem NDR.

Passenderweise wurde der Bootsführer inzwischen wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Verletzten fordern zudem Schmerzensgeld. Der Veranstalter hat Konsequenzen gezogen: Man setze nun auf ein intensiveres Sicherheitstraining und ein Tempolimit von 55 Stundenkilometern.

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Eine Ausbildug gibt es nicht

Das Problem ist damit jedoch längst nicht gebannt. Es ist viel grundsätzlicher: Eine spezielle Ausbildung für die Fahrt mit einem Speedboot hatte der Bootsführer nämlich nicht. Sie ist überhaupt nicht vorgeschrieben. Auch aus Sicht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) liegt die Gefahr bei den Speedbooten nicht allein in den mangelhaften Fahrkünsten der Kapitäne. Die Behörde hat den Unfall auf der Elbe untersucht und kommt zu einem klaren Urteil: "Wir haben festgestellt, dass bei solchen Sprüngen Kräfte bis zur 20-fachen Erdbeschleunigung auf die Passagiere einwirken können", so BSU-Direktor Volker Schellhammer. "Das ist in höchstem Maße ungesund, wenn nicht sogar lebensgefährlich."

Er fordert neben einer besseren Schulung der Bootsführer vor allem klare Sicherheitsvorgaben für die Boote. Zurzeit ähneln die Touren einer Achterbahn-Fahrt ohne Anschnallpflicht. Nicht einmal gefederte Sitze sind ob der starken Kräfte, die auf Boot und Fahrgast wirken, vorgeschrieben. Gerade die kleinen Speedboote unter 8 Metern Länge fallen bislang in eine rechtliche Lücke. Nach den geltenden Richtlinien ist für den Betrieb dieser Boote kein Sicherheitszeugnis erforderlich, behördliche Kontrollen gibt es nicht.

Experten warnen seit Jahren

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU).
Will das Problem in den Griff bekommen: Alexander Dobrindt.

Dabei warnen Experten seit Jahren vor der Gefahr durch Speedboote. Nach mehreren schweren Unfällen müssen Bootsführer in England längst einen eigenen Führerschein für die Fahrt mit Speedbooten machen. Doch in Deutschland hat das zuständige Bundesverkehrsministerium bislang nichts unternommen, obwohl die Regelungslücke lange bekannt ist. Gegenüber Panorama 3 kündigt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) an, endlich rechtliche Vorgaben zu schaffen: "Es ist jetzt an der Zeit, dass es Sicherheitsrichtlinien gibt. Mein Haus arbeitet daran, und wir werden Speedboote unter 8 Metern unter Sicherheitsvorschriften setzen."

Für Klaus Peter Rapp und seine Kollegen, die sich bei dem Unfall zum Teil schwere Verletzungen zugezogen haben, kommt diese Ankündigung zu spät: "Wenn ein Schiffseigentümer heute, eineinhalb Jahre nach dem Unfall, immer noch solche Fahrten anbieten darf, ohne Sitze mit entsprechenden Dämpfungssystemen, ist das meiner Meinung nach schon grob fahrlässig."

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.10.2015 | 21:15 Uhr

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