Stand: 25.11.2014 17:04 Uhr

Kapitänsausbildung vor dem Aus?

von Nils Naber

Michael Hartmann von der Lotsenbruderschaft NOK I in Brunsbüttel macht sich Sorgen um die Zukunft der Lotsen an den deutschen Küsten. Bis 2022 werden 30 Prozent aller 850 Lotsen in den Ruhestand gehen. Doch ausreichend Nachwuchs ist nicht in Sicht. "Wenn ich darüber nachdenke, bin ich um meinen Schlaf gebracht", so Hartmann. Die Lotsen spielen eine wichtige Rolle in der Seeschifffahrt. Sie steuern beispielweise die Schiffe die Elbe hoch oder in die Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals.

VIDEO: Kapitänsausbildung vor dem Aus? (7 Min)

Immer weniger Schiffe unter deutscher Flagge

Bisher rekrutierten die Lotsen ihren Nachwuchs hauptsächlich unter Kapitänen von Handelsschiffen. Doch wenn es keine deutschen Kapitäne mehr gibt, dann fehlt auch der Lotsennachwuchs. Vor der Schifffahrtskrise 2007/08 profitierte die deutsche Seeschifffahrt von einem regelrechten Handelsboom. Doch damals wurden Schiffe bestellt, die man in und nach der Krise nicht mehr brauchte, genauso wenig wie das vorher umworbene Personal. Seit der Krise werden auch immer mehr Schiffe ausgeflaggt. Dieser Trend hält bis heute an.

Studium ohne Wert?

Die Folge: Es werden immer weniger junge deutsche Offiziere benötigt. Viele Absolventen von Seefahrtshochschulen warten heute vergeblich darauf, im Anschluss an ihr Nautikstudium das Patent freifahren zu können. Erst wenn sie nach Studienende zwölf Monate zur See gefahren sind, ist das Patent zum ersten Offizier gültig. Nur so können sie später auch Kapitän und möglicherweise Lotse werden. Wenn es ein Absolvent nicht schaffen sollte, innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss der Hochschule mindestens ein Jahr Fahrzeit auf einem Schiff nachzuweisen, dann erlischt die Berechtigung. Das Studium wäre dann quasi umsonst gewesen.

Laut zentraler Heuerstelle der Hamburger Arbeitsagentur waren Ende Oktober 2014 rund 100 angehende nautische und technische Offiziere arbeitssuchend gemeldet. Zum Vergleich: Laut Angaben des Verbandes deutscher Reeder (VDR) schließen pro Jahr an allen Fachhochschulen insgesamt rund 200 Personen ihr Nautikstudium ab.

Reeder machen Wirtschaftskrise verantwortlich

Christof Schwaner, Pressesprecher des Verbands deutscher Reeder (VDR). © NDR
Sieht die Politik in der Pflicht: Christof Schwaner vom Verband deutscher Reeder (VDR).

Christof Schwaner, Pressesprecher des Verbands deutscher Reeder (VDR), macht vor allem die weltweite Wirtschaftskrise für die Situation verantwortlich. "Viele Deutsche Reedereien stehen vor der Frage, wie sie kommenden Monate und Wochen überstehen sollen. Unter diesem enormen wirtschaftlichen Druck ist es natürlich schwierig so stark auszubilden, wie man das vor der Krise gemacht hat." Der VDR verweist darauf, dass die Reeder über die Stiftung Schifffahrtsstandort Deutschland erhebliche Mittel für die Förderung des maritimen Nachwuchses bereitstellen. In die Stiftung müssen Reeder einzahlen, wenn Sie ein Schiff für eine bestimmte Zeit ausflaggen.

Reeder erhalten viel Geld vom Staat

Valerie Wilms, Bundestagsabgeordnete Bündis 90 / Die Grünen (Wedel). © NDR
Die Grünen-Abgeordnete Valerie Wilms hält die Reeder für verantwortlich.

Zusätzlich bekommen die Reeder jedes Jahr Geld vom Bund. Einerseits, um die im Vergleich zu ausländischen Seeleuten hohen Kosten des deutschen Bordpersonals auszugleichen und andererseits, um die Ausbildung des Nachwuchses zu fördern. Im Zeitraum von 2003 bis heute wurden so insgesamt rund 590 Millionen Euro an die Reeder überwiesen. Valerie Wilms, Bundestagsabgeordnete aus Wedel, die für die Grünen im Verkehrsausschuss sitzt, meint, die Reeder würden sich nicht an Absprachen mit der Politik halten. "Die Reeder wollten eigentlich eine bestimmte Anzahl von Schiffen wieder neu unter deutsche Flagge bringen. Diese Zahl haben sie nach den Unterlagen, die mir zur Verfügung stehen, nicht erreicht."

"Maritimes Bündnis" zeigte wenig Wirkung

Schiff im Hamburger Hafen. © NDR
Unter deutscher Flagge fahren immer weniger Schiffe.

Hintergrund dafür sind die Vereinbarungen zwischen Politik und Reedern im sogenannten "Maritimen Bündnis": Dort einigte man sich auf einen "Monitoringbestand" an Handelsschiffen unter deutscher Flagge im internationalen Verkehr, deren Anzahl man steigern wollte. Demnach sollten die Reeder im Gegenzug für Subventionen bis Ende 2008 die Zahl der Schiffe im "Monitoringbestand" auf 500 erhöhen. In einem zweiten Schritt sollte sogar eine Zahl von 600 Schiffen unter deutscher Flagge erreicht werden. Doch dazu kam es nicht: Bis Ende 2013 trugen gerade einmal 271 Schiffe die deutsche Flagge. 2008 waren es noch 508.

Die staatlichen Subventionen wurden im Gegenzug allerdings nicht eingefroren. Ganz im Gegenteil: Im Jahr 2013 wurde mit knapp 68 Millionen Euro so viel Geld überwiesen wie in keinem Jahr zuvor. Der VDR klagt allerdings weiterhin über die hohen Kosten deutscher Seeleute. "Wir sind in Gesprächen mit der Bundesregierung und brauchen eine bessere Unterstützung. Andere europäische Staaten sind da schon wesentlich weiter", sagt VDR-Sprecher Schwaner. Ob und wie viele deutsche Seeleute es in Zukunft geben dürfte, ist daher wohl auch eine politische Frage.

 

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 25.11.2014 | 21:15 Uhr

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