Flugreisende im Terminal 1 des Hamburger Flughafens. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Bleibt das Chaos an den Flughäfen in den Herbstferien aus?

Stand: 07.10.2022 17:20 Uhr

Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern starten zuerst in die Herbstferien, danach folgt Niedersachsen. Die Flughäfen im Norden bereiten sich erneut auf viel Arbeit vor. Nach den Erfahrungen aus dem Sommer wurde zum Beispiel in Hamburg das Personal aufgestockt.

von Andrea Brack

Weil sie das Warte-Chaos vom Sommer noch im Kopf hat, hat eine junge Frau, die NDR Info am Hamburger Flughafen trifft, vorgesorgt: Statt zwei plant sie drei Stunden Zeit ein vor ihrem Abflug. "Mein Vater hat letzte Woche Freunde hergebracht und da war schon ein riesengroßer Andrang", erzählt sie. Auch mit viel eingeplanter Zeit seien sie nur knapp zum Gate gekommen. Vorsorgen heißt hier die Strategie.

Mehr Personal und längere Öffnungszeiten am Flughafen Hamburg

Und es wird nicht ruhiger werden am größten Flughafen im Norden: Während der Herbstferien werden 45.000 Passagiere pro Tag erwartet, bis zu 290.000 pro Woche. Lange Schlangen und genervte Passagiere soll es nach Möglichkeit nicht geben: Um Szenen wie im Sommer zu vermeiden, biete der Hamburger Flughafen mehr Service-Personal in Spitzenzeiten an. Aber auch das reiche noch nicht, sagte Pressesprecherin Janet Niemeyer: "Es kommen auch Freiwillige aus den Büros hinzu, die zum Beispiel helfen zu schauen, ob die Schlangen richtig gesteuert werden oder ob man den Passagieren noch Hilfe anbieten kann." Zudem öffnen die Terminals und Check-in-Schalter früher. Die Bundespolizei öffnet zudem die Sicherheitskontrollen früher.

Dienstleister kommen beim Kofferstau nicht hinterher

Auch Flughafendienstleister wie die Aviation Handling Services (AHS) haben mehr Personal eingestellt. Bundesweit seien 500 bis 600 neue Mitarbeitende dazugekommen, teilte AHS auf NDR Anfrage mit. Am Hamburger Flughafen übernimmt der Dienstleister für Fluggesellschaften wie Eurowings, Condor oder Tuifly Check-in-Aufgaben und kümmert sich um verlorenes Gepäck. Das Unternehmen suche aber weiterhin neue Mitarbeitende und schließe nicht aus, dass auch im Herbst viele Gepäckstücke nicht dort ankommen, wo sie hingehören.

Am Tango-Terminal sind die Koffer-Berge inzwischen kleiner geworden. Mit dem Aufarbeiten der Gepäckermittlungsanfragen aus den Sommermonaten sind sowohl Airlines als auch Dienstleister nicht fertig geworden. Der Rückstau konnte noch nicht final abgearbeitet werden, so die AHS.

Reisende bereiten sich auf die Situation vor

Am Terminal 2 treffen wir eine Schweizerin, die nichts dem Zufall überlassen möchte. "Das Wichtigste habe ich im Rucksack hier. Also mindestens Wechselunterwäsche, falls der Koffer nicht mitkommt. Aber ich gehe davon aus, dass es jetzt eigentlich klappt", berichtet sie.

Die Sorge, dass das Gepäck nicht ankommt, begleitet viele Menschen am Hamburger Flughafen. Am Schalter der portugiesischen Fluggesellschaft TAP treffen wir eine Familie, die auch in dieser Hinsicht vorgesorgt hat. Sie haben einen Airtag, eine Art Peilsender, im Koffer verstaut. "Damit wir wissen, wo der verlorene Koffer ist, wo er steht", sagt der Vater.

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Tracking-Systeme für Gepäck bleiben eine Grauzone

Streng genommen zählen Airtags und ähnliche Tracking-Systeme zu den elektronischen Geräten, die während des Flugs ausgeschaltet werden müssen. Sie senden wie Handys und Laptops Signale aus und laufen mit - wenn auch ganz kleinen - Batterien. Die Lufthansa verweist daher auf die internationalen und für alle Fluggesellschaften verbindlichen Regelungen der International Civil Aviation Organization (ICAO), einer Untergliederung der Vereinten Nationen. Sie schreibt das Ausschalten elektronischer Geräte vor.

Nicht alle Fluggesellschaften sehen das so wie die Lufthansa. Das liege zum Teil daran, dass Airtags noch sehr neu seien, sagt Isabelle Polders vom Flughafenverband ADV. Das Nutzen dieser Tracking-Systeme müsse auf internationaler Ebene geklärt werden, so Polders. Sie rät Reisenden daher, sich vorher bei der jeweiligen Airline zu erkundigen.

Personalmangel und Corona-Ausfälle belasten Luftfahrtbranche

Die Luftfahrtbranche kommt aus dem Corona-Schlaf nur schwer raus - ob bei der Regelung von neuen elektronischen Geräten oder beim Thema Gepäck-Chaos. "Der Personalmangel ist weiter präsent und wird Reisende und Mitarbeitende während der Herbstferien gleichermaßen vor Herausforderungen stellen", sagt der Luftfahrtexperte Cord Schellenberg.

Dazu käme noch ein weiteres Problem: die steigenden Corona-Fälle. Das sorge für einen stark erhöhten Krankenstand bei allen im Luftverkehr tätigen Unternehmen und Institutionen, so Schellenberg. Personalmangel und Corona erhöhe den Druck besonders in den großen europäischen Drehscheiben mit Umsteigeverkehr. "Koffer, die dort nicht pünktlich transferiert werden können, werden auch während der Herbstferienzeit für große Unregelmäßigkeiten im System sorgen und die Reisenden verärgern, davon bin ich überzeugt", sagt Schellenberg. Airlines und Dienstleister seien in der Pflicht, in der Gepäckabfertigung für einen angemessenen Kundenservice zu sorgen.

Reiselust ist groß

Im Gegenteil zur Branche, die immer noch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen hat, ist die Reiselust bei den Verbrauchern groß. Die World Tourism Organisation UNWTO, eine UN-Agentur, hat eine starke Erholung beim Reiseaufkommen festgestellt. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres konnten 60 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreicht werden. Manche Regionen haben sich besonders schnell erholt, wie das südliche Mittelmeer, die Karibik und Mittelamerika, hier war es im Juli schon wieder fast wie vor der Pandemie.

Entspannung erst zur Wintersaison erwartet

Der Verband der Fluggesellschaften IATA sieht das Volumen der Flüge weltweit bereits wieder bei etwa 74 Prozent. Auch am Hamburger Flughafen ist die Nachfrage seit den Sommermonaten hoch. Im September reichten die Fluggastzahlen an die Werte der Sommerferien heran und übertrafen diese sogar, meldet der Flughafen. Die Lage werde sich erst während des Winterflugplans normalisieren, sagt Cord Schellenberg. Der Grund: die traditionell geringere Nachfrage in der Wintersaison. "Ab November bis nächstes Jahr Ostern dürfte es besser werden. Das heißt aber auch für alle, die jetzt fliegen, sie müssen sich gut vorbereiten, Zeitpuffer mitbringen und das eine oder andere Gepäckstück sicherlich aufgeben. Aber alles, was wichtig ist, muss ins Handgepäck", rät der Luftfahrtexperte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 07.10.2022 | 08:35 Uhr

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