Stand: 18.10.2019 11:52 Uhr

"Wir dürfen kein Öl ins Feuer gießen!"

Seit einer Woche gehen bundesweit Kurden auf die Straße, um gegen den türkischen Präsidenten Erdogan und dessen Offensive in Nord-Syrien zu demonstrieren - auch in Hamburg. Trotz der am Donnerstagabend vereinbarten Waffenruhe zwischen den USA und der Türkei bleibt die Lage angespannt. Nicht wenige fürchten, dass sich der Konflikt auch auf deutschen Straßen erneut zuspitzen könnte - zum Beispiel auf dem Hamburger Steindamm.

von Torben Börgers und Karaman Yavuz

"Terrorist, Erdogan", rufen die rund 800 Demonstranten am Hamburger Hauptbahnhof. Jeden Abend treffen sie sich hier, um gegen den türkischen Präsidenten und den Einmarsch seiner Armee in Nord-Syrien zu protestieren. Auf dem Boden liegen Fotos von Erdogan, nicht wenige trampeln mit ihren Füßen darauf herum. Viele der Teilnehmer haben Freunde und Verwandte in dem aktuellen Kriegsgebiet. Entsprechend groß ist ihre Wut. Als der Demonstrationszug den Alsterpavillon am Jungfernstieg erreicht, kommt es zu Tumulten. Türkische Jugendliche sollen die kurdischen Demonstranten mit Gesten provoziert haben. Erst als ein Wasserwerfer der Polizei vorfährt, beruhigt sich die Lage wieder.

Hoffnungen ruhen auf Deutschland

Viele Demonstranten fühlen sich im Stich gelassen - vor allem von US-Präsident Donald Trump und dessen Soldaten, an deren Seite die Kurden gegen den IS gekämpft hatten. Sie setzen ihre Hoffnungen vor allem in die Bundesregierung. Deutschland müsse Druck auf Erdogan ausüben, um dessen Offensive endgültig zu stoppen, sagt Jodi Hussein. Der 24-jährige Kurde lebt seit acht Jahren in Deutschland. Seit die türkische Offensive begonnen hat, ist er nicht mehr zur Arbeit gegangen, sondern demonstriert: "Ich kann immer nur an meine Freunde und Verwandten in Nord-Syrien denken. Die sterben da. Also muss ich hier auch etwas tun."

Angst um das Leben von Freunden und Verwandten

Ali Ertan Toprak steht an einem Rednerpult. Er trägt eine Brille, ein blaues Sakko und hat einen grauen Bart. Hinter ihm stehen die europäische, die deutsche und die kurdische Flagge. © dpa Foto: Gregor Fischer

Toprak: Demonstranten müssen friedlich bleiben

NDR Info - Aktuell -

Der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak, hofft, dass die Demonstrationen in Deutschland gegen die Türkei-Offensive in Nordsyrien friedlich bleiben.

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Ein paar Straßen weiter, direkt hinter dem Hauptbahnhof, leben Türken und Kurden Tür an Tür. Bislang zumeist friedlich - trotz der bereits seit Jahrzehnten andauernden Konflikte im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Nicht wenige machen sich Sorgen, dass es auch hier zu Gewalt kommen könnte - so wie andernorts in den vergangenen Tagen bereits geschehen, unter anderem in Herne und Nürnberg. In einem kurdischen Kulturverein im Stadtteil St. Georg ist die Stimmung in diesen Tagen deshalb angespannt. An den Wänden hängen Porträts von Abdullah Öcalan, dem Anführer der als Terror-Organisation eingestuften PKK. An den Tischen gibt es nur ein Thema: die Lage in Nord-Syrien. Ob aus dem Internet oder den Fernsehnachrichten: Jede noch so kleine Neuigkeit wird aufgesogen und diskutiert.

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Sadia Hasso, die Mutter von Jodi, kann seit einer Woche nicht mehr schlafen - aus Sorge um ihre Verwandten und Freunde in Nord-Syrien.

Auch die Eltern von Jodi Hussein kommen oft hierher. Sie haben wegen der Angst um ihre Freunde und Verwandten seit Tagen nicht geschlafen. "Wenn wir mit unseren Verwandten telefonieren, hören wir im Hintergrund die Kinder weinen", erzählt die Mutter. "Einige unserer Nachbarn sind bereits ums Leben gekommen. Niemand unternimmt etwas dagegen."

Türkische Gemeinde ruft zur Mäßigung auf

Die Türkische Gemeinde der Hansestadt ruft alle Beteiligten zur Mäßigung auf. Damit es friedlich bleibt, dürfe niemand Öl ins Feuer gießen. Die Gewalt gehe nur von einer kleinen Zahl von Extremisten aus - und die gebe es auf beiden Seiten. "Ist das Potenzial da, dass einzelne Menschen etwas machen? Ja, das ist immer da!", sagt Murat Kaplan, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde. "Umso wichtiger ist es, dass die friedliche Mehrheit in Deutschland im Gespräch bleibt - und mit gutem Beispiel vorangeht."

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Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Murat Kaplan, ruft alle Beteiligten zur Besonnenheit auf.
Kurden wollen weiter demonstrieren

Familie Hussein hält derweil mithilfe von Video-Telefonaten den Kontakt in das türkisch-syrische Grenzgebiet. Dort leben die Großeltern, Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen. Deren Kinder haben das Heimatdorf bereits verlassen und sind in einer nahegelegenen Stadt untergekommen. Zum Spielen auf die Straße trauen sie sich nach mehreren Todesfällen unter Nachbarn nicht mehr, sagt Osman Hussein. Er will weiter demonstrieren - bis endgültig Frieden herrscht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR//Aktuell | 18.10.2019 | 07:08 Uhr

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