Stand: 05.09.2020 08:40 Uhr  - NDR 90,3

Kommentar: "Hamburger Fischmarkt wäre klinisch tot"

von Reinhard Postelt

Eine Hamburger Institution ist in Gefahr. Der legendäre Fischmarkt mit seiner 300-jährigen Geschichte ist seit März wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Fünf Monate haben sich die Behörden Zeit genommen, nun liegt ein Konzept-Entwurf vor. Ende Oktober könnte der Fischmarkt wieder öffnen - aber ganz anders. Dazu unser Hamburg-Kommentar von Reinhard Postelt.

Sie waren lange nicht mehr auf dem Fischmarkt? Ich auch nicht. Doch die rigiden Einschränkungen gehen uns alle an, denn ich befürchte, sie sind die Blaupause für Hamburgs Weihnachtsmärkte. Der Fischmarkt wird auf den Mittag verlegt, weil - so sagt man hinter vorgehaltener Hand im Bezirksamt Altona - sonst morgens Gruppen an Betrunkenen vom Kiez auf den Markt ziehen und sich anstecken könnten.

VIDEO: Fischmarkt: Hamburger Institution ist in Gefahr (2 Min)

Fischmarkt wäre aseptisch rein und klinisch tot

Reinhard Postelt © NDR Foto: Marco Peter
Reinhard Postelt kommentiert die Wiederöffnung des Hamburger Fischmarkts.

Zudem wird der Markt eingegittert, 20 Sicherheitskräfte lassen nur 500 Besucherinnen und Besucher rein, die Zahl der Händlerinnen und Händler wird halbiert. Die Besucherinnen und Besucher dürfen nur in eine Richtung gehen und als Gipfel des Vergnügens stets eine Maske tragen.

So stellen sich Virologen einen fröhlichen Touristenmarkt vor. Damit wäre der fidele Fischmarkt aseptisch rein - und klinisch tot. Aale-Dieter kommentiert trocken, der Fischmarkt-Charakter wäre weg.

Neue Erkenntnisse statt Horrorszenarien berücksichtigen

Es ist an der Zeit, dass die Gesundheitsämter nicht mehr in Horrorszenarien denken, sondern sich die neueren Erkenntnisse über Covid-19-Ansteckungswege zu eigen machen - etwa über seltenere Ansteckungen an frischer Luft und dass das Virus wohl mehrere Minuten Kontakt zur Ausbreitung brauchen. Nicht mal in den immer volleren Bussen und Bahnen stecken wir uns ja massenweise an.

Aber während der HVV großzügige Ausnahmen des Senats genießt, nehmen die Behörden einigen privaten Händlern die Existenz - und uns die Freude.

Hamburgs Weihnachtsmärkte kaum wiederzuerkennen?

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hat diese Woche erklärt, man arbeite an einem Konzept, wie man Hamburgs Weihnachtsmärkte zulassen könnte. Man würde sie dieses Jahr kaum wiedererkennen, Menschenmengen spätabends mit Glühwein - das gehe gar nicht. Es würden eher "vorweihnachtliche Märkte".

Wenn das Beispiel Fischmarkt Schule macht, könnte das heißen: Besinnliches Adventsfeiern bis 20 Uhr hinter Zäunen und Sicherheitsleuten, Eintritt nur nach Anmeldung im Internet. Glühwein ohne Schuss. Und der Nikolaus muss Mund-Nasen-Schutz tragen - wie alle.

Mehr Vertrauen für die bisherige Disziplin

Warum schätzen die Behörden die Hamburgerinnen und Hamburger offenbar als wilde Partybiester ein, statt zu sehen, wie diszipliniert wir uns an die Hygienemaßnahmen halten? Wir brauchen mehr Vertrauen. Denn die meisten von uns sind sich der Verantwortung bewusst - selbst auf dem Fischmarkt und dem Weihnachtsmarkt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 05.09.2020 | 08:40 Uhr

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