Stand: 24.06.2019 16:40 Uhr

Immer mehr Unfälle mit Lkw: Was Radler fordern

In Norddeutschland fahren immer mehr Menschen Rad. Eigentlich erfreulich. Doch auch die Zahl der Fahrradunfälle im Norden steigt. 2018 gab es hier fast 20.000 Unfälle, an denen Fahrradfahrer beteiligt waren. 82 von ihnen wurden getötet. Das sind gut sechs Prozent mehr als 2017, wie vorläufige Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. In Hamburg sind dieses Jahr schon zwei Radfahrer im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Beide wurden von einem Lkw überrollt. Wie kann künftig die Sicherheit für Fahrradfahrer verbessert werden - und was wird jetzt schon getan?

von Jennifer Lange, NDR Info

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Mit einem Ghostbike soll an der Alster an den verunglückten Radler erinnert werden.

Johanna Drescher steht an einer viel befahrenen Kreuzung an der Alster in Hamburg. An der Ampel lehnt ein weiß gestrichenes Fahrrad. Um den Rahmen sind Blumen gewickelt. Drumherum Kerzen. Hier ist vor knapp zwei Wochen ein Familienvater bei Grün von einem Lkw überfahren worden. Auch auf dem täglichen Weg von Johanna Drescher vom Fahrradclub ADFC  steht so ein weißes Ghostbike - als Mahnmal. "Wo ich dann auch wirklich jeden Morgen dann nach links gucke, ob da nicht ein Lkw kommt, der in diese Straße abbiegen will", sagt Drescher.

Radfahrer, die an der Ampel an der Alster vorbeikommen, betrachten das Ghostbike. "Man darf sich nicht darauf verlassen, dass sich die Autofahrer an Regeln halten. Man muss sehen und gesehen werden, das ist die wichtigste Grundregel", sagt ein Mann. Eine Frau schränkt ein: "Es gibt auch Radfahrer, die einfach bei Rot rüberfahren, klar." Ein weiterer Mann meint, dass das Verhalten im Verkehr ambivalent sei: "Auf der einen Seite sollte man nicht auf seinem Recht beharren, wenn man überleben möchte. Auf der anderen Seite ist es auch schlecht, wenn man immer wieder zurücksteckt."

Mehr Platz für Radler gefordert

Johanna Drescher will, dass Radfahrern in der Stadt mehr Platz eingeräumt wird. Noch hätten die Autos Vorrang. Was der ADFC vor allem fordert, sind verpflichtende Abbiegeassistenten. Und zudem ein paar neue Regeln: "Schrittgeschwindigkeit bei Abbiegevorgängen, getrennte Ampelphasen für Radfahrer und Autofahrende, die Radfahrer ganz vorne stehen zu lassen, die Autofahrer fünf Meter weiter hinten, sodass eine Sichtbeziehung entsteht." Es gebe also sowohl baulich als auch die Vorschriften betreffend ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Einige davon seien geeignet, schnell umgesetzt zu werden. 

Pilotprojekt: Abbiegeassistenten für städtische Fahrzeuge

Daran arbeitet Kirsten Pfaue. Sie ist Radverkehrskoordinatorin der Stadt Hamburg. Gerade läuft ein Pilotprojekt, bei dem 18 Fahrzeuge von Hamburger Behörden mit Abbiegeassistenten ausgerüstet wurden. Ziel ist, die komplette Flotte umzurüsten. "Weil das natürlich technische Lösungen sind, die im Straßenverkehr Leben retten können, weil sie Lkw und Busfahrer warnen, wenn diese beim Abbiegen Fußgänger oder Radfahrer gefährden würden", sagt Pfaue.

Geschützte Radstreifen als weitere Maßnahme

Null Fahrradtote. Das ist das Ziel von Kirsten Pfaue. Doch die Zahl der Unfälle geht in eine andere Richtung. Sie schaut auf die Zahlen vor sich. Dort steht ein Plus von 25 Prozent bei den verunglückten Radfahrern fürs erste Quartal dieses Jahres im Vergleich zum ersten Quartal 2018. Eine weitere mögliche Lösung seien sogenannte protected bike lanes, sagt Pfaue. Also Radwege, die etwa durch biegsame Plastikstäbe von der Fahrbahn getrennt sind.

"Wenn man das einrichtet, dann darf man nicht vergessen: Alle Parkmöglichkeiten rechts neben der protected bike lane fallen weg", sagt Pfaue. Außerdem müsse man sich Gedanken darüber machen, wie die Feuerwehr mögliche Einsatzorte erreicht.

Pfaues Ideen und die Vorschläge des ADFC werden jetzt verstärkt diskutiert. Mit jedem weiteren verunglückten Radfahrer nimmt der Ton an Schärfe zu - in Hamburg und über die Grenzen der Hansestadt hinaus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 25.06.2019 | 06:20 Uhr

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