Stand: 25.01.2019 09:21 Uhr

Bürgergipfel: Wie steht es um Hamburgs Verkehr?

Ein offenes Ohr für die Sorgen der Hamburger, aber leider nur wenig Versprechungen von der Politik: Beim ersten gemeinsamen Bürgergipfel von NDR 90,3, dem Hamburg Journal und Hamburg 1 standen am Donnerstagabend Politiker und Experten Rede und Antwort zur Verkehrspolitik in Hamburg. Rund 170 Hamburger waren mit ihren vielen Fragen ins Kulturzentrum Rieckhof in Harburg gekommen, einige sogar mit neongelben Warnwesten und Demo-Schildern ausgestattet - fast wie auf den Straßen Frankreichs.

Bürgergipfel im Harburger Rieckhof am 24. Januar 2019 zum Thema Verkehr. © NDR Foto: Axel Herzig

Mitschnitt: Bürgergipfel zum Thema Verkehr

NDR 90,3, Hamburg Journal und Hamburg 1 haben zum ersten gemeinsamen Bürgergipfel eingeladen. Hier können Sie die Veranstaltung zum Thema Verkehr in ganzer Länge sehen.

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Zuhören ja, versprechen nein

Im Süden Hamburgs sind die Menschen beispielsweise genervt von den langwierigen Bauarbeiten auf einer wichtigen Straße: "Sorgen Sie dafür, dass man den Ehestorfer Heuweg frei befahren kann", fordert Gastwirt Thomas Soltau. Doch Versprechungen kann ihnen Verkehrssenator Michael Westhagemann nicht machen: "Zaubern können wir auch nicht. Wenn wir mal was erneuern müssen, dann müssen wir das jetzt auch machen. Was schlimmer wäre, wenn wir nichts machen."

Eindrücke vom Bürgergipfel zum Thema Verkehr

Auch bei vielen anderen Themen hat der Senator zwar zugehört, große Versprechungen gab es aber nicht. Mit ihm wird es beispielsweise keine autofreie Innenstadt oder ein flächendeckendes Tempo-30-Limit geben - alles Ideen und Fragestellungen beim Bürgergipfel in Harburg.

Fragen zum Thema Verkehr

  • Frage zur Fahrradstadt Hamburg

    Anja Blankenberg aus Lurup: "Warum dürfen Fahrräder im HVV erst ab 9 Uhr mitgenommen werden? Für Berufstätige und Pendler erschwert das die Wege ungemein."

  • Antwort

    Lutz Aigner, HVV-Geschäftsführer: "Wir haben uns mit dieser Frage schon sehr oft auseinandergesetzt. Wir haben hier zweierlei Probleme. Das eine ist: Die Bahnen sind in der Hauptverkehrszeit so voll, dass zusätzlich Fahrräder kaum oder gar nicht mitgenommen werden können. Wir sind froh, wenn wir all unsere Fahrgäste in diesen Stoßzeiten angemessen befördern können. Und das zweite sind Sicherheitsgründe: Im System gibt es durchaus U- und S-Bahnhöfe, die ein gewisses Alter haben und bei denen Fluchtwege durch Fahrräder behindert werden könnten. Das haben wir geprüft und festgestellt, es gibt gravierende Sicherheitsbedenken dagegen, Fahrräder in der Hauptverkehrszeit mit in die Bahnen zu nehmen."

  • Antwort

    Kirsten Pfaue, Radverkehrskoordinatorin Hamburg: "Wir sind außerdem dabei, alle Stadtrad-Stationen an die U- und S-Bahn-Stationen anzubinden, wir bauen an allen Stationen Park-and-Ride-Anlagen, denn gerade in der zweitgrößten Stadt Deutschlands ist ein Schulterschluss zwischen öffentlichem Nahverkehr und Radverkehr ganz wichtig. Was aber jeder machen kann, ist beispielsweise ein Faltrad mitzunehmen, heutzutage gibt es schon sehr hochwertige und gut laufende solcher Räder. Und es gibt ja sogar ein Faltrad-Angebot vom HVV selbst."

  • Frage zur Fahrradstadt Hamburg

    Hans Dittmer aus Harburg: "In Hamburg gibt es ja nicht genügend Radwege, weshalb viele Radfahrer auf der Straße fahren müssen. Warum schafft man hier keine Übergangslösungen mit einer Tempo-30-Begrenzung?"

  • Antwort

    Kirsten Pfaue, Radverkehrskoordinatorin Hamburg: "Tempo-30-Verkehrsbeschränkungen sind für den Radverkehr eine sehr gute Maßnahme. Trotzdem ist es unser aller Aufgabe, ein Verkehrssystem anzubieten, bei dem wir alle Teilnehmer mitnehmen. Und hier ist der Hamburger Senat eindeutig dabei, dass auf Hauptverkehrsstraßen grundsätzlich Tempo 50 angeordnet wird, außer beispielsweise bei Kitas und anderen sozialen Einrichtungen. Wir sind uns natürlich der Problematik bewusst und sind dabei, überall Radverkehrsanlagen zu bauen, doch da brauchen wir alle noch einen langen Atem."

  • Frage zur Fahrradstadt Hamburg

    Lennart Albrecht: "Ich denke, viele Menschen halten den motorisierten Individualverkehr in der Innenstadt nicht mehr für zeitgemäß. Wann können wir mit einer autoarmen oder sogar autofreien Innenstadt rechnen?"

  • Antwort

    Michael Westhagemann, Verkehrssenator: "Ganz ehrlich: Die autofreie Stadt wird es so schnell nicht geben, weil wir derzeit allen Verkehrsteilnehmern die gleichen Zugangsmöglichkeiten bieten wollen. Deshalb haben wir uns darauf verständigt, ein Mobilitätskonzept zu entwickeln, dass alle Verkehrsteilnehmer - ob Radfahrer, Fußgänger, Autofahrer, Anlieferverkehr - gleichberechtigt einschließt. Worüber ich aber glücklich bin: Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre hat der Autoverkehr in Hamburg sogar abgenommen, Parkraum im öffentlichen Umfeld ist wiederum aber auch zurückgegangen. [...] Gleichzeitig wird der öffentliche Nahverkehr heutzutage stärker genutzt. Ich glaube, da sind wir auf dem richtigen Weg."

  • Frage zu Großbaustellen in Hamburg

    Horst Langbeck aus Harburg: "Warum ist es nicht möglich, bei Ausschreibungen Baufirmen zu berücksichtigen, die gewillt und in der Lage sind auch im Schichtbetrieb und am Wochenende zu arbeiten, um die Bauzeit zu verkürzen?"

  • Antwort

    Michael Westhagemann, Wirtschaftssenator: "Wenn wir Baustellen ausschreiben, werden viele Dinge berücksichtigt. Auch Fragen, wie: Können wir dort am Wochenende durcharbeiten, ist die Baustelle in unmittelbarem Umfeld zu Anwohnern, können wir dort nachts arbeiten? All das betrachten wir ganz genau. Am Beispiel der Baustelle am Wallringtunnel können Sie sehen, dass wir dort Tag und Nacht gearbeitet haben, weil es nur wenige Anwohner in der Nähe gab."

  • Frage zu Großbaustellen in Hamburg

    Matthias Czech: "Wir warten seit vielen Jahren auf den Baubeginn der A26 und versprechen uns davon auch eine große Entlastung. Wie steht es um die konkreten Baupläne, ab wann wird hier das erste Auto fahren?"

  • Antwort

    Christian Merl, Baustellenkoordinator Hamburg: "Als Vorabmaßnahme wurde gestern mit den Rodungsarbeiten auf der A26 West begonnen, das ist der Lückenschluss zwischen Niedersachsen und der A7. Wir treiben die Planungen für den Mittelteil, also den Anschluss zur A1 voran. Die Planungen sind soweit gediehen, dass wir in den kommenden Monaten und Jahren in das Planfeststellungsverfahren einsteigen können. Und wir haben mit dem geführten Bürgerdialog auch eine Basis gelegt, die zukunftsträchtig ist und wir allesamt sehr optimistisch sind, dass dieses Bauwerk endlich Realität wird. Die komplette Strecke soll dann ab 2026/27 befahrbar sein."

  • Frage zu Großbaustellen in Hamburg

    Martina Römhild: "Warum wird keine weitere Elbtunnelröhre gebaut? Schließlich gibt es immer mehr Menschen, die aus dem Süden nach Hamburg fahren, weil sie sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten können."

  • Antwort

    Christian Merl, Baustellenkoordinator Hamburg: "Es gibt die Planungen zur A20 mit der Elbquerung bei Glückstadt. Diese Querung ist für uns als Standort und Metropolregion unglaublich wichtig, weil der Lkw-Verkehr in der Zukunft weiter zunehmen wird. Wir brauchen hier eine westliche Verbindung, die Hamburg umfährt. Damit haben wir automatisch eine Entlastung der A7. Das heißt: Wir werden effektiv mehr Kapazität auf den Fernstraßen haben, damit wir einerseits Hamburg besser erreichen können und andererseits haben wir mit der A20 den Transitverkehr in direkter Richtung nach Flensburg oder Bremen um Hamburg herumgeleitet und das ist das Ziel."

  • Frage zum ÖPVN in Hamburg

    Helmut Nimz: "Mit meiner Senioren-Abokarte darf ich erst ab 9 Uhr den HVV nutzen. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass ich sonst Plätze für den Berufsverkehr wegnehmen würde. Komischerweise darf ich dann aber von 16 bis 18 Uhr wieder fahren. Dieses Argument ist also nicht einleuchtend. Was ist der Grund für diese Regelung?"

  • Antwort

    Lutz Aigner, HVV-Geschäftsführer: "Einerseits ist es unser Bestreben die Hauptverkehrszeit zu entlasten und die ist in den Morgenspitzen eben deutlich stärker als am Nachmittag. Andererseits ist es auch eine Steuerungswirkung: Wir haben jetzt die Seniorenkarte ab 63 Jahren, wir haben mittlerweile aber auch eine Regelarbeitszeit von über 66 Jahren. Das heißt wir haben viele Berufstätige, die über 63 sind und damit im Falle einer Aufhebung die Möglichkeit hätten, das Seniorenticket zu nutzen, obwohl sie voll berufsfähig sind. Das bringt natürlich Verluste mit sich, die wir vermeiden wollen."

  • Frage zum ÖPVN in Hamburg

    Udo Schult: "Wann kommt die geplante U-Bahnlinie 5 in die westlichen Stadtteile Hamburgs?"

  • Antwort

    Michael Westhagemann, Wirtschaftssenator: "Ich selbst bin froh darüber, dass wir nun die Machbarkeitsstudie der U5 vorstellen konnten und der Verlauf so umsetzbar ist, wie erhofft. Und natürlich stellt sich jetzt die Frage, wie geht es weiter? Und ist das Gebiet mit der S-Bahn besser zu erschließen? Dafür bedarf es Diskussionen mit der Deutschen Bahn und in diesem Prozess befinden wir uns gerade. Denn in Bahrenfeld haben wir mit dem neuen Wissenschaftsstandort eine Entwicklung, die es dringend erforderlich macht, sich zu überlegen, wie kann man dieses Gebiet besser erschließen und an diesem Themenfeld sind wir aktuell dran."

  • Frage zum ÖPVN in Hamburg

    Iris Neitmann: "Für Autos haben wir zwei Elbquerungen: die Elbbrücken und die vier Elbtunnelröhren. Warum ist es im Zuge der vier Elbtunnelröhren nicht möglich, dass auch eine westliche Nord-Süd-Verbindung für die Bahn oder öffentliche Verkehrsmittel da ist?"

  • Antwort

    Dr. Philine Gaffron, Verkehrswissenschaftlerin TU Hamburg: "Ich bin bei solchen Themen immer versucht, das Feld ein bisschen weiter zu öffnen und generell ist es natürlich sinnvoll, an manchen Stellen neue Infrakstruktur zu bauen. Aber eine neue Elbtunnelröhre wäre ziemlich aufwendig. Eine Elbtunnelquerung extra für den ÖPNV wäre vielleicht eine Maßnahme. Die Frage ist natürlich: Wie wird sich der Verkehr zukünftig entwickeln? Und trotz aller Prognosen können wir das natürlich auch selbst und persönlich steuern. Und insofern denke ich, es wäre vielleicht sinnvoll, eine solche Querung zu haben - das müsste natürlich fundiert geprüft werden. Aber die Frage ist natürlich, ob man diese Kapazitäten nicht auch auf bereits bestehende Infrastrukturen des ÖPNV anwenden kann, statt tatsächlich neu zu bauen. Denn dann kommen zukünftig auch wieder Instandhaltungsfragen und neue Baustellen auf uns zu."

  • Frage zum ÖPVN in Hamburg

    Fabio Detmer aus Neuallermöhe: "Sie wollen mehr ÖPNV und gleichzeitig wollen Sie die Autofahrer aber nicht benachteiligen. Wie kann das funktionieren?"

  • Antwort

    Dr. Philine Gaffron, Oberingenieurin TU Hamburg: "Die eierlegende Wollmilchsau zu erschaffen, wird nicht möglich sein. Im Sinne von: Wir kriegen für alle Vorteile, wir müssen niemanden benachteiligen und wir schaffen es auch noch Klimaschutz, Lärmschutz und lebenswerten Stadtraum etc. zu beachten - das wird nicht funktionieren. Insofern ist es schon so, dass der motorisierte Individualverkehr an vielen Stellen die Probleme mitverursacht. Und dass wir dann natürlich sinnvollerweise die Mobilität, die wir gewährleisten wollen, auf andere Verkehrsträger verlagern wollen. Und dafür brauchen diese Verkehrsträger aber dann natürlich mehr Platz und Kapazitäten. Und in Hamburg haben 43 Prozent der Haushalte gar kein Auto. Ich meine, das sind große Anteile der Bevölkerung, die ohne Auto unterwegs - aus unterschiedlichsten Gründen - und insofern ist das natürlich auch Klientel, für die man Planung machen sollte."

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Ist ein gleichberechtigtes Miteinander möglich?

Jeder soll in Hamburg so unterwegs sein, wie er will - Verkehrssenator Michael Westhagemann wird nicht müde, diesen Grundsatz seiner Politik zu betonen. Auch der Autoverkehr solle unter dem Ausbau der Fahrradwege nicht leiden. Doch im Publikum gab es relativ wenig Verständnis dafür, dass immer noch so viele Autos durch die Stadt rollen: "Mich interessiert, wann wir mit einer autofreien, autoarmen Innenstadt rechnen können?" Doch von einem allzu schnellen Umbau Hamburgs weg vom Auto hält auch Radverkehrskoordinatorin Kirstin Pfaue nichts: "Wir brauchen einen langsamen gesellschaftlichen Wandel, weil wir müssen alle Menschen mitnehmen bei diesem Prozess. Natürlich wollen wir die Stadt voranbringen, aber das dauert."

Zur aktuellen Verkehrspolitik
02:31
Hamburg Journal

Verkehr - ein Thema, das uns alle bewegt

Sabine Rossbach, die Direktorin des NDR Landesfunkhauses Hamburg, freute sich über die rege Teilnahme der Hamburgerinnen und Hamburger an der Diskussionsrunde: "Der Verkehr in Hamburg und die Fragestellungen hierzu bewegen uns alle in unserer Stadt, egal ob als Fußgänger, Fahrradfahrer, im Auto oder im öffentlichen Nahverkehr." Rossbach ist sich sicher, dass es in naher Zukunft auch noch zu anderen Themen Bürgergipfel in Hamburg geben werde.

Weitere Informationen
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Bürger und Experten diskutieren über Verkehr

Politik und Zuschauer im Gespräch: Beim Bürgergipfel zum Thema Verkehr beantworteten Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue und Verkehrssenator Michael Westhagemann Fragen. (25.01.2019) Video (02:42 min)

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Bürgergipfel: Wie steht es um Hamburgs Verkehr?

Beim Bürgergipfel zum Thema Verkehr im Harburger Rieckhof stellen sich Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue und Verkehrssenator Michael Westhagemann den Fragen. (24.01.2019) Video (03:22 min)

Wir bei Ihnen. Wir über uns

Bei der Veranstaltung "Vor Ort" laden wir Sie ein, Verantwortliche und Programmmacher von NDR 90,3 und Hamburg Journal persönlich zu treffen und Ihre Fragen zu stellen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 25.01.2019 | 09:00 Uhr

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