Stand: 05.07.2019 11:14 Uhr

Anwohnerin nach G20: Wut auf Olaf Scholz

Nach den Ausschreitungen beim G20-Gipfel vor zwei Jahren in Hamburg sind auch gut 150 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten eingeleitet worden. Knapp 100 wurden wieder eingestellt. Das Verfahren, das nach einer Anzeige von Iris Heitel eingeleitet wurde, läuft noch. In einer eigentlich friedlichen Situation in einer Nebenstraße habe ein Polizist sie so heftig gestoßen, dass ihre Kniescheibe brach. Die Geschehnisse Anfang Juli 2017 und deren Folgen haben die auf St. Pauli wohnende Kneipenbesitzerin nachdenklich gemacht.

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Iris Heitel berichtet, dass sich viele Anwohner schutzlos gefühlt hätten.

Ein Bild von den Ausschreitungen hat sich bei Iris Heitel besonders eingebrannt, erzählt sie: "Da wurden alle Fahrräder aus dem Schuppen gerissen und angezündet, Dixi-Toiletten umgeworfen, und die Leute wurden mit den Exkrementen beworfen. Und da stehen dann so alte Leute auf der Straße, die seit 50 Jahren hier leben. Sie weinen und können das einfach gar nicht fassen, was hier passiert. Dass diese Leute ihr Viertel zerlegen, dass es keinen Schutz gibt."

Sie erinnert sich nicht gerne an die Tage im Ausnahmezustand. Die Anwohner hätten sich der Situation ausgeliefert gefühlt, sagt sie. Sie hätten versucht, sich und ihre Häuser und Läden selbst zu schützen. Deshalb habe es sie regelrecht persönlich verletzt, als die Anwohner im Nachhinein von verschiedenen Seiten als Sympathisanten oder gar als linke Extremisten dargestellt wurden.

Krawalle im Schanzenviertel zum G20-Gipfel © dpa-Bildfunk/ Daniel Bockwoldt Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

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"Wie von einem Nilpferd weggerammt"

Auch an den Stoß des Polizisten erinnert sie sich nicht gerne: "Das fühlte sich für mich so an, als ob mich ein Nilpferd wegrammt." Der Stoß habe sie völlig überrascht. Die Situation sei ruhig gewesen, die Randalierer schon vertrieben. Allein eine Barrikade habe noch gebrannt. Sie wollte sehen, ob sie beim Löschen helfen könne. Der Stoß habe ihre Kniescheibe gebrochen. "Das Adrenalin hat mich in einen Schockzustand versetzt. Ich hatte erst einmal einen Lachanfall", sagt sie.

Anspannung noch heute spürbar

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Dann wurde es aber ziemlich schnell ziemlich ernst. Die Tage im Ausnahmezustand mit Hunderten Randalierern, Tausenden Polizisten und dem ständigen Alarmsignal der Hubschrauber hätten an den Nerven gezehrt. Das habe sie erst gemerkt, als alles vorbei war. "Sonntag geht die Sonne auf und alles ist vorbei. Warum!?", habe sie sich da gefragt. "Was ist da über uns rübergerollt? Wir haben alle erst einmal geweint, weil wir da auch erst gemerkt haben, was das für eine Anspannung war."  Das könne man heute noch auf St. Pauli spüren. Sobald ein Helikopter etwas länger in der Luft stünde, würden alle nervös. "Alle haben da so ein kleines Trauma erlebt", sagt sie.

"Recht und Ordnung nicht mehr gegeben"

Sie habe große Angst um sich und um ihre Freunde gehabt, "weil man einfach gemerkt hat: Es blickt hier keiner mehr durch und es kommt auch keiner mehr, um irgendjemandem zu helfen. Ich glaube, wir haben alle eine Situation erlebt, die sich eigentlich keiner vorstellen kann in Deutschland. So etwas gibt es hier bei uns ja gar nicht, diesen Ausnahmezustand, in dem Recht und Ordnung einfach nicht mehr herrschen und wo der Polizist nicht mehr unbedingt dein Freund ist."

Wut auf Polizei und Politik

Das Vorgehen der Polizei und der Politik während G20 habe sie wütend gemacht: "Ich habe mich so geschämt für meine Stadt", sagt sie. Sie habe noch immer Schmerzen von dem Stoß, sagt Iris Heitel. Sie hatte Verdienstausfälle, hat Schmerzensgeld geltend gemacht und den Polizisten angezeigt, der sie gestoßen hat. In beiden Verfahren gibt es noch keine Entscheidung, die Staatsanwaltschaft wollte sich deshalb gegenüber NDR Info nicht dazu äußern.

"Für mich ist das eigentlich eine persönliche Sache zwischen mir und Olaf Scholz. Ich bin richtig wütend auf diesen Mann. Und der politische Weg, den er jetzt geht, das ist für mich ein Witz. Ich denke immer so: Wir beide, wir sind noch nicht fertig. Wir Anwohner wurden den Hunden zum Fraß vorgeworfen und er schleicht sich zur Hintertür raus", schildert Iris Heitel ihre Wut auf den früheren Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der inzwischen Bundesfinanzminister in Berlin ist.

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Auch Verständnis für die andere Seite

Für die Polizisten beim G20-Einsatz hingegen kann sie Verständnis aufbringen. Die Parole "Ganz Hamburg hasst die Polizei!" habe man ja zum Beispiel immer und überall gehört. Das müsse aus der Sicht der Polizisten auch sehr nervenaufreibend gewesen sein: "Wenn du das Stunden und Stunden und Stunden lang hörst, auch nicht abgelöst wirst, nichts zu trinken kriegst, durch Straßen rennst, die du gar nicht kennst! Man muss sich das ja immer auch mal von der anderen Seite überlegen."

Trotzdem habe sich ihr Bild auf den Staat und die Polizei grundlegend verändert, so Iris Heitel. Bis zum Juli 2017 habe sie eigentlich immer gedacht, die Polizei sei tatsächlich "dein Freund und Helfer". Jetzt sehe sie das anders: "Bei G20 konnte man miterleben, wie so ein System auch ganz leicht kippen kann."

Viele in der linken Szene erschrocken

Auch die linke Szene auf St. Pauli sei erschrocken gewesen vom Ausmaß der Gewalt von verschiedenen Seiten. Es habe viele Menschen zum Nachdenken gebracht, sagt Iris Heitel: "Ich glaube, dass viele ihr Verhalten im Nachhinein noch einmal überprüft haben, auch die linke Szene hier im Viertel." Dass das Schanzenfest, bei dem es im benachbarten Stadtteil zuvor regelmäßig zu Krawallen kam, danach völlig gewaltfrei ablief, fand sie bezeichnend.  

"Das war schon ziemlich hart"

Die Ausnahmetage im Juli 2017 bedeuten für Iris Heitel einen Einschnitt in ihrem Leben: "Das war schon ziemlich hart. Es ist alles ein bisschen anders als vorher. Ich bin ängstlicher geworden - beim Fahrradfahren, beim Treppenlaufen, bei allem. Das ist einfach so ein Schock, der sich ganz tief eingräbt." Sie habe vieles gesehen, was sie vorher in Deutschland nicht für möglich gehalten habe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 05.07.2019 | 07:38 Uhr

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