Stand: 01.08.2020 06:12 Uhr  - NDR 90,3

40 Jahre CSD in Hamburg

von Daniel Kaiser
Im vergangenen Jahr konnte der CSD in Hamburg noch groß und ohne Abstand gefeiert werden - in diesem Jahr ist das Corona-bedingt nicht möglich.

Wie selbstverständlich demonstrieren an diesem Wochenende in Hamburg wieder Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Der Christopher Street Day (CSD) gehört inzwischen zum Leben der Stadt und ist nur wegen Corona in diesem Jahr keine Party mit Musiktrucks, sondern eine Fahrraddemo. Bis hierhin war es allerdings ein langer Weg.

Schwule und Lesben lebten lange gefährlich. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg behielt die Bundesrepublik den Paragraphen 175 bei. Dieser stellte seit 1871 Homosexualität unter Strafe. "Der einzige Unterschied war, dass die Leute nicht mehr ins KZ kamen, aber die Strafen waren sehr hoch", erinnerte sich der Zeitzeuge Manfred Bruns vor einigen Jahren in einer NDR-Dokumentation. "Und wenn jemand auffiel, war der praktisch erledigt. Er fand kaum noch einen Beruf und war aus dem bürgerlichen Leben ausgeschieden."

Die Parade zum Christopher Street Day (CSD) zieht am 3. August 2019 durch die Hamburger Innenstadt. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

40 Jahre CSD in Hamburg

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten lebten lange gefährlich. Bis zu selbstverständlichen Demos in Hamburg war es ein langer Weg. Daniel Kaiser berichtet.

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Denunziationen waren in Hamburg üblich

Auch in Hamburg trafen sich Schwule nur im Geheimen, erzählt Gottfried Lorenz, der über diese Zeit auch Bücher geschrieben hat. "Gerade hier in Hamburg zeigen Polizeiberichte von damals eine regelmäßige Überwachung der schwulen Szene. Ein Großteil der verhafteten Schwulen ist allerdings aufgrund von Denunziationen verhaftet worden und nicht durch das Streifegehen der Polizei."

Erster CSD: Ernste Demo statt Party

Der Aufstand in der Christopher Street in New York im Jahr 1969 änderte alles. Lesben und Schwule wehrten sich in New York gegen Polizeigewalt. Elf Jahre später schwappt dieser Protest nach Hamburg: 300 Menschen gingen hier beim ersten Christopher Street Day auf die Straße. Nicht feiernd wie auf einer Party. Stattdessen sei es eine ernste Demo gewesen, sagt Thomas Grossmann. Der war damals dabei und erzählt von der angespannten Stimmung vor einigen Jahren im NDR: "Da war ein weißer Wagen, aus dem heraus fotografiert wurde. Einige sind in ihrer Wut hingegangen und haben versucht, am Wagen zu rütteln oder ihn sogar umzukippen."

Polizisten, die auf Pinkelnde starren

Einen Tag später ging der heutige Hamburger Theaterchef Corny Littmann in Begleitung von Journalistinnen und Journalisten in eine öffentliche Toilette am Spielbudenplatz und zerschmetterte dort den Spiegel. "Da öffnete sich ein Raum. In dem befand sich zu dem Zeitpunkt zwar kein Polizist, mit den Bilddokumenten konnten wir allerdings nachweisen, dass es diese polizeiliche Bespitzelung von Schwulen gegeben hat", erinnerte sich Littmann viele Jahre später. Die Hamburger Öffentlichkeit reagierte irritiert bis verstört: Hamburger Polizistinnen und Polizisten überwachten bis in die 1980er-Jahre Männer beim Pinkeln.

Meilenstein "Hamburger Ehe"

Die Schwulen- und Lesben-Bewegung wurde selbstbewusster. Jedes Jahr gingen mehr Menschen auf die Straße, 1982 waren es schon 2.000. Langsam änderte sich die Gesellschaft. Doch erst 1994 wurde der Paragraph 175 gestrichen. Fünf Jahre später wurde Hamburg Vorreiter mit der eingetragenen Partnerschaft, der sogenannten Hamburger Ehe. Zwar nur symbolisch - aber immerhin war es ein Symbol, vollzogen mit Presserummel im Bezirksamt Eimsbüttel am 6. Mai 1999. Bei den gleichgeschlechtlichen Paaren, die ihre Beziehung eintragen ließen, herrschte Freude: "Wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen", jubelte die Hamburger Musikredakteurin Angela Gobelin in ihrem Hochzeitsauto.

Schwuler Bürgermeister - na und?

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Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Ole von Beust auf dem Christopher Street Day in Hamburg.

Im August 2003 lässt ein Drama im Rathaus die Hamburgerinnen und Hamburger wissen, dass sie einen schwulen Ersten Bürgermeister haben. Ole von Beust entlässt Innensenator Ronald Schill, weil er sich von ihm erpresst fühlt. "Er drohte mir, bekannt zu machen, dass ich meinen angeblichen Lebenspartner Dr. Kusch zum Justizsenator gemacht und damit Privates und Politisches verquickt hätte", gab von Beust in der legendären Pressekonferenz zu Protokoll. Dessen Homosexualität war bis dahin nur Eingeweihten bekannt, oder man erzählte sich davon hinter vorgehaltener Hand. Auch nach dem Outing blieb von Beust bis zu seinem Rückzug populär, wurde nach der Entlassung Schills bei ersten öffentlichen Auftritten mit stürmischem Applaus begrüßt.

Hamburg Pride: 20 Forderungen

2017 kam die "Ehe für alle". Zuletzt wurde verboten, Homosexuelle heilen zu wollen. In diesem Jahr geht es bei der Demonstration darum, den Diskriminierungsschutz aus dem Grundgesetz auf die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität auszuweiten, sagte Stefan Mielchen vom Veranstalter Hamburg Pride. "So können uns die mühsam erkämpften Rechte nicht wieder genommen werden." 20 Forderungen haben sie auf der Liste gesammelt. Und die Agenda sei noch lange nicht abgearbeitet. Die Forderungen werden spezieller, aber ein Blick auf die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zeigt: Es ging von Anfang an nie um Sonderrechte, sondern immer nur um Gleichbehandlung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 31.07.2020 | 19:00 Uhr

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