Plakat vor dem Haupteingang zum documenta-Standort Fridericianum © picture alliance/dpa | Swen Pförtner Foto: Swen Pförtner

NachGedacht: Luftige Selbstfindungsprozesse bei documenta

Stand: 21.05.2022 09:48 Uhr

Nie in der Geschichte der weltgrößten Schau für zeitgenössische Kunst war die Laune so im Keller, die Vorfreude so gedämpft und die Kunstkritik in Habacht-Position wie bei der "documenta fifteen".

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Es ist ein besonderes Ereignis, auf das sich die Kunstwelt im Fünf-Jahres-Rhythmus gut, gründlich und geruhsam, weil mit langem Vorlauf, einstellen und vorbereiten kann. Jede Ausgabe, jede Kuratorin, jeder Kurator will mit einer besonderen Handschrift im Erinnerungsbuch der documenta eingeschrieben sein.

Natürlich war 2017 auch die documenta 14 ambitioniert und wartete mit zwei gleichberechtigten Standorten auf: Kassel und Athen. Warum Athen? Griechenland, hochverschuldet, steckte damals noch tief in der Finanzkrise. Die europäische Politik gängelte das Land mit strengem Maßnahmenkatalog und die Kassler Kunst wollte darauf mit einem Konzept reagieren, das auf Augenhöhe ausgerichtet sein sollte.

"Von Athen lernen", hieß das Motto. Viele runzelten die Stirn, trauten dem polnischen Kurator, Adam Szymczyk, nicht die nötige Sorgfalt und Genialität für einen solchen in dieser Weise bislang nie dagewesenen Doppelspielplatz zu. Und am Ende gaben die tiefroten Zahlen den Zweiflern recht: "Von Athen lernen" konnte ab einem gewissen Zeitpunkt doppelbödig gedeutet werden. Die, die mit Häme geunkt und ein Scheitern vorausgesehen hatten, lachten sich jetzt ins Fäustchen.

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Schöne, große Begriffe - aber nicht ganz neu

Fünf Jahre später soll, muss alles ganz anders werden. Von Anfang an wurden komplett andere Strategien gefahren: Das neue "Wir" kam in die Verantwortung. Nicht ein Kurator, ein Kuratorenkollektiv. Nicht der alte, weiße, kühle Norden - im Bild gesprochen - sollte den Kunstfahrplan bestimmen, sondern der gutgelaunte, farbenfrohe, entspannte Süden. Kunst kuratiert aus Indonesien in einer gänzlich neuen Ausrichtung: Nicht als Material, als Bild oder Objekt, nicht als Installation, sondern als Vision mit Nachhaltigkeits-, Gerechtigkeits- und Weltverbesserungscharakter.

Schöne, große Begriffe. Nicht ganz so neu, wenn einem documenta-Dauergast Joseph Beuys einfällt. 1972 kam er nach Kassel und richtete ein "Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" ein, wollte diskutieren über die "echten" Fragen, die die Menschen nach Kassel brachten. Sein 7.000-Eichen-Projekt, kam zehn Jahre später, 1982, schrieb tatsächlich Geschichte und beschwor die Nachhaltigkeit. Kunst sollte nicht mehr brav im Museum hängen, sondern die Menschen auf der Straße betreffen.

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documenta 15: Fragezeichen und Unbehagen vor Auftakt

Und jetzt, in vier Wochen? Wie wird Kassel bespielt werden? Das, was schon durch die Kanäle fließt, löst einerseits Fragezeichen aus und sorgt andererseits für größeres Unbehagen. Ein Beispiel: Mit einem Bienenexperiment soll eine Kryptowährung generiert werden. Summende Bienen, auch schon mehrfach Player in Kassel, klingen immer gutgemeint, brav und nach bester Absicht.

Weniger gut gemeint, weniger brav ist anderes in Kassel. Seit Monaten muss sich die documenta mit unbequemen Antisemitismusvorwürfen auseinandersetzen, die nicht in den Griff zu bekommen sind. Nicht nur weil unbedacht, das unterstellen wir an dieser Stelle, ein Künstlerkollektiv eingeladen wurde, dem eine Nähe zur umstrittenen BDS-Bewegung nachgesagt wird.

Eröffnung nach Beckenbauer-Prinzip

Hat die documenta grundsätzlich ein Antisemitismusproblem? Wurde doch erst kürzlich ihre Gründungsgeschichte durchleuchtet. Die aktuellen, im Raum stehenden Vorwürfe hätten diskutiert, erforscht, analysiert werden können. So war es geplant in einer hochkarätig besetzen Diskussionsreihe. Wäre gut gewesen, wäre der Ort gewesen, um Standpunkte und Hintergründe zu erklären, vielleicht auch noch Entscheidungen geradezuziehen. Ein wichtiges Anliegen, das geplatzt ist, kurz vor Beginn einfach abgesagt wurde. Chance vertan.

Die documenta hat es nicht geschafft, im Dschungel der Verwirrungen und Verknotungen den roten Faden auszulegen, um zu klären, wie sie mit hundert Tagen Kunst dem Sturm der Anfechtungen und der Kritik begegnen will. Welche Schlüsse sie daraus ziehen will. Was bleibt? Die documenta wird in vier Wochen ihre Show eröffnen. Nach dem Beckenbauer-Prinzip: "Schaun mer mal, dann sehn mer scho".

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Plakat vor dem Haupteingang zum documenta-Standort Fridericianum © picture alliance/dpa | Swen Pförtner Foto: Swen Pförtner

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Daniella Fitriab (l-r), Iswanto Hartono (beide vom Künstlerkollektiv Ruangrupa), Stefan Marx (Verkäufer der Straßenzeitung "Asphalt"), Volker Macke (Redaktionschef "Asphalt") und Reza Afisina (Ruangrupa) präsentieren vor dem ruruHaus die Oktober-Ausgabe der "Asphalt" mit der kompletten Künstlerliste der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler der "documenta fifteen". © picture alliance/dpa Foto: Uwe Zucchi

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 20.05.2022 | 10:20 Uhr

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