Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Wenn Bilder ihre eigene Sprache sprechen

Stand: 19.08.2021 17:28 Uhr

Was passiert rund 7.000 Kilometer von uns entfernt in Afghanistan? Claudia Christophersen denkt nach über Bilder und erinnert sich an die berühmte Erzählerin Susan Sontag.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Die Bilder dieser Woche aus Afghanistan sind erschütternd: Flugplatz Kabul: Menschen, panisch, stürmen den Flughafen, rennen auf das Rollfeld, klettern an den Einstiegsbrücken hoch, um irgendwie in die Flugzeuge zu kommen. Über 600 Menschen, dicht gedrängt, sitzen auf dem Boden eines amerikanischen Militärflugzeuges. Wie nur kann so geflogen werden? Andere klammern sich, wie auch immer, an eine Maschine, verstecken sich im Fahrwerk. Videos im Netz zeigen schwarze Punkte, die nach dem Start vom Himmel fallen.

In der Innenstadt von Kabul andere verstörende Bilder: Männer dominieren das Straßenbild, bewaffnet, vermummt, bärtig, siegesgewiss, zu Fuß, in Autos, auf Motorrädern. Was wollen sie? Eine "offene, inklusive islamische Regierung" - was immer das konkret heißen mag. Normale Beziehungen zur Staatengemeinschaft. Wie soll das gehen? Die Pläne der Taliban wurden lange und gründlich vorbereitet, die Feinde der Feinde zu potentiellen Freunden und Verbündeten gemacht. China hat schon signalisiert, dass es zu "freundlichen Beziehungen" bereit wäre. Und wo sind die Frauen?

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Frauen, deren Rechte mühsam gestärkt worden waren, die Ämter bekleiden konnten, als Politikerinnen und Richterinnen. Frauen, die Berufe haben als Journalistinnen, Lehrerinnen, Bankangestellte. Frauen mit Verantwortung und Selbstbewusstsein. Frauen auf Kabuls Straßen, sie werden wieder den Schleier tragen, die Welt durch ein kleines Gitternetz sehen. Von heute auf morgen sind sie aus der selbstbestimmten Moderne in die unfreie Vergangenheit gefallen.
Das sind die Bilder. Das ist die Macht der Bilder, die dem Westen die ganze Ausweglosigkeit, Hilflosigkeit und Scham vor Augen führt.

Die US-amerikanische Schriftstellerin, Essayistin Susan Sontag schrieb 1977 ein legendäres Buch über Fotografie, nahm den Faden auch später immer wieder auf und beschäftigte sich leidenschaftlich mit der Frage: Was passiert mit uns, wenn wir Bilder betrachten? Was haben sie mit der Wirklichkeit zu tun? Erst recht, wenn Bilder zu Nachrichten werden. Stumpfen wir ab? Damals war sie der Meinung. 25 Jahre später, 2003, schrieb sie darüber erneut und fokussierte sich auf die Kriegsfotografie: "Das Leiden anderer betrachten" - so der Titel.

Die Bilder fräsen in unser emotionales Gedächtnis

Susan Sontag ist hier in ihrer Wahrheitssuche noch radikaler, aktiviert Schreckensschauplätze der Welt: Bosnien, Kosovo, Irak, Afghanistan. Die Konfrontation mit dem Grauen im Krieg, mit dem, wozu Menschen in der Lage sind, was sie anderen Menschen antun können, darüber müsse berichtet werden. Und deshalb ist Bildbetrachtung nicht starr und stumpf, sondern bewegt, wühlt auf, verändert. Die Bilder fräsen sich ein in unser emotionales Gedächtnis, überspringen Verständigungsbarrieren und wirken.

Das tun auch die schwarzen Punkte auf den Videos. Sie können nicht mehr sprechen. Im Moment der Betrachtung tun sie es aber.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 20.08.2021 | 10:20 Uhr

Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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