NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Reden ist Gold

Stand: 17.12.2021 05:00 Uhr

Wenn Sie gleich einschlummern beim Lesen, dann wissen Sie: NachDenker Alexander Solloch empfiehlt sich für höchste Ämter.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Vor einigen Monaten haben wir an dieser Stelle auf eine erstaunliche Neuerscheinung aus dem Bereich des politischen Sachbuchs hingewiesen: "Angela Merkel. Die großen Reden". Jetzt wissen wir: Auch auf diesem Gebiet will ihr Nachfolger es ihr gleichtun, nur vielleicht ein bisschen nachhaltiger. Wenn dereinst seine großen Reden den Weg in ein Buch finden, werden sich dafür noch weniger Bäume geopfert haben müssen.

Eine Regierungserklärung zum Einschlafen

Olaf Scholz hat am Mittwoch im Bundestag seine erste Regierungserklärung abgegeben, und in der Tat handelte es sich bei diesem einschläfernden Vorgang um nichts anderes als um eine Abgabe. Wie man einen Brief an die Krankenkasse bei der Post abgibt, so gab Scholz seine Regierungserklärung ab: müde und lustlos, dabei immer im vollen Bewusstsein einer Pflicht, deren tapfere Erfüllung man wenige Minuten später schon wieder vergessen haben wird. Offenbar hat der Kanzler eine Heidenangst, die Leute könnten merken, dass es einen Regierungswechsel gegeben hat. Dem Versuch, diesen Eindruck zu verwischen, merkt man immerhin so etwas wie Leidenschaft an. Schon probieren Journalisten aus, ob man ihn nicht "Vati" nennen könnte, weil "Mutti" ja nicht geht.

Reden ist Gold, Langweilen ist Blech

Wäre Angela Merkel eine brillante Rednerin gewesen, würde sich Olaf Scholz nun vielleicht auch bemühen, seine rhetorischen Fähigkeiten, die in dem ausgebildeten Rechtsanwalt doch irgendwo schlummern sollten, zum Vorschein zu bringen. So aber muss man der gewesenen Kanzlerin kurz vor ihrer Heiligsprechung nochmal eins mitgeben: Was sie auf dem Gebiet der öffentlichen Ansprache, der Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern dargeboten hat, berechtigte kaum zur Teilnahme an einem Vorlesewettbewerb. Politik aber heißt doch: Reden. Überzeugen. Gedanken zur Blüte bringen. Reden ist Gold, Langweilen ist Blech.

Sogar seinen Bundespräsidenten hat sich dieses Land nach dem Merkel-Maß ausgesucht. Nie ist es jemandem gelungen, auch nur den zweiten Satz einer Steinmeier-Rede zu hören, immer schlugen vorher schon die brutalen Klauen des Tiefschlafs zu. Wie soll man denn da beurteilen, ob der Mann für eine zweite Amtszeit geeignet ist? Nach jetzigem Stand müsste man doch eigentlich in Ermangelung irgendeines Leistungsnachweises sagen: nö, eher nicht. Aber weil er so schönes silbernes Haar hat, wird Steinmeier im Februar dann doch wiedergewählt.

Hat Scholz Angst vor Fehlern?

Außerordentliches war vor diesem Hintergrund natürlich sowieso nicht von Olaf Scholz zu erwarten. Es muss ja bei einer Regierungserklärung auch gar nichts Ikonisches herausspringen, wie es von den acht Kanzlern vor ihm ohnehin nur Willy Brandt zuwege brachte. Übermenschliches wäre aber doch wohl noch nicht geleistet, wenn neben dem tonlosen Vorlesen des Koalitionsvertrags dem Publikum versuchsweise auch noch ein Gedanke, eine Idee über Spiegelstrichartiges hinaus geboten würden. Warum passiert das denn nicht? Der Wunsch, am bewährt Merkelschen festzuhalten, erklärt die rhetorische Totalverweigerung doch nicht restlos, auch nicht die deutsche Sorge vor der Verführungskraft des Wortes, die gegenwärtig so unbegründet wäre wie die Sorge des HSV vor einem Aufstieg in die Bundesliga. Darf man annehmen, dass es die Angst vor Fehlern ist, die den Kanzler an der freien, ungezwungenen Rede hindert? Die Angst, versehentlich etwas Ungeprüftes zu sagen, was von der "woke community" gleich wieder skandalisiert werden kann? Bloß nichts falsch machen, bloß niemanden wecken, bloß niemanden kränken - und es ist ja ständig jemand gekränkt in einer Zeit, in der die meisten den Hauptberuf des Beleidigten ausüben.

Ich zum Beispiel bin schwer gekränkt von der Existenz des 1. FC Köln. Hätte der Bundeskanzler nicht wenigstens dessen Abschaffung ankündigen können, schön versteckt im zweiten Satz? Dann hätte es ja eh keiner gehört.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 17.12.2021 | 10:20 Uhr

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