NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Ohne Liebe geht es nicht

Stand: 15.07.2021 17:06 Uhr

Die fußballfreie Zeit hat begonnen: Krisenzeit für Alexander Solloch. Was soll der Mensch tun in der Krise? Darüber reden...

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Sonntagnacht um 0.22 Uhr hatten wir es geschafft. Der EM-Pokal war überreicht, alle Zuguckarbeit getan, wir durften schlafen gehen. Aber was war das? Legte sich da nicht nur ein von Erdnüssen und Kartoffelchips zentnerschwer gewordener Menschenkörper ins Bett, sondern zusätzlich: ein scharfer Hauch Melancholie? Es würde einem schon fehlen, dieses Turnier.

Sommerliche Fußballturniere waren meist schwere Kost

Ein irritierendes Gefühl, denn: Gestand man es sich auch selten nur ein, so waren sommerliche Fußballturniere bislang doch meist eher schwere Kost gewesen. Am Ende einer langen, mühsamen, wie gewohnt unerwartet erfolglosen Saison musste der Fan unter Krämpfen in die Verlängerung gehen und beinahe ebenso ausgelaugten Profis bei einer Art Kick zusehen, der unter dem Einfluss radikaler Vermeidungsstrategien nichts hervorbrachte als unendliche Ödnis. Was sollten die Spieler auch tun? Sie bildeten nach dem Zufallsprinzip, auch bekannt als "Nationalität", einen als "Mannschaft" glorifizierten Haufen von Einzelkämpfern, die die Laufwege der Kollegen nicht kannten. So kamen Events zustande, keine Spiele.

Ärger über kinderfeindliche Anstoßzeiten

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Und dann war alles ganz anders in diesem seltsamen Sommer 2021. Natürlich, es war auch wieder viel Schreckliches dabei, der ganze Kommerzquatsch natürlich, die über vier Wochen pandemisch zunehmende Sorglosigkeit, die scheinheilig-politische Erzählung vom unpolitischen Fußball. Zuletzt musste man sich noch schwer über die Anstoßzeiten ärgern: Wieso wird ein europäisches Finale am späten Abend um 21 Uhr angepfiffen? Wieso wird Millionen von Kindern und Jugendlichen, die ein paar Stunden später in die Schule tapern müssen, die Bildungserfahrung Fußball nahezu unmöglich gemacht? Es ist kein rationaler, nicht einmal irgendein kapitalistischer Grund erkennbar - oder ist der Emir von Katar grad irgendwie sauer auf Kinder? Davon hätten wir doch gehört.

Die Fähigkeit der Verbände zu falschen Entscheidungen

So bleibt es erstaunlich, wie jedweder Fußballverband - sei es die FIFA, die UEFA, oder der DFB - es grundsätzlich schafft, ausnahmslos immer die falsche Entscheidung zu treffen. Stellt man zum Beispiel die UEFA vor die Wahl: "Ihr könnt mit einem Augenzwinkern die Welt retten oder aber in Badelatschen einen Marathon durch Dornengestrüpp bei 47 Grad im Schatten rennen, womit ihr aber leider ein bisschen Elend und Verdruss auslösen werdet", dann steht fest, dass der Verband keinerlei Mühsal scheuen wird. Gegen alle mathematische Wahrscheinlichkeit immer, ausnahmslos immer das Falsche zu tun, ist wahrscheinlich auch eine Fähigkeit, die ein Körnchen Anerkennung verdient.

Es war nicht alles schlecht, sondern vieles schön

Aber was haben wir doch auch Schönes sehen und hören dürfen, schlicht Schönes!

  • Spiele, in denen so viel passierte, dass einem beim Zugucken nicht mal Zeit blieb, kurz die filigrane Form des Schokoriegels zu bewundern, in den man biss.
  • Fußballer, die sich in der Bundesliga normalerweise auch drei Meter vorm Ziel nicht zum Torschuss entschließen können, nun aber einfach mal aus 50 Metern draufhielten - und trafen.
  • Italiener vor allem, die mit der größten denkbaren Glaubwürdigkeit Menschen verkörperten, die sich gerade nichts Freudvolleres vorstellen können, als in dieses Spiel verwickelt zu sein.
  • Schiedsrichter, die sich nicht wichtiger nahmen als die Spieler und sie einfach machen ließen.
  • Ein glänzender Dramaturg, der die dänische Mannschaft in schwerer Zeit bis ins Halbfinale brachte, dann aber im richtigen Moment, kurz bevor es kitschig geworden wäre, Schluss machte…

Mit Liebe die kommenden Wochen überstehen

Und ja, schön war es auch, kenntnisreiche Reporter und Experten zu hören, die tatsächlich etwas zu sagen hatten, die ganz sparsam das kostbare Stilmittel der Polemik nutzten, aber geradezu verschwenderisch mit Wissen und Empathie um sich warfen und sich dem unbedingten Drang hingaben, das Spiel zu verstehen.

Ohne Liebe geht es nicht. Das aber heißt zugleich: Mit Liebe geht ein bisschen was. Da kriegt man was hin. Schafft man was. Übersteht man die nächsten drei Wochen, bis endlich wieder gespielt wird.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.07.2021 | 10:20 Uhr

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