Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Johnson, Viren, Schützengräben: Obacht, irre Welt!

Stand: 08.07.2021 18:20 Uhr

Sommer! Aber man kann wirklich nicht sagen, dass nichts los wäre in der Welt. Kolumnist Ulrich Kühn kommt auf eine These zurück, in die er sich vor Jahren verliebt hat:

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Wir sind hier nicht bei Gericht, ich will aber ein Geständnis ablegen. Als diese Kolumne vor bald sieben Jahren aus der Taufe gehoben wurde, machte ich den Anfang. Zweierlei musste ich bedenken: Verfüge ich über geheimes Wissen, das mich durch die Jahre trägt? Die Antwort hieß: ja. Ich ging mit der These an den Start, die Welt sei verrückt. Die Chancen waren verlockend groß, alle paar Wochen den Beweis führen zu können. Ich muss gestehen, ich habe geirrt. Die Welt ist nicht verrückt, sie ist noch viel verrückter. Ich komme darauf zurück.

Die zweite Frage hieß: Komme ich mit so viel Verrücktheit ohne Beistand zurecht? Das war die Stunde des Dr. Brack. Seitdem steht er mir zur Seite, mit all seiner Arroganz, seiner Seelendurchdringungskompetenz und dieser ruppig-nölig-halbmitfühlenden Weltdurchblicker-Attitüde. Ich verdanke ihm viel.

Weltverrücktheits-Einsicht plus Seelentrost-Option: Ich kann das nur weiterempfehlen, das Leben ist leichter zu ertragen.

Leere Stadien - spinnen die Japaner?

Oder was dächten Sie über das jüngste Johnson-Experiment, wenn Sie der Welt nicht ein gewisses Maß an Verrücktheit zubilligten? Delta sprießt und gedeiht, und die Schlussfolgerung des Briten-Premiers lautet: Lasst alle Vorsicht fahren. "Wann, wenn nicht jetzt?" Je nun, die Antwort ist einfach: zu fast jedem Zeitpunkt. Nur vielleicht lieber nicht jetzt, da wir noch nicht ganz genau wissen, wie dieses Delta-Ding performt. Britische Abenteuerlust in Ehren, wir haben es mit einer großen Ex-Kolonialmacht zu tun und Ex-Eliteschul-Buben wie Boris haben nach eigenem Empfinden jedes Recht der Welt, ihren Spleen zu kultivieren; die Spiele der englischen Fußballmannschaft aber beweisen: Nicht immer ist es ein Höchstmaß an Risikolust, das einen bis ins Finale trägt. Dass Japan Olympischen Spiele nun lieber ganz ohne Publikum feiert: Die spinnen, die Japaner, gell, Boris?

Okay, das war einfach und hübsch provokant. All die Argumente, die für eine Öffnung bei aufwärtsrasender Inzidenz sprechen, sind dem Autor ebenfalls bekannt und wurden hier sorgsam verschwiegen. Was aber nur daran liegt, dass mein Platz begrenzt ist. Denn klar, die Verrücktheit, sich mit 60.000 anderen ins Stadion zu stellen, um sich besser anstecken zu können, verdient jede Würdigung. Wie auch die Studie, der zufolge sich beim EM-Fußballgucken mehrheitlich Männer infizieren, was Studienautor Steven Riley den Geistesblitz eingab: "Es könnte sein, dass das Fußballschauen dazu führt, dass Männer sozial aktiver sind als sonst." Nur Tage nach dem Tag des Kusses eine revolutionär irre Erkenntnis!

Von grünen Schützengräben und Kämpen

Und doch verdeckt sie den Blick auf weiteren Irrwitz. Zum Beispiel soll Donald Trump 2018 im Rahmen einer Europareise gesagt haben: "Na ja, Hitler hat auch viele gute Sachen gemacht." Das ist ein Zitat aus einem noch unveröffentlichten Buch, und es wurde sogleich dementiert durch eine Trump-Sprecherin; doch ehrlich, man hält jetzt vieles für möglich, und die Verlockung, Dr. Brack zu befragen, wächst mit jeder Zeile. Nur: Wo beginnen, wo enden? Da ist ja auch die Wahlkampfkunst der Grünen, eine Art Gnadenbegabung: Es kann so einfach sein, was ist leichter als Copy and Paste? Und schon ist ein Wahlkampf ruiniert, vom Ruf der Kandidatin zu schweigen.

Während nun Medien melden, die meisten Grünen-Kämpen seien erschöpft in den Urlaub abgereist, gibt Annalena Baerbock zu verstehen, sie sei aus Versehen "kurz in alte Schützengräben gerutscht" und nehme Kritik am Buche ernst. Ja, hoppla, heidi, was heute so als Buch unterwegs ist, als halbes Sachbuch und zugleich keines! Da rutscht man doch glatt vor Schreck in die Gräben.

Ich will Ihnen was sagen. In einer Welt, die so verrückt ist, so dermaßen schützengrabenverrutscht - in dieser Welt tun wir gut daran, uns ganz gelassen in Entspannung zu üben und fröhlich in den Urlaub zu fahren.

Wenn man nur so recht wüsste, ob diese Urlaubsreiserei nicht auch zu den Dingen gehört, die momentan ein bisschen - verrückt sind.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 09.07.2021 | 10:20 Uhr

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