Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Japan beschwört die Geister

Stand: 22.07.2021 15:12 Uhr

Die Olympischen Sommerspiele 2021 beginnen anders als geplant. Publikum ist nicht zugelassen, gespielt wird trotzdem - nur eben ins Leere. Geisterspiele, findet Kolumnistin Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Japan ist streng, stolz, diszipliniert, konsequent, auch stur. Die Infektionszahlen sind wieder nach oben geschnellt, Corona hat sich durchgesetzt und will den Ablaufplan bestimmen. Shinzo Abe, Japans Ex-Premier, hatte eisern am Olympia-Projekt festgehalten, der Konkurrent China sitzt im Nacken, die Katastrophe in Fukushima noch traumatisch im Kopf. Japan soll wieder glänzen wie damals 1964. Die fünf Ringe kamen ins Land und versetzten der Wirtschaft den traumhaften Auftrieb.

Olympia steht damit in Japan für ein Allheilmittel und der sagenhafte Geisterglanz von einst könnte ja zurückbefördert werden. Nur so richtig will das einfach nicht klappen. Wieder liegt ein Skandal auf dem Tisch: Kentaro Kobayashi, Direktor der Eröffnungsfeier, ist entlassen, weil er Witze über den Holocaust gemacht haben soll.

Das Coronavirus kommt aus der ganzen Welt nach Tokio eingeflogen

Losgelöst vom holprigen Start wütet Corona immer noch und macht dem Land einen Strich durch die schöne Sport-Rechnung. Japan befindet sich im Corona-Notstand. Die Bevölkerung ist sauer und alles andere als begeistert, dass der Sport die fragile Lage weiter strapaziert, das Virus aus der ganzen Welt - auch ohne Zuschauer - eingeflogen kommt. Corona wird es sich gemütlich machen in Hotels, Umkleidekabinen, Trainingscamps, Bussen und wo auch immer. Die Spiele werden gespielt, eben ohne Publikum, vor leeren Zuschauertribünen, vor leeren Rängen. Stille in Stadien, Arenen und auf Plätzen. Ungewohnte, befremdliche Bilder werden die Fernsehkameras um die Welt schicken.

Laufen als Ausgleich für langes Sitzen und Denken

Was werden Menschen wie Haruki Murakami denken? Wird er innerlich den Regierenden den Vogel zeigen? Oder wird seine Sportbegeisterung mit ihm durchgehen? Der Erfolgsautor ist nicht nur ausgezeichnet mit internationalen Literaturpreisen, er ist auch leidenschaftlicher Marathonläufer. In vielen Städten, an vielen Orten ist er gelaufen: Tokio, Honolulu, Boston, auch die Strecke von Athen nach Marathon hat er geschafft. Das Laufen bedeutet ihm ein zweites Leben, sagt er, ist Ausgleich für langes Sitzen und Denken am Schreibtisch. Eine Stunde am Tag ist festes Ritual, zumindest war es das, als er 2007 sein Buch schrieb: "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede". Schreiben und Laufen sind für Murakami nachgerade mystisch miteinander verwoben. Er beginnt den Tag schreibend, dann läuft er die mentale Anstrengung körperlich weg.

Den Schwung, die innere Zufriedenheit, das Glücksgefühl nimmt er mit in den neuen Tag. Ohne körperliche Bewegung kommt der Geist nicht aufs Papier. Und zum Geist hat Murakami sowieso einen besonderen Draht. In seinen Romanen sind es unsichtbare Wesen, die für Unruhe und Irritation sorgen, die Routinen des Alltags unterbrechen. Mit Beharrlichkeit bringen sie geisterhaften Glanz über das Geschehen.

Festspiele beginnen in Bayreuth - mutig

Vielleicht ist Haruki Murakami in diesen Tagen aber auch ganz woanders. Vielleicht ist der passionierte Läufer - zumindest gedanklich - bei seiner anderen, dritten Leidenschaft, der Musik. Die Bayreuther Festspiele beginnen am Wochenende. Vor zwei Jahren besuchte Murakami den Grünen Hügel und schrieb Tagebuch. Der Konzertsaal gestopft voll, hochsommerheiß, keine Klimaanlage, harte Sitze. Von Musik und Bühnenbild überwältigt, konnte er auch in Bayreuth Geisterhaftes entdecken, kleine Meister, die aus dem Klavier purzeln. Fantasie hat Murakami immer und überall. In Bayreuth jedenfalls wird ab Sonntag auf dem Grünen Hügel wieder gespielt - nicht nur vor Geistern, sondern vor leibhaftigem Publikum. Mutig.

 

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 23.07.2021 | 10:20 Uhr

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