Stand: 24.09.2020 18:17 Uhr

Gedankenlos in die Apokalypse

von Ulrich Kühn

Nachdenker Ulrich Kühn hatte Denkladehemmung. So was gibt es gar nicht so selten. Und als er sich fragte, warum das so ist - kam ihm ganz zum Schluss die Apokalypse zu Hilfe.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur.

Wo versteckst du dich bloß, mein liebes Thema? Komm schon raus, Du bist umzingelt! Nein, das war Spaß. In Wahrheit sind wir umstellt von Themen. Ich behaupte sogar: Wir könnten Tag und Nacht nachdenken. Leider sind wir damit beschäftigt, Ängste, Wut und Rechthaberei mit Gedanken zu verwechseln.

Puh, das klingt düster, arrogant, gemein - und auch unlogisch, oder? Der Angst-Druck ist oft so gewaltig, dass der Kopf fast platzen will, und als wäre der Kopf nicht rot genug, müssen wir auch noch recht behalten, und zwar unbedingt, sonst bekommen andere Recht, die sich natürlich irren. Rechthaberei ist Dienst an der Wahrheit, eine schlechthin humane Haltung, die Haltung der schönen Seelen! Leider kostet sie Kraft. Es ist der totale Stress, er füllt das halbe Leben aus. Und da behaupte ich, wir könnten Tag und Nacht nachdenken?

Die Lage ist miserabel

Ich geb es zu, das war übertrieben. Aber so machen es alle, nicht? Wer Recht behalten will - übertreibt. Wen die Wut schüttelt - übertreibt. Wen Ängste jagen, wird übertreiben; und wer ins Rampenlicht will: Bitte, wie soll man das heute schaffen, ohne maßlos zu übertreiben?

Ich fasse also zusammen: Wir haben oft Angst, müssen zwanghaft Recht behalten und brauchen den Beifall wie Sauerstoff. Himmel, wenn man in dieser Lage nachdenken wollte - es würde einen zerreißen. Es droht die Vierteilung der schönen Seele. Das ist die Lage. Sie ist miserabel.

Haben Bundesminister Zeit zum Nachdenken?

Und zum Überfluss Corona. Am Donnerstag habe ich einen Rechner erfunden, der mit absoluter Präzision ermittelt, wie häufig die Wörter "zweite" und "Welle" in den kommenden Wochen als Paar auftreten werden. Das Ergebnis würde die Bevölkerung verunsichern, doch darf ich verraten: Es ist der Horror. Dabei streiten wir sowieso andauernd, ob die Pandemie "jetzt erst richtig losgeht", ob wir in der dritten oder achten Welle stecken und ob man überhaupt von Wellen reden kann bei einer Pandemie. Und manche wähnen, es gäbe gar keine. Seit Monaten wird mit glänzenden und wirren Argumenten, Erfindungen, Beleidigungen rechtgehabert und quergedacht, dass die Schwarte kracht.

Vielleicht können Außenminister Maas und Wirtschaftsminister Altmaier in ihrer Quarantäne-Klausur durch präzises Nachdenken diese Corona-Sache klären. Andererseits, weiß man, ob Bundesminister nachdenken können? Sie kommen ja nie dazu.

Die Angst vor der Apokalypse

Genauso ging es mir bis eben. Vor lauter Drumherum-Denken kam ich nicht zur Sache. Jetzt aber ist es soweit: Ein Gedanke hat angeklopft, komm her, da hab' ich dich schon, aus dir wird jetzt was Schönes gemacht, zur Freude des lieben Publikums. Aber halt - was ist das?

Das ist, auf meinem Schreibtisch, "DIE ZEIT", das Wochenblatt für akademisch verbürgten Sensationalismus. Auf dem Titel ein brüllendes Bild und eine brüllende Zeile: "Die (ewige) Angst vor der Apokalypse". Um Gottes willen! Apokalypse! Vor Schreck fällt mir der süße kleine Gedanke aus der Hand, den ich gerade geschnappt hatte. Die Angst vor der Apokalypse, steht da, treibt uns an, das Schlimmste zu verhindern: "Bislang jedenfalls". Bislang jedenfalls! Das tönt so apokalyptisch, dass mir die Knie schlottern wollen.

Ich lächle dem Untergang entgegen

Und da, plötzlich, begreife ich: Kein Wunder, dass wir nicht nachdenken können! Wir ängstigen uns, planen voraus, fantasieren das Ende herbei. Wir sorgen vor gegen den Weltuntergang, für den kein Mensch sich wappnen kann. Und das seit alter Zeit. Leute! Von einer Spezies, der es so beschissen geht, dass sie ihr Erdendasein lang immer nur das finale Inferno abwendet - von dieser Spezies kann Nach-Denken im Ernst nicht erwartet werden. Ich muss sagen: Das entlastet mich. Ich bin nur ein Mensch! Wie sollte ich nachdenken können? So ruf' ich für diesmal sehr fröhlich adieu und lächle dem Untergang entgegen.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
AUDIO: Gedankenlos in die Apokalypse (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 25.09.2020 | 10:20 Uhr

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