Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Digitalisierung: Toll, Deutsche Bahn - und die Alten?

Stand: 08.10.2021 09:09 Uhr

Es ist langweilig, über die Deutsche Bahn zu schimpfen. Allerdings nicht immer. Manchmal ist es einfach nötig, zugleich unterhaltsam und empörend. Ulrich Kühn denkt nach.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Corona-Maßnahmen? Nicht mein Thema. Vieles fand ich vernünftig, anderes in sich widersprüchlich, und das kauzige Klein-Klein, das Hü und Hin und Hott und Her - Bundesfolklore konkurrierender Fürstentümer, die in jeder Lebenslage auf ihre Autonomie pochen wie der Trinker aufs Fläschchen. Wen kümmert schon, was ich davon halte? Na also. Die folgende Geschichte, sie ist wenige Tage alt, könnte Sie aber interessieren.

Digitale Registrierung - dann großer Genuss

Frühmorgens im ICE. Wir sind pünktlich, im Bordrestaurant gibt’s Cappuccino, beides ist nicht immer der Fall. Bordrestaurant, das ist der Ort, wo man im ICE jüngster Generation in der Nähe der zu engen Toiletten aus Plastikschweißfolien gepresste Convenience-Produkte frisch aus der Mikrowelle auf den Tisch bekommt, neuerdings wieder in napfartigem Einheitsporzellan. Allerdings, vor den großen Genuss haben die Herren der Bahn die digitale Registrierung gestellt.

An jenem Morgen gestaltete sich der Vorgang so, dass die Gäste unter persönlicher Anleitung eines freundlichen Mitarbeiters der immer freundlichen Bahn mit den Smartphones hantierten. Dieser wirklich sehr freundliche Mann fragte nach Impf-Zertifikaten, die er per Scanner erfasste. So weit, so neue Welt.

Duldung eines analogen Wesens im Bordrestaurant

Ein bisschen irritierend war, dass eine Kundin mit offenbar unleserlichem Zertifikat erklärte, sie sei zweimal geimpft, einmal in Österreich, einmal in Deutschland. Sie durfte bleiben, nachdem der höchst freundliche Mitarbeiter - und das ist nicht ironisch gemeint, der Mann blieb überwältigend freundlich - ihr nahegelegt hatte, sie möge beim Gesundheitsamt vorsprechen, um ordentlich zertifiziert zu sein. Das wirkte irgendwie ein bisserl, na: grenzwertig.

Was dann kam, war, fand ich, jenseits der Grenze. Eine alte Dame, 80 Jahre vielleicht, hatte kein Smartphone dabei, weil sie keines besitzt. Sie konnte sich nicht digital registrieren. Der freundliche Mann, bedauernd immerhin, verwies sie des Restaurants. Sie habe doch Hunger, klagte sie. Dann könne sie, hat man ihr freundlich gesagt, am Tresen ein Sandwich kaufen und zum Sitzplatz tragen. Die doppelstaatlich Geimpfte bekam das mit und war empört. Sie bot der alten Dame an, die Registrierung für sie zu übernehmen. Sie dürfen sich folgende Szene vorstellen: Eine betagte Frau mit Hörgerät hält sich schwankend am Tisch einer hilfsbereiten Smartphone-Besitzerin fest und diktiert, zum Teil gut vernehmlich, private Daten ins Gerät. Und siehe, es geschah ein Wunder: Dieses rein analoge Wesen von gestern wurde im Bordrestaurant geduldet.

Altern ist für alle da

Deutsche Bahn, was war denn das? Ein Einzelfall hoffentlich? Eine subtile Solidaritäts-Förderungs-Aktion? Oder führt ihr diese Grobform von Altersdiskriminierung unter "Kundennähe"? Ihr fordert auf hübschen Tischsets zur digitalen Registrierung auf. Habt ihr darüber nachgedacht, dass Menschen, die an Makula-Degeneration oder Arthrose leiden, nicht so gut kleine Buchstaben in viel zu kleine Formularfelder tippen können? Mögt ihr nicht gnadenhalber, einfach weil ihr es könnt, auch jene in euren grandiosen Restaurants dulden, die ohne Smartphone sind? Ich hab’ nichts gegen die Dinger, ich nutze zwei davon. Aber Alte zwangsdigitalisieren? Essen aus Folien, Kaffeemaschine außer Betrieb, da habt ihr es auch nicht so mit dem Fortschritt. Wenn ihr digital besser werdet - bitte, nur zu, man freut sich. Aber doch nicht um den Preis, Menschen auszuschließen, die nichts anderes verbrochen haben, als ziemlich alt zu werden.

Wer weiß, vielleicht fällt auch euch irgendwann das Phone aus arthritisch gekrümmten Fingern? Dann erinnert euch meiner Worte, falls ihr euch noch erinnern könnt: Altern ist kein Schicksal der Alten, Altern ist für alle da. Sogar für die besten Köpfe der Deutsche Bahn AG. Aber nein, ich bin mir sicher: Es war ein Einzelfall. Ich kann mir das gar nicht anders denken.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 08.10.2021 | 10:20 Uhr

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