Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Adieu, Verbissenheit, bye-bye, Selbstgerechtigkeit!

Stand: 07.01.2022 06:00 Uhr

Es ist toll, im Recht zu sein, andere im Unrecht zu wissen und das öffentlich mitzuteilen. Aber vielleicht ist es manchmal noch toller, darauf zu verzichten? Ulrich Kühn denkt nach.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Halleluja, endlich 2022! Alles wird anders, alles wird besser. Es fängt schon damit an, dass der gute Vorsatz, die guten Vorsätze fürs neue Jahr zu verwirklichen, diesmal wirklich verwirklicht wird. Also, wahrscheinlich, vielleicht. Wir werden Mitmenschen zuhören, die anders denken als wir. Manchmal werden wir sogar ein Fitzelchen mehr Verständnis aufbringen für jene, die unter unklaren Umständen nicht immer die glücklichsten Entscheidungen treffen. Es wird ein freundlicherer, ein auf herzwärmende Art sachlicher, ein überraschend wohltuender Umgangston Einzug halten, nicht nur im Treppenhaus, wo's schon jetzt ganz gut klappt, sondern auch in der Öffentlichkeit. Dort klappt es akut ja nicht ganz so gut. So wird das sein im neuen Jahr. Also, wahrscheinlich, vielleicht.

Juli Zehs kühne Hoffnung

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat in einem Interview mit der "ZEIT" erklärt, warum sie keine Essays mehr schreibt. Sie sei es müde geworden, die eigenen Ansichten auszuformulieren, hat sie sinngemäß gesagt. Wenn man das Interview vollständig liest, versteht man ganz gut, warum. Juli Zeh geizt nicht mit Kritik an Medien, die sich darauf beschränken, die allgemeine Empörungsmaschinerie zu befeuern. Sie ist auch nicht damit einverstanden, dass Journalistinnen und Journalisten sich ganz dem Aktivismus verschreiben. Zustimmung, hab' ich leise gemurmelt.

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Juli Zeh © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Soeren Stache Foto: Soeren Stache

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Juli Zeh ist insgesamt keine Anhängerin von Shitstorms der Moral. Ich kann ihr da gut folgen. Twitter als Kanzel der reinen Lehre, der Tweet als Gerichtsstand für Aburteilungen aller Art, und die Richter ernennen sich selbst - das kann nicht die Lösung auf Dauer sein. Juli Zeh formuliert eine kühne Hoffnung: "Die lagerübergreifende Mehrheit müsste einfach lachen über die, die versuchen, andere mit Diffamierungen mundtot zu machen." Irgendwann, so ihre Vision, haben wir die "moralische Selbstverzwergung" alle miteinander satt.

Vorsätze für 2022: Weniger Verbissenheit, Selbstgerechtigkeit und Moraltriumphalismus

Ich fand es erfrischend, das zu lesen. Es reihte sich ein in ein paar Begegnungen der letzten Tage und Wochen. Da war ein Spaziergang mit einer guten Freundin, die ich seit Jahrzehnten kenne. Sie will Deutschland auf Zeit verlassen. Nein, sie strebt nicht nach Paraguay, auch nicht ans Schwarze Meer, wo jetzt einige Mitmenschen Zuflucht suchen vor einem angeblich Richtung Diktatur driftenden Staat namens Deutschland, dem zugleich andere vorhalten, er sei in der Krise zu kompromisslerisch und zu wenig entscheidungsfreudig. Die Freundin ist dreifach geimpft, verdient ihr Geld freischaffend und möchte diese Freiheit nutzen, auf Zeit außer Landes im Süden zu leben. Einfach nur, um ein bisschen Ruhe zu haben vor der, wie sie findet, ruppigen, selbstgerechten Art, in der wir in letzter Zeit miteinander oder gegeneinander diskutieren oder gar nicht mehr diskutieren, weil wir uns lieber anbrüllen.

Dann hatte ich zwei virtuelle Begegnungen, mit der Schriftstellerin Felicitas Hoppe und dem Soziologen Armin Nassehi. Beide blicken erfrischend nüchtern-nachdenklich auf die Zeit der Pandemie, auf ganz unterschiedliche Weisen. Beide ziehen kluge Schlüsse und formulieren hörenswerte Gedanken. In Ruhe, gelassen und klar. Ein Privileg, dachte ich, mit solchen Menschen sprechen zu können, der schöne Beruf macht’s möglich. Schließlich die jüngste Begegnung - sie fand via Smartphone-Bildschirm statt, auf dem ich das Interview las, das Juli Zeh der "ZEIT" gegeben hat. Spätestens jetzt war klar: Es gibt nicht den leisesten Grund zu verzweifeln. Wir können polemisch sein, wir dürfen gallig sein. Es gehört zum Leben, macht Spaß und regt den Stoffwechsel der Öffentlichkeit an. Weniger hilfreich aber sind Verbissenheit, Selbstgerechtigkeit, Moraltriumphalismus. Davon ein bisschen weniger - das wär’s doch. Das sind kleine Vorsätze, mag sein, aber sie sind groß genug. Mal angenommen, wir verwirklichten sie - es würde zuletzt, wer weiß, ein richtig schönes Jahr. Also, wahrscheinlich. Vielleicht.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 07.01.2022 | 10:20 Uhr

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