Coloriertes Porträtfoto von Wilhelm Busch aus dem Jahr 1902. © picture-alliance / akg-images

Wilhelm Busch: Faszinierender Zeichner und rätselhafter Erzähler

Stand: 21.05.2021 15:45 Uhr

Das NDR Fernsehen erinnert am Sonnabend an den wegweisenden und kontroversen Künstler und fragt: Was bleibt von Wilhelm Busch? Ein Gespräch mit Gisela Vetter-Liebenow, Direktorin des Wilhelm Busch Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover.

Coloriertes Porträtfoto von Wilhelm Busch aus dem Jahr 1902. © picture-alliance / akg-images
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Frau Vetter-Liebenow, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Werk von Wilhelm Busch. Was fasziniert sie immer wieder aufs Neue? Wo überrascht er Sie nach wie vor?

Gisela Vetter-Liebenow: Zum einen fasziniert mich der Zeichner: Jedes Mal, wenn man seine Bildergeschichten, seine Naturzeichnungen anschaut, ist man wieder beeindruckt über diesen Strichkünstler, über diese Fähigkeit, mit ganz wenigen Strichen so viel auszusagen. Das andere ist der rätselhafte Wilhelm Busch, der vieles über seine Person, über das, was er aus seiner Zeit heraus empfunden hat, nur im Angedeuteten gelassen hat. Das ist das, was ihn so spannend macht und einen immer wieder dazu bringt, dass man sich Gedanken über den Menschen, den Künstler macht.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Vetter-Liebenow: Wenn man die Briefe von Wilhelm Busch liest, dann weiß man, dass ihm sehr bewusst war, dass diese Briefe öffentlich sein werden. Man merkt, dass er sehr verklausuliert mit seiner Zeit umgeht und dass er ein unglaublich genauer Beobachter war und sich immer wieder zurückzogen hat, zum Beispiel auf Naturbeobachtungen. Über diese Naturbeobachtungen hat er sehr viel zu der menschlichen Existenz, zum menschlichen Sein ausgedrückt.

In einem Brief schreibt Busch: "Ungehindert und emsig vermehren sich die Juden und ihre Gelder." Und in der "Frommen Helene": "Und der Jud mit krummer Ferse, krummer Nas’ und krummer Hos’, Schlängelt sich zur hohen Börse Tiefverderbt und seelenlos." Wie war sein Verhältnis zu den Juden? Ist das als Kritik an einer damals landläufig verbreiteten antisemitischen Haltung gemeint, oder war Busch selbst ein Antisemit?

Vetter-Liebenow: Wilhelm Busch hat einen sehr engen Freund gehabt, den Juden Hermann Levi. Er hat in dieser Richtung keine Zeichen gegeben, dass er ein Antisemit war. Aber er war einer, der in alle Richtungen ausgeteilt hat. Wenn man sich seine Bildergeschichten anschaut, da bekommt jeder etwas ab. Man muss ihn als Kind seiner Zeit sehen, der Zeit vor dem Holocaust. Und da waren die Juden genauso wenig von der Kritik ausgenommen wie alle anderen auch. Das ist sehr schwer, wenn man aus heutiger Sicht, mit dem ganzen Wissen, was im 20. Jahrhundert passiert ist, auf das 19. Jahrhundert blickt. Bei Wilhelm Busch muss man es vor dem Hintergrund sehen, dass er von seinem Spott und seiner Kritik keinen ausgenommen hat.

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Wilhelm Busch war ja auch Maler - inspiriert von den großen niederländischen Malern. Er sah sich selbst aber nicht als Maler und hat viele seiner Bilder zerstört. Woher kam diese Unsicherheit?

Vetter-Liebenow: Er hat über die Bildergeschichten seine öffentliche Anerkennung, seinen Ruhm bekommen. Er war dadurch aber auch ein unabhängiger Mann, und er war nicht darauf angewiesen, sich dem Kunstbetrieb seinerzeit unterzuordnen. Er hat nicht die Öffentlichkeit, nicht den großen Ruhm gesucht. Er hat für sich in Niedersachsen, aber auch an anderen Orten die Ruhe gefunden, um seine Malerei zu entwickeln, und er hat ein großes malerisches Oeuvre hinterlassen, was sein Privatvergnügen war.

Mit seinen Karikaturen ist er sehr innovativ gewesen. Was war denn das Innovative?

Vetter-Liebenow: Er wird nicht zu Unrecht als Vater des Comics bezeichnet, denn er hat das Erzählen in Bildern revolutioniert. Er hat in diesen Bildergeschichten einen Weg gefunden, den Zeichentrickfilm vorwegzunehmen in der Art, wie er seine Bildergeschichten aufgebaut hat. Er hat es in einen Fluss gebracht, eine Geschichte in einzelnen Sequenzen zu erzählen - und das haben die Comiczeichner weiterentwickelt. Aber in der Art der reduzierten, physiognomisch so unglaublich detaillierten Bildersprache ist er bis heute ganz modern.

Wenn Sie sich die Kabarettisten von heute ansehen, die Karikaturisten, die Illustratorinnen - wo begegnet Ihnen da heute immer noch Wilhelm Busch?

Vetter-Liebenow: Das kann man einerseits daran festmachen, dass viele Zeichner, mit denen wir sprechen, immer wieder Wilhelm Busch als ihr großes Vorbild bezeichnen, bei dem man Zeichnen in höchster Vollendung studieren kann. Auch in der Art, wie er seine Geschichten aufbaut und erzählt, ist er ein Vorbild und ein Inspirator.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 21.05.2021 | 18:00 Uhr

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