Stand: 26.07.2019 16:41 Uhr

Steht den Hohenzollern eine Entschädigung zu?

Beim Amtsgericht Potsdam ist der Antrag des Landes Brandenburg zur Fortsetzung des Gerichtsverfahrens um Entschädigungsforderungen der Hohenzollern eingegangen. Die Nachkommen des letzten deutschen Kaisers fordern seit Jahren vom Land Brandenburg die Rückgabe zahlreicher nach 1918 enteigneter Kunstgegenstände, ein Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof oder zwei anderer Liegenschaften sowie 1,2 Millionen Euro Entschädigung. In dem Verfahren, das 2014 eröffnet wurde, aber seit dem vergangenen Jahr geruht hatte, geht es darum, ob den Hohenzollern eine Entschädigung überhaupt zusteht. Nach Angaben des Ministeriums muss nämlich zunächst einmal geprüft werden, ob die Hohenzollern dem Naziregime Vorschub geleistet haben. Der Historiker Winfried Süß verfolgt die Auseinandersetzung intensiv.

Herr Süß, auf welcher Grundlage erheben die Hohenzollern - 100 Jahre nach ihrer Enteignung - ihren Anspruch?

Winfried Süß © c.kuller
Winfried Süß ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Winfried Süß: Man muss dazu ein bisschen in die Vergangenheit gehen. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, an dem die Hohenzollern-Familie nicht ganz unbeteiligt war, gehen große Teile der Familie ins holländische Exil und die Regierung beschlagnahmt zurückgebliebenes Eigentum - abzüglich etwa 50 Waggons voll Kunstgegenständen und Möbeln, die die Hohenzollern mitgenommen haben. In der Weimarer Republik wird ein Großteil davon wieder zurückgegeben. Dieser wiederum wird von der sowjetischen Militäradministration auf dem Gebiet der DDR, wo die Hohenzollern einen Großteil ihrer Besitztümer hatten, erneut beschlagnahmt - teil im Rahmen der Bodenreform, teils mit dem Vorwurf, den Nationalsozialismus unterstützt zu haben. Im Einigungsvertrag ist dann festgelegt worden, dass diese besatzungsrechtlichen Enteignungen Bestand haben. Da geht es vor allen Dingen um die Immobilien, also Schlösser und Landbesitz. Dafür werden diese 1,2 Millionen Entschädigung fällig, während die beweglichen Teile im Besitz der Familie geblieben sind und nach einer Schutzfrist zurückerstattet werden müssen. Das ist jetzt Teil des Streits. Das Problem ist: Sie haben ganz richtig auf diese Formulierung "dem Nationalsozialismus entscheidend Vorschub geleistet" hingewiesen. Wenn das nämlich festgestellt wird, ist ein Entschädigungs- und Rückgabeanspruch ausgeschlossen. Das wird jetzt von Historikern zu beurteilen und dann von Gerichten zu klären sein.

Die Hohenzollern bestreiten das im Moment?

Süß: Die bestreiten das, ja. Denn wenn sie es zugeben, sind sie nicht entschädigungsfähig. Es gibt Historiker, die sich unterschiedlich dazu geäußert haben: Wenn man die Sache vom Ende her denkt, dann kann man sagen: Es stimmt, es hatte keinen Hohenzollern-Prinz eine führende Funktion im Dritten Reich gehabt. Das wollten die Nazis auch gar nicht, weil sie dem Adel eigentlich misstraut haben. Wenn man - das machen Historiker gerne - die Geschichte von Anfang an erzählt, dann muss man schon sagen, dass eine ganze Reihe führender Hohenzollern, etwa Prinz Wilhelm oder Prinz August Wilhelm, in vielfacher Hinsicht mit dem Nationalsozialismus paktiert haben, um die Weimarer Republik zu Fall zu bringen. Man kann schon sagen, dass sich mehrere führende Hohenzollern nachhaltig und aktiv für den Nationalsozialismus engagiert haben.

Das Ganze war 2014 vor Gericht - jetzt ruft das Land Brandenburg den Prozess wieder auf. Sind Gerichte und Richter da nicht ein bisschen überfordert? Ist das der richtige Ort, um das zu entscheiden?

Süß: Hier werden tatsächlich Grundfragen der deutschen Zeitgeschichte vor Gerichten verhandelt. Und Juristen denken ja etwas anders als Historiker: Juristen haben gerne glasklare Kausalketten - Historiker sind eher Spezialisten für die Grauzonen, für die Schattierungen und Mischungsverhältnisse des menschlichen Daseins. Da wird es mit Sicherheit einen Konflikt geben, weil das, was Historiker dazu vortragen, sich möglicherweise nicht so gut in die Sprache der Gerichte einfügen wird. Wobei wir gerade in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus sehr häufig die Situation haben, dass wichtige Fragen tatsächlich im Umfeld von Gerichtsprozessen geklärt werden.

Das Ganze ist jetzt im Besitz der öffentlichen Hand. Der Hochadel spielt offiziell keine besonders große Rolle mehr in unserer heutigen Gesellschaft. Wenn aber nun doch eine Restitution angeordnet würde, wäre das nicht auch historisch gesehen eine Rolle rückwärts?

Süß: Das würde ich genauso sehen. Viele von diesen Forderungen sind hochproblematisch, zum Beispiel die Idee, dass es ein Mitspracherecht bei den historischen Darstellungen der Familie gibt, wenn diese Darstellungen durch Einrichtungen der öffentlichen Hand vorgenommen werden. Es gibt keinen Adelsprivileg in einer demokratischen Geschichtskultur. Die Hohenzollern können hier eine Stimme haben, aber das ist eine Stimme in einer Vielfalt verschiedener Stimmen.

Man muss schon sagen, dass die Vermögensauseinandersetzungen in den 20er-Jahren, auf die sich diese Ansprüche im Grunde stützen, zu sehr problematischen Bedingungen geführt worden sind. Das waren alles Richter, die noch vom Kaiserreich eingesetzt worden sind. Da sind die Hohenzollern damals extrem gut weggekommen, was zeitgenössisch durchaus als Skandal empfunden worden ist. Die Lasten des Krieges sind da sehr ungleich verteilt worden: Die Hohenzollern behielten einen Großteil ihres Vermögens. Wenn Sie aber als normaler Bürger in Kriegsanleihen für den Kaiser investiert hatten, dann war Ihre Altersversorgung weg. Ich rede gar nicht von den vielen Millionen Kriegsversehrten, Kriegerwitwen und Kriegswaisen, die dieser furchtbare Weltkrieg produziert hat. Von daher kann man sich in der Tat fragen, ob es moralisch gerechtfertigt ist, heute noch solche Ansprüche zu stellen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Journal | 26.07.2019 | 19:00 Uhr

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