Christian Kuhnt © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

Christian Kuhnt: "Wir alle sind ratlos - aber auch gefordert"

Stand: 29.12.2020 12:47 Uhr

Zum Ausklang von 2020 wollen wir von Kulturschaffenden und Veranstaltern aus dem Norden wissen, wie das Jahr für sie war. Die Frage ging auch an Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, SHMF.

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Herr Kuhnt, am 17. April dieses Jahres haben Sie zunächst die Absage des diesjährigen SHMF verkündet. Sie mussten 240 Veranstaltungen canceln und 130.000 bereits verkaufte Karten mit einem enormen Aufwand rückabwickeln. Was ist das für ein Gefühl?

Christian Kuhnt: Erinnern Sie mich doch bitte nicht daran, das war tatsächlich ganz furchtbar. Wir haben versucht, das so lange wie möglich herauszuzögern, weil wir einfach nicht dran glauben wollten, dass die ganze Arbeit, die wir und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler zwei Jahre investiert haben, zunichte war. Dann sind wir erst mal durch eine wirklich dunkles Tal geschritten.

Dann ging es aber bergauf: Sie haben unter dem Slogan "Sommer der Möglichkeiten" ein beachtliches Programm auf die Beine gestellt und sich vieles einfallen lassen. Können Sie den Weg dahin schildern?

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Kuhnt: Wir haben in der Phase der Absage viel zusammen gesessen und uns überlegt, wie wir mit dem, was kommt, umgehen. Wir waren geprägt - und das ist bis heute der Fall - von Unsicherheiten von Perspektivlosigkeiten, und kamen überein, dass wir einfach das machen, was im Sommer möglich ist, mit aller Spontanität. Wir haben dann den "Sommer der Möglichkeiten" ausgerufen, mit dem Ziel, so vielen Künstlerinnen und Künstlern wie möglich eine Plattform zu bieten. Denn uns war sehr schnell klar, dass wir als Veranstalter ordentlich gebeutelt sind - aber noch viel extremer die vielen Solistinnen und Solisten und die freien Ensembles. Dementsprechend war das auch eine solidarische Aktion. Dass dann so viel mehr möglich war, als wir im April gedacht hatten, hat uns gefreut, und unser Publikum ist den Weg mit uns gegangen.

Das SHMF ist ja eines der größten klassischen Musikfestivals Europas, und an der Planung und Umsetzung einer Veranstaltung dieser Größenordnung hängen sehr viele Akteure. Da hatten Sie wahrscheinlich die eine oder andere schlaflose Nacht, oder?

Kuhnt: Ja, das kann man sagen. Und ich bin jetzt am Jahresende psychisch ziemlich erschöpft, denn ich musste versuchen, unser wunderbares Team immer wieder zu motivieren, auch zu zeigen, dass es eine Perspektive gibt. Ich selbst wusste ja auch nicht sehr viel mehr. Jeden Tag die vielen Fragen gestellt zu bekommen, die man nicht beantworten kann - das belastet ungemein. Jetzt kann ich eine kleine Auszeit auch gebrauchen.

Der "Sommer der Möglichkeiten" war wahnsinnig kreativ. Sie haben zum Beispiel Musik-Trekker durchs Land geschickt und Lkw-Konzerte veranstaltet. Was waren Ihre Highlights?

Kuhnt: Jedes Konzert, das wir haben durchführen können, war ein Highlight, denn wir haben uns wie die Kinder darauf gefreut. Ich selbst war bei jedem Konzert mit Martin Grubinger - und es waren knapp 20, die er innerhalb von kürzester Zeit gegeben hat - voller Euphorie und habe mit mit dem Publikum gemeinsam gefiebert. Dementsprechend kann ich da nicht ein Highlight herausheben.

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Interessant war die Erfahrung, dass wir alle in so einem digitalem Euphorieschub waren: Wie kann man ein Live-Ereignis transformieren und für die sozialen Medien aufbereiten? Da haben wir gemerkt, dass wir das gar nicht sind. Wir sind live, wir brauchen die Auseinandersetzung zwischen den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Das Digitale kann nur unterstützend wirken. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis. Und wir werden das, was wir gelernt haben, sicherlich für die Zukunft nutzen. Aber ganz klar ist, dass keine Fernsehproduktion - auch wenn sie noch so gut ist - ein Live-Theaterereignis oder ein Live-Konzert ersetzen kann.

21.000 Besucherinnen und Besucher konnten Sie verzeichnen; insgesamt sind 401 Künstlerinnen und Künstler aufgetreten. Das sind Zahlen, die sich auf jeden Fall sehen lassen können. Welche Bilanz ziehen Sie abgesehen davon?

Kuhnt: Das größte Glück ist die Solidarität unseres Publikums mit ihrem Schleswig-Holstein Musik Festival. Über 800.000 Euro sind eingegangen an Spenden und vom Verzicht der Rückerstattung von Eintrittsgeldern. Das hat uns überwältigt. Dieses Geld konnten wir eins zu eins den Musikern zur Verfügung stellen.

Es gab auch einen starken Zusammenhalt im Team. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie stark ein Miteinander ist, und das war ausgesprochen ausgeprägt. Das war auch eine positive Erfahrung.

Wir werden im nächsten Jahr wahrscheinlich noch die eine oder andere Auswirkung der Pandemie zu spüren bekommen, und wir können jetzt auf Erfahrungen zurückgreifen. Auch das ist eine außerordentlich positive Erinnerung, die ich habe und die wir auch nutzbar machen.

Es gab Kritik einiger Kulturschaffender und Veranstalter an der Anti-Corona-Politik: Mangelnde Stringenz, Benachteiligung der Kulturbranche, man sei nicht genug angehört und miteinbezogen worden in Entscheidungsprozesse. Wie beurteilen Sie das Agieren der Politik?

Kuhnt: Tatsächlich war das am Anfang eine schwere Katastrophe, dass wir als Großveranstaltung abgehandelt wurden. Es gab keine Regelung, die das differenziert hätte. Da wurde mir bewusst, dass wir in Bezug auf Lobbyarbeit als Kulturschaffende deutlich mehr machen müssen. Das hat sich aber im Laufe der Monate geändert, auch weil die Kulturszene laut wurde. Für mich war zu erkennen, wie schnell wir auf außergewöhnliche Situationen reagieren können, wie sehr wir in der Improvisation Dinge ermöglichen können. Das hat mich sehr gefreut.

Umso größer war dann der Schock, als es hieß, dass unsere Bemühungen umsonst waren. Das ist bitter, aber wir haben auch als Kulturschaffende, als Künstlerinnen und Künstler eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Wir alle sind ratlos - aber auch gefordert. Wir müssen etwas tun, um die Verbreitung dieses Virus einzudämmen. Und wenn das bedeutet, dass wir auf das gesellschaftliche Zusammenkommen bei Kulturereignissen verzichten müssen, dann ist das für eine möglichst kurze Zeit auch hinnehmbar. Aber ich wünsche mir jetzt eine Ausdifferenzierung und einen langsam Start ins Kulturleben.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 29.12.2020 | 18:00 Uhr

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