Samira El Ouassil und Ijoma Mangold © imago

Cancel Culture, Identitätspolitik und das richtige Vokabular

Stand: 30.12.2020 18:24 Uhr

Eine der hitzigsten Diskussionen des Jahres drehte sich um die Debattenkultur: Wie ist es um die Kunst der Kontroverse bestellt, um Tonfall und Meinungsfreiheit? Ein Gespräch mit der Autorin Samira El Ouassil und dem Literaturkritiker Ijoma Mangold.

Cancel Culture meint grob übersetzt die Kultur des Absagens. Frau El Ouassil, Sie haben im August in Ihrer Kolumne bei "Übermedien" getitelt: "Canceln wir die Idee der 'Cancel Culture'!". Mögen Sie uns diese ganz grundsätzliche Ablehnung erklären?

Samira El Ouassil: Die Ablehnung ist nicht ganz so grundsätzlich, wie es der Titel anmuten mag. Ich denke schon, dass es Ideen dahinter gibt, die es zu diskutieren gilt, aber insgesamt glaube ich, dass der Begriff je nach Projektion zu vieles gleichzeitig bedeuten kann. Es gibt sehr viel Uneinigkeit darüber, was genau Cancel Culture in der deutschen Gesellschaft und in den deutschen Debatten bedeutet. Im Allgemeinen nehme ich wahr, dass man diesen Begriff gerne als Kampfbegriff benutzt beziehungsweise die Ausgefranstheit dieses Begriffs ihn zu einem diskurspolitischen Passepartout werden lässt. Dann wird es schwierig, weil ihn dann jeder nach eigener Agenda benutzt. Was wir manchmal meinen, wenn wir versuchen, Cancel Culture zu bezeichnen, ist etwas, was wir atmosphärisch im Digitalen wahrnehmen, was in Anbetracht unserer netzwerkdynamischen Effekte recht trivial ist: der Umstand, dass wir in einer sich immer mehr ausdifferenzierenden Gesellschaft mit immer mehr Stimmen und immer mehr Personen leben, die nun endlich am gesellschaftlichen soziologischen Tisch mitsprechen dürfen, und auch eine gegenseitige Wahrnehmbarkeit all dieser Stimmen vorhanden ist. Wir kriegen viel mehr mit, was andere denken und wundern uns darüber, dass plötzlich Leute viel mehr auf die Gedanken anderer reagieren. Aber das ist in unserer Liberalisierung und Digitalisierung eigentlich ein ganz normales Prozedere.

Herr Mangold, ist "Cancel Culture" nur ein Kampfbegriff derer, die doch noch etwas sagen dürfen wollen? Oder gibt es tatsächlich diesen verengten Meinungskorridor, der immer wieder zitiert wird?

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Ijoma Mangold: In der Tat ist das Ganze ein Effekt unserer Medienlandschaft. Wenn die zentrale Währung Aufmerksamkeit ist, dann ist es auch ganz zentral, dem politischen oder dem weltanschaulichen Gegner genau diese Aufmerksamkeit zu entziehen. Dem Konzept der Cancel Culture ging eine andere politaktivistische Strategie voraus, das "Deplatforming". Auch da war die Idee, dass die Meinungsposition des Gegners nicht argumentativ auf offener Bühne oder in Form einer rhetorischen Saalschlacht bekämpft wird, sondern dass man ihm zu allererst die Bühne entziehen muss. Dahinter steckt eine neue Mentalität, vor allem bei jungen Menschen an Universitäten, die sehr sensibel auf Mikroaggressionen und so weiter reagieren. Da gibt es die Vorstellung, dass die Meinung des Gegners selber schon so gefährlich ist, dass sie erst gar nicht in die Öffentlichkeit gelassen werden darf. Und die Verschärfung dieser Strategie ist die Cancel Culture. Und da ist es wichtig zu schauen, wie sich das in verschiedenen Ländern darstellt. In Deutschland stellt es sich definitiv ganz anders dar als in den USA. In den USA sagt man oft, dass Twitter und dessen Shitstorms der neue Chefredakteur der "New York Times" seien. Dort verlieren Leute wegen unangepasster Redeweise Jobs - das ist in Deutschland überhaupt noch nicht der Fall.

Meine Sorge ist die Verdummung des Diskurses und Cancel Culture in der deutschen Version führt dazu, dass wir viel zu schnell einen Diskurs mit einer Phrase abschließen, und etwas an einen Platz verweisen, wo wir meinen, dass es hingehört. Wobei es da doch eigentlich überhaupt erst anfing, sich herzlich zu streiten.

Herr Mangold, Sie beschreiben in Ihrem Buch Ihr trotziges Naturell, das Sie immer wieder dazu verführe, in Diskussionen die Gegenposition einzunehmen, sogar dann, wenn Sie gar nicht Ihrer tatsächlichen Haltung entspricht. Sind Sie angesichts dieser zunehmenden "Wokeness", dieser Wachsamkeit, zurückhaltender geworden?

Mangold: Da haben Sie meinen Charaktermakel des Trotzes gründlich missverstanden. Für Typen wie mich ist dieser "Wokeness"-Konformismus natürlich ein gefundenes Fressen. Wenn man immer wieder sprechen will, ist man ganz froh, wenn man so ein einheitliches Stimmungs- und Sittenbild als Gegenüber hat, das man dann provozierend herausfordern kann. Es ist heute so wahnsinnig einfach, als skandalös empfunden zu werden. Der Kern unserer ganzen Debatte ist, dass es die ganze Zeit nur um Worte und um Vokabulare geht. Dafür gibt es den Begriff Identitätspolitik, und die wird mit einem gewissen Recht dafür kritisiert, dass sie sich komplett in diese Überbau-Welt verstiegen hat, wo die Gerechtigkeit von morgen durch die richtige Sprache von heute eingelöst werden soll.

Wir haben im Sommer dem Thema Cancel Culture einen NDR-weiten Schwerpunkt gewidmet. Dabei ging es zum Beispiel um das Thema Straßenumbenennungen, wie etwa jene Straße in Berlin, die jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißen soll. Wie haben Sie diese Diskussion verfolgt, Frau El Ouassil?

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In einem Schaufenster in der Fußgängerzone hängt ein Schild mit der Aufschrift "geschlossen" © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

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El Ouassil: Ich finde die Argumente von Herrn Mangold gegen die identitätspolitischen Bestrebungen sehr bemerkenswert, weil ich durchaus glaube, dass sich die Wirklichkeit, auch Machtstrukturen der Wirklichkeit, in der Sprache widerspiegeln. Es ist durchaus relevant, wenn Personen mit bestimmten Begriffen nicht bezeichnet werden möchten, und dass die Deutungshoheit nicht bei den Bezeichnenden liegt. Es ist relevant, dass in einem demokratischen und diskursiven Austausch darüber verhandelt wird, wie Sprache benutzt wird, um Menschen zu bezeichnen. Ich halte das für eine demokratische Nutzung der eigenen Stimme, wenn man als betroffene Person sagt, das Vokabular oder der Straßenname sei nicht angemessen. Im Grunde sind das für die Demokratie keine anspruchsvollen Veränderungen, das Vokabular oder einen Straßennamen an der Stelle zu ändern, um einen größeren demokratischen Grundkonsens miteinander verhandelt haben zu können.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie, Herr Mangold, allein beim Stichwort "Betroffene" an dieser Stelle ganz gerne einhaken würden, oder?

Mangold: Ja, in der Tat. Die Stimmen der Betroffenen sollen gehört werden - da zucke ich tatsächlich immer ein bisschen zusammen. Das ist die neue Standard-Redeweise, und ich merke selber, dass mir da etwas misshagt. Mir gefällt zum Beispiel ein Diskurs nicht, der die Rolle der Betroffenen so stark privilegiert. Ich finde es nicht schön, in Diskussionen einen Nachteil oder einen Vorteil zu genießen, dadurch, dass man seine Position als Betroffener ausweist. Ich bringe einen gewissen Erfahrungsschatz mit, der unbedingt überall einfließen soll, aber dann wünsche ich mir, dass die Argumente als solche gehört werden. Und heutzutage habe ich sehr oft das Gefühl, dass es in Diskussionen langweilig wird, weil in dem Moment, wo der Betroffene seine Stimme erhebt, alle anderen schweigen müssen, weil sie wissen, dass es unglaublich unsensibel wäre, aufgrund der eigenen mangelnden Leidenserfahrung zu irgendeinem politischen Punkt auch eine Meinung zu haben.

Damit verknüpft ist auch die Rede von der Stimme. Das hätte es in diesem inflationären Gebrauch vor 10 oder 15 Jahren noch nicht gegeben. Die Stimme ist die Charakterisierung der Identität des Sprechenden und nicht seiner Argumente. Früher war man ein kluger Kopf oder ein Intellektueller - heute ist es eine wichtige Stimme der queeren oder der schwarzen Community. Da gibt es Diskursverschiebungen, die mir misshagen.

Selbstverständlich ist die Geschichte und ihr Vokabular in einem ständigen Wandel begriffen. Wenn Reiche untergehen können, können auch Straßennamen irgendwann einen anderen Namen tragen - das ist völlig richtig. Aber diese Diskussionen, die notwendig, wichtig und fruchtbar sein können, sind mir immer zu schnell zu Ende. Am Beispiel der Mohrenstraße finde ich nicht, dass das das letzte Wort sein sollte, weil einige Betroffene das als kränkend empfinden. Ich finde nicht, dass das Wort "Mohr" zwingend in einem rassistischen Sinne aufzufassen ist. Im Gegenteil: Zu dem Zeitpunkt, als die Straße danach benannt worden ist, war das ein Ausdruck von aufgeklärter Welterkundungsneugier.

Ich wünschte mir insgesamt einen höheren Sinn für die geschichtlichen Färbungen der Namen und Begriffe. Denn eines scheint mir klar zu sein: Wir sind im Moment sehr erbarmungslos darin, die Moral unserer Gegenwart durchzusetzen. Wenn wir aber dazu ja sagen, ist die logische Konsequenz, dass in zehn Jahren das, was wir heute als moralisch richtig wahrnehmen, als genauso verstaubt, reaktionär und überwindenswert gelten wird. Deswegen fänd ich ein bisschen Nachsicht mit den Überbleibseln einer Zeit, die nicht unserem Geist gehuldigt hat, ganz wohltuend.

El Ouassil: Natürlich befinden wir uns die ganze Zeit im Wandel und werden in zehn Jahren noch einmal anders auf die aktuellen Entwicklungen schauen und werden sagen, dass einige Gags vielleicht schlecht gealtert sind. Ich habe aber nicht gesagt, dass die Stimmen gehört werden sollen und sie dann das letzte Wort aufgrund eines identitätspolitischen Status haben. Sie haben gesagt, die andere Seite hat dann still zu sein - ich würde das gar nicht so dogmatisch sehen, sondern eher, dass die andere Seite erst einmal zuhört. Und dann wird dieser Sachverhalt diskursiv und demokratisch verhandelt und anschließend in einem demokratischen Verfahren beschlossen, wie mit dem Begriff gehandhabt wird. Die letzte Stimme liegt dann immer noch im demokratischen Prozess. Und da müssen wir hin, um diesen Universalismus und Egalitarismus der Stimmen zu erreichen, den Sie berechtigterweise einfordern. Dass nicht der Status oder die eigene Identität über die Qualität eines Arguments bestimmt, sondern Validität, Reliabilität und Richtigkeit der Argumentation.

Mangold: Da kommen wir auf jeden Fall ins Geschäft.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.12.2020 | 18:00 Uhr

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