Zeitumstellung © by-studio/fotolia Foto: by-studio

Ein letztes Mal an der Uhr drehen? Vom Unsinn der Zeitumstellung

Stand: 29.10.2022 07:44 Uhr

von Peter Spork

Welche Zeitzone ist die richtige?

Die eigentliche Debatte kreist allerdings schon lange nicht mehr um die Uhren-Umstellung selbst. Ihre Abschaffung wird kommen - früher oder später. Gestritten wird darüber, welche Zeitzone danach die richtige für die Menschen ist: Ist es die, in der wir zuletzt im Sommer lebten oder jene, in die wir in der kommenden Nacht zurückkehren, und die aus gutem Grund per Definition Normalzeit genannt wird?

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

Gedanken zur Zeit

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Emotional sprechen sich viele für eine dauerhafte so genannte Sommerzeit aus. Sie genießen es, mehr Freizeit am Tageslicht zu haben, und merken gar nicht, dass sie diese berechtigte, zutiefst menschliche Sehnsucht nach Sonnenlicht nur befriedigen können, weil sie eine Stunde früher aufgestanden sind und Nacht für Nacht ein wenig Schlafenszeit opfern. Die im Jahr 2017 mit dem Nobelpreis gekrönte Wissenschaft von den inneren Uhren - die Chronobiologie - kennt eine bessere Lösung: Wir müssten Abstand nehmen von dem Denken, erst käme die Arbeit und dann das Vergnügen.

Das führt nämlich dazu, dass wir mehrheitlich den ganzen Tag im Halbdunkel in geschlossenen Räumen verbringen und nur am Abend nach Draußen ans Tageslicht gehen. Unsere Biologie lässt uns deshalb abends zu spät müde werden - und morgens sind wir unausgeschlafen. Das Resultat ist ein Teufelskreis des chronischen Schlafmangels, den die so genannte Sommerzeit zusätzlich verstärkt.

Wir brauchen eine neue Zeitkultur

Letztlich brauchen wir eine neue Zeitkultur. Sie hilft uns, ganzjährig in der einzig biologisch und medizinisch sinnvollen Zeitzone zu leben - der Normalzeit - und dennoch genügend Tageslicht zu bekommen.

Wir bedienen uns dafür am besten bei den guten Seiten der Corona-bedingten Home-Office-Erfahrung: Die Arbeitszeiten werden flexibler, damit mehr Menschen schlafen und arbeiten können, wann es für ihre Biologie am besten passt - letztlich also, damit weniger Menschen einen Wecker benötigen. Und wir verlagern mehr Freizeitaktivitäten in die Zeit vor der Arbeit oder der Schule.

Spazieren gehen, Fahrrad fahren, uns mit Freund*innen treffen - all das vormittags und draußen am Tageslicht: Das wäre ein effektives Programm für tieferen, längeren und erholsameren Schlaf. Warum ist es denn so schlimm, wenn wir die Arbeit auch später am Tag erledigen?

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen ein erhöhtes Krebsrisiko haben, häufiger an Depressionen leiden und im Durchschnitt früher sterben, je weiter westlich sie in einer Zeitzone leben. Dann ist es doch widersinnig, sich freiwillig eine östlichere Zeitzone auszusuchen und damit - was die Differenz zwischen den sozialen und den biologischen Zeiten betrifft - noch eine Stunde weiter nach Westen zu begeben.

Großer Stress für Kinder und Jugendliche

Lassen Sie mich träumen: Wenn wir kommende Nacht zum letzten Mal die Uhren umstellen, und von da an in einer ganzjährigen Normalzeit leben, hilft das der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Und die Minderheit hat keinen Schaden, weil sie freiwillig früher aufstehen kann. Vor allem aber sollten wir es für die Schulkinder tun.

Jugendliche und junge Erwachsene sind chronobiologisch gesehen Eulen oder sogar "Monstereulen". Das heißt, sie werden abends nicht zeitig müde, selbst wenn ihre Eltern oder Lehrer*innen das unbedingt wollen. Gleichzeitig benötigen sie überdurchschnittlich viel Schlaf, nicht zuletzt, weil sie noch so viel lernen müssen. Wenn die Schule um acht beginnt, ist das für die allermeisten von ihnen ohnehin viel zu früh. Während der so genannten Sommerzeit werden sie biologisch gesehen aber noch eine Stunde früher zum Lernen gezwungen.

Würden wir den Unfug endlich abschaffen, bekämen Jugendliche sieben Monate im Jahr erheblich mehr Schlaf als derzeit. Wir könnten uns freuen auf eine neue, ganz besonders aufgeweckte Generation.

Eine Wiederholung der Sendung vom 30. Oktober 2021

Der Zeiger einer Uhr steht auf drei Uhr. © dpa Foto: Ralf Hirschberger
AUDIO: Wo bleibt das Ende der Zeitumstellung? (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 30.10.2021 | 13:05 Uhr

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