Eine berufstätige Mutter mit Kind im Homeoffice © imago

Corona: Wie die Pandemie die Familie verändert hat

Stand: 08.10.2021 15:21 Uhr

Wie hat Corona unser Zuhause geprägt, vielleicht auch grundlegend verändert - unsere Sehnsucht nach sicheren Räumen im Leben, vielleicht sogar bis hin zur derzeit so viel diskutierten Identitätspolitik?

Christiane Peitz © IMAGO / APP-Photo
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von Christiane Peitz

Familie - das ist normalerweise der Ort, von dem aus man in die Welt hinauszieht - zur Arbeit, in die Schule, irgendwann in ein neues, eigenes Leben. Während der Lockdowns in der Pandemie-Zeit war das plötzlich anders: Auf einmal bedeutete die Familie selbst die Welt. Diese kleinste Einheit der Gesellschaft wurde zum großen Ganzen, war Arbeitsplatz, Schule, Spielplatz, Sportstudio und vieles mehr. Mit zwiespältigen Folgen: Häusliche Gewalt hat zugenommen, der Zwang zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso.

Die traditionellen Strukturen lösen sich auf

"Familie als Plural", so lautet der Titel einer Konferenz an der Berliner Humboldt-Universität in diesen Tagen. Die traditionellen Strukturen lösen sich auf. Familie ist längst vielerlei, Papa-Mama-Kind, Patchwork, Alleinerziehende oder queere Paare mit Nachwuchs, getrennte Eltern im Wechselmodell, mit Unterstützung von Freunden und Großeltern - der Alltag von Menschen mit Kindern ist diverser und mobiler denn je. In der Pandemie sah die Gesellschaft sich gezwungen, diese Vielfalt und vor allem die Mobilität drastisch einzuschränken. Der eine Haushalt, maximal zwei, diese Größenordnung wurde maßgebend bei den Lockdown-Vorschriften. Mehr bitte nicht in den eigenen vier Wänden, und bleibt möglichst zuhause, das war die Regel. Nach eineinhalb Jahren Corona treten die Folgen dieser der Krise geschuldeten Notwendigkeit immer deutlicher zutage.

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Christiane Peitz ist Kulturautorin und Redakteurin des Berliner "Tagesspiegels".

Gewöhnlich ist Familie ja der Ort, von dem aus man weggeht, hinaus in die Welt. In den Kindergarten, anfangs nicht selten mit Tränen, in die Schule, in die Wohngemeinschaft, die erste eigene Partnerschaft. Der Soziologe Dirk Baecker beschreibt das Wesen der Familie als paradox. Sie müsse "ihre Kinder unglücklich genug machen, um die Familie verlassen zu wollen, und glücklich genug, um selbst eine Familie gründen zu wollen", so Baecker. My home, my castle: In der Pandemie änderte sich das radikal. Plötzlich war Familie nicht mehr der Hafen, nicht mehr Ausgangspunkt und Rückzugsort, sondern ein Innenraum, in den sich das Außen hineinstülpte. Zuhause, das waren jetzt die Wände, die die Welt bedeuten. Das soziale Leben implodierte, es ergriff Besitz vom häuslichen Refugium. Über Monate hinweg fungierte der Kreis der Liebsten auch als Büro, als Klassenzimmer, Spielplatz, Uni-Seminar, Sportstudio, Partylocation, Kneipe, Lesesaal oder Friseursalon.

Extrembedingungen für viele eine Überforderung

Entgrenzung auf äußerst begrenztem Raum: Die berühmte Keimzelle der Gesellschaft sah sich in Lockdown und Quarantäne genötigt, Aufgaben zu übernehmen, die sonst eben diese Gesellschaft erfüllt, in staatlichen Bildungs-, Jugend-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Die Überforderung war programmiert. Wem ging die liebe Verwandtschaft oder Wahlverwandtschaft nicht auf die Nerven, wer fühlte sich nicht heillos überlastet, wenn mitten im provisorischen, womöglich im Schlafzimmer eingerichteten Homeoffice, neben der Verunsicherung in der Kurzarbeit oder der komplizierten Logistik bei aushäusiger Berufstätigkeit auch noch das Homeschooling der Kinder Aufmerksamkeit verlangte? Wenn die Kita ersetzt, täglich drei Mahlzeiten zubereitet und am Feierabend bitte für Entspannung gesorgt werden sollte?

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Mehr Stress, mehr Streit um jede freie Minute und jeden Millimeter Freiraum, allemal mehr Erschöpfung - viele Familien haben es geschafft, sich trotzdem im guten Sinne zusammenzuraufen, sich nicht in die innere Emigration zu begeben, sondern einander unter diesen Extrembedingungen neu kennenzulernen und neu zu organisieren. Ihnen gebührt großer Respekt. Die gute Nachricht: Weniger Dienstreisen, flexibleres Arbeiten, die leichtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Homeoffice - all das sind Optionen auch für die Zeit nach Corona geworden.

Die schlechte Nachricht: Diese anders geartete Work-Life-Balance kann eben auch zur Zumutung werden. Die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel hat eine selbstironische Tragikomödie über den Lagerkoller und die eigene Dünnhäutigkeit gedreht, mit dem trefflichen Titel "Vertreibung ins Paradies". Sie findet sich nach wie vor in der ARD-Mediathek. Hendel war mit ihrer Patchworkfamilie im brandenburgischen Haus mit Garten gestrandet - eine Zwangsisolation unter recht luxuriösen Bedingungen, wie die Regisseurin freimütig zugab.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 09.10.2021 | 13:05 Uhr

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